InterviewHolocaust-Professorin Sybille Steinbacher Wirkt Forschung präventiv?

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Erfährt das auch in Frankfurt ansässige Institut Aufwind, weil Bauer durch mehrere Spielfilme als Staatsanwalt, der die Auschwitz-Prozesse vorangetrieben hat, öffentliche Bekanntheit erlangt und vielleicht auch späte Gerechtigkeit erfährt?
Es ist interessant, dass in den letzten Jahren gleich drei Filme und auch Biografien entstanden sind. Der Name Fritz Bauer wurde dadurch wieder bekannt. Den Auftakt setzte 2009 Irmtrud Wojaks Biografie. Danach folgten die Filme und die Biografie von Ronen Steinke. Nach seinem Tod im Jahr 1968 war Bauer ja in Deutschland eigentlich vergessen. Mit dem Fritz-Bauer-Institut wurde 1995 an ihn erinnert. Heute ist er vielen Leuten ein Begriff. Manche mahnen, man solle keinen Personenkult um ihn betreiben. Ich finde es interessant, zu überlegen, was seine Wiederentdeckung mit unseren erinnerungskulturellen Bedürfnissen zu tun hat.
Stichwort Personenkult: Das Interesse an der Person Hitlers ist groß. Sind Sie in Sorge, dass Geschichte zur One-Man-Show wird?
Die Zeitgeschichtsforschung ist in den letzten Jahrzehnten von Personalisierung stark abgekommen und nimmt die gesellschaftlichen Zusammenhänge in den Blick. Eben auch, um zu verhindern, dass die Verbrechen auf Hitler und eine kleine Entourage zurückzuführen seien, eine Annahme, die in Fünfzigern weit verbreitet war und die suggeriert, dass es keine gesellschaftliche Mitverantwortung gebe. Eine Tendenz zur Personalisierung gibt es womöglich bisweilen wieder.
Dann war der Opa kein Nazi?
Im sogenannten Familiengedächtnis zeigt sich das, ja. Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer hat es auf die schöne Formel gebracht, dass „Opa kein Nazi war“. Er zeigt, dass familiäre Belastungen im Zusammenhang mit der NS-Zeit aus dem Familiengedächtnis gefiltert werden.
Historische Vergleiche gehen oft schief. Lässt sich in Ihren Forschungen dennoch der Bogen zu anderen Völkermorden schlagen?
Der Vergleich ist eine zulässige historische Methode. Es muss halt sinnvoll sein, Vergleiche zu ziehen. Die vergleichende Genozidforschung ist im Kontext des Jugoslawienkriegs in den neunziger Jahren als eigene wissenschaftliche Disziplin entstanden. Sie ist interdisziplinär ausgerichtet und wird insbesondere von Soziologen, Politologen und Psychologen getragen. Auch aus zeitgeschichtlicher Sicht ist es interessant, einen vergleichenden Blick zu entwickeln und beispielsweise nach Akteuren und ihren Interessen bei der Organisation von solchen Verbrechen oder nach der Gewaltentwicklung zu fragen. Einzelne Aspekte lassen sich also gut und mit Erkenntnisgewinn in Bezug zueinander setzen.
Muss man dann auch warnen, wenn man Parallelen in der Gegenwart bemerkt?
Es ist von Seiten der Sozialwissenschaftler ein Ansatz, ja, ein Ziel, durch Forschung präventiv wirken zu können. Ob es tatsächlich gelingt, steht auf einem anderen Blatt.




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