SWR-Symphonieorchester Sinfonische Riesenschlange
Manfred Honeck hat im Beethovensaal in Stuttgart das SWR-Symphonieorchester dirigiert. Auf dem Programm: Bruckners Siebte Sinfonie.
Manfred Honeck hat im Beethovensaal in Stuttgart das SWR-Symphonieorchester dirigiert. Auf dem Programm: Bruckners Siebte Sinfonie.
Krass, welch schillernde und funkelnde Klangwelt Arnold Schönberg 1929 in Bachs Präludium und Fuge BWV 552 entdeckte. Er überführte das Orgelwerk und seinen kühl-kirchlichen Sound in den prall-sinfonischen der Romantik: ins groß besetzte Orchester und damit in eine zur Euphorie neigende, lebendige Farbfülle.
Seine Bearbeitung stellt eine eindrucksvolle Instrumentationsstudie dar, in der er eine neue Klangfarbenmelodik ins Spiel brachte. So ließ er etwa die einzelnen Motive der Bach’schen Themen durch verschiedene Instrumentengruppen wandern. Um das im Konzert umzusetzen, ist Präzision im Zusammenspiel unbedingt nötig, außerdem eine ausgewogene Klangbalance zwischen den Beteiligten und eine genaue dynamische Ausarbeitung. Schließlich ging es Schönberg bei allem orchestralen Aufwand vor allem um eins: die „Klarheit des Stimmengewebes“.
Im Abokonzert des SWR-Symphonieorchesters im Stuttgarter Beethovensaal, das man mit Schönbergs Bearbeitung eröffnete, blieb von diesem Ansinnen leider nicht viel übrig. Man musizierte mehr oder weniger fröhlich drauflos, um sich dann nach einer Viertelstunde in der bombastischen Schlusskadenz wiederzutreffen. Klangfarbenmelodien? Hier und da mal ein Fragment. Allein schon, was die Pauke angeht: Wenn man in diesem Stück Paukensoloeinsätze als Haudrauf-Geräusch interpretiert und nicht als Klangfarbe, dann wird es unfreiwillig komisch.
Hatte man das Stück als Warmspiel-Ouvertüre aufs Programm gesetzt und damit grenzenlos unterschätzt? Vielleicht aber konnte Manfred Honeck am Dirigierpult – ehemaliger Generalmusikdirektor der Stuttgarter Staatsoper und heute Chefdirigent in Pittsburgh – das über 100-köpfige Orchester von seinen Vorstellungen einfach nicht überzeugen oder sie ihm schlichtweg nicht vermitteln.
Jedenfalls gelang ihm das auch in Anton Bruckners Siebter Sinfonie nicht wirklich. Was im Programmhefttext auf den Punkt gebracht war, nämlich die „große Tiefenschärfe“, die „organischen Entwicklungen“ oder die formal gliedernden Klangfarben des Werks – im Konzert ging das mal mehr, mal weniger unter wegen unpräziser Einsätze, zu schlapper Klangfokussierung, ungenügend ausgeloteter Balance.
Bruckners Siebte ist nicht so blockhaft gebaut wie seine anderen Sinfonien, ist unendlich melodisch, singend, sehnend, vibrierend, drängend. Mal erregen spektakuläre Durchbrüche wie das C-Dur-Plateau im Adagio Aufsehen, mal wird in Gedenken an den verstorbenen Richard Wagner rheingoldig gewabert. Das muss vermittelt werden, und es muss vor allem eins: atmen. Da muss an den Übergängen gefeilt, an der Tempodramaturgie und mit Farben gearbeitet, dynamisch fein differenziert werden. Damit der weite Spannungsbogen, der diesen epischen Klangriesen mit seinen monumentalen Gipfelstürmereien zusammenhält, nicht zusammenfällt. Was jedoch genau an diesem Abend passierte. So wurde das 70-minütige Werk, das der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick einst boshaft „eine sinfonische Riesenschlange“ genannt hat, genau zu dem – und begann schon bald zu langweilen.