SWR Symphonieorchester im Beethovensaal Was für ein orchestraler Budenzauber!

Robert Treviño hat das SWR Symphonieorchester dirigiert. Foto: Håkan Röjder

Das SWR Symphonieorchester hat im Stuttgarter Beethovensaal Werke von Barber, Sibelius und Adams gespielt – und unter der Leitung von Robert Treviño Maßstäbe gesetzt.

Für den Philosophen Theodor W. Adorno war Jean Sibelius ein Stümper. Weder könne dieser einen Choral aussetzen, noch einen „ordentlichen Kontrapunkt“ schreiben, überhaupt sei er „hinter dem technischen Standard der Zeit völlig zurückgeblieben“.

 

Dieses Urteil des wohl einflussreichsten Musiktheoretikers des 20. Jahrhunderts, dem viele seiner zahlreichen Adepten folgten, hatte gerade in Deutschland eine destruktive Wirkung auf die Rezeption von Sibelius’ Werk. Zwar findet man das melodiensatte Violinkonzert immer wieder auf Konzertprogrammen. Die Sinfonik dagegen führt, im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern, hierzulande immer noch ein Schattendasein.

Sibelius’ Vierte ist ein extremes Werk

Das SWR Symphonieorchester hat nun unter der Leitung von Robert Treviño Sibelius’ Vierte in einer maßstabsetzenden Aufführung gespielt, die man auch als Plädoyer für Sibelius als einen der Moderne zugehörigen Komponisten begreifen könnte. Denn gerade die Vierte ist ein extremes Werk. Es stellt letzte Fragen, ohne Antworten zu wissen, statt süffiger Melodien dominiert ein strukturelles Komponieren mit dem Tritonus als konstituierendem Element.

Gleich der Beginn der tiefen Streicher evoziert jene Düsternis, die das Solocello in einem herzzerreißenden Lamento aufnimmt. Phrasen formen sich und geraten ins Stocken, Orchestertutti fahren wie Schicksalsschläge herein, und nicht nur hier spürt man eine Nähe zu jenem Komponisten, der auch die Unbehaustheit des Menschen in der Moderne ins Zentrum seines Schaffens stellte: Gustav Mahler. Musik als existenzielle Erfahrung.

Wie Adorno zu Samuel Barber stand, ist nicht bekannt – vermutlich hätte er den Amerikaner ebenfalls als Verräter an der Moderne disqualifiziert, was freilich der Beliebtheit seiner Werke keinen Abbruch tat. Das gilt auch für das in spätromantischem Duktus geschriebene „First Essay for Orchestra“, mit dem das Konzert farbenprächtig begonnen hatte.

Der Jubel ist groß

Nun war man in Amerika schon immer großzügiger mit dem, was als zeitgenössisch gelten darf und was nicht – und auch wenn John Adams in seiner „Harmonielehre“ Sibelius’ Vierte und Mahlers Neunte zitiert, so ist das Werk ästhetisch Lichtjahre davon entfernt. Denn das üppig besetzte, nach der Pause vom personell aufgerüsteten SWR-Orchester wacker gespielte Werk schielt unverhohlen auf Wirkung: Expansion statt Konzentration lautet das Motto.

Eine schillernde und funkelnde, sich am Ende orgiastisch verdichtende Klangmasse und ein orchestraler Budenzauber der Extraklasse, der seine Wirkung nicht verfehlt: Der Jubel ist danach groß im Stuttgarter Beethovensaal.

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