T. C. Boyle wird siebzig Gurus, Freaks und Wutbürger

Jedes Jahr ein neuer Roman: T. C. Boyle Foto: dpa
Jedes Jahr ein neuer Roman: T. C. Boyle Foto: dpa

Wie die Welt aus den Augen eines Junkies erscheint, weiß er aus eigener Erfahrung: T. C. Boyle zeigt die Gegenwart als Trip zwischen Zivilisation und Wildnis. Am Sonntag wird er siebzig.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Stuttgart - Man kennt das mittlerweile: Dass jemand, den man eben noch vor Augen hatte mit klobigen Totenkopfringen am Finger, komischen Frisuren, mit Metall im Gesicht oder trendigem Bärtchen, plötzlich seinen siebzigsten Geburtstag feiert. T. C. Boyle ist der Popstar unter den zeitgenössischen Autoren, die man nun nicht mehr jung nennen kann, obwohl man den Impuls noch verspürt.

Mit staunenswertem Fleiß versorgt er seit einer gefühlten Ewigkeit seine Leser im Jahresrhythmus zuverlässig mit neuem Stoff. Für Januar ist bereits die nächste Lieferung angekündigt über den LSD-Guru Timothy Leary. Damit ist die Reihe seiner literarischen Biopics über die Repräsentanten amerikanischer Leidenschaften und Obsessionen nach dem Cornflakes-Propagandisten John Harvey Kellogg („Willkommen in Wellville“), dem Evangelisten der Lust Alfred Kinsey („Dr. Sex“) oder dem lüsternen Architektur-Nonkonformisten Frank Lloyd Wright („Die Frauen“) um einen Kauz reicher.

Auch Boyles erster Roman „Wassermusik“ von 1981, der gleich zu einem amerikanischen Klassiker wurde, war einer historischen Persönlichkeit gewidmet, dem schottischen Entdeckungsreisenden Mungo Park, der Ende des 18. Jahrhunderts den Verlauf des sagenhaften Nigers erkundet und am Schluss im dunklen Kontinent verschwindet. Die drastische, wilde Geschichte über den Kampf gegen innere und äußere Wildnis, zeigt bereits die Handschrift, die zu Boyles Markenzeichen wurde: die Lust an Freaks, eine ausufernde Satirebereitschaft, die auch vor Vulgaritäten nicht zurückschreckt, und ein unruhig flackernder Stil, mit dem er den Leser für die Sonderbarkeiten seiner Figuren entflammt.

Vor allem aber wird hier zum ersten Mal das große Lebensmotiv des 1948 in Peekskill in der Nähe von New York geborenen Autors angespielt: die Grenze zwischen Natur und Zivilisation, die sich wie eine existenzielle Demarkationslinie durch dieses mittlerweile knapp zwanzig Romane und doppelt so viele Kurzgeschichten umfassende Werkmassiv zieht. Sie durchschneidet das Zurück-zur-Natur der lustigen Hippie-Kommune in „Drop City“, die aus dem sonnigen Kalifornien nach Alaska auswandert, um nicht von gesellschaftlichen Zwängen zerrieben zu werden. Sie trennt in „Tortilla Curtain“ (deutsch: „América“), wo bereits die Idee eines Mauerbaus zwischen Mexiko und den USA durchgespielt wird, ein mexikanisches Einwandererpaar von seinen Hoffnungen. Und sie separiert die „Terranauten“, die in Boyles letztem Roman das Überleben in einem eigenen Ökosystem trainieren, zwar von der Außenwelt, aber nicht von Eitelkeit, Eifersucht und Blödheit.

Träume und Schäume der Gegenkultur

Von den Utopien, Experimenten, Träumen und Schäumen der Gegenkultur aus nimmt Boyle in den Blick, was in der amerikanischen Gesellschaft fehlgeht: Gesundheitswahn, Immigration, Ökoterrorismus.

Wie die Welt aus den Augen eines Junkies erscheint, weiß Boyle aus seiner eigenen Jugend. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Eltern, beide Alkoholiker, starben früh. Er spritzte harte Drogen und hörte irgendwann damit auf, um fortan zu schreiben – täglich von morgens bis 15 Uhr, am liebsten zu Rock’n’Roll. In Kalifornien lebt er in einem Haus eben jenes Architekten, dem er seinerseits ein literarisches Denkmal gesetzt hat, Frank Lloyd Wright. Dort wurde er zuletzt zweimal von schweren Naturkatastrophen heimgesucht. Ein erbitterter Gegner des „Monster-Clowns aus dem Reality-Fernsehen“, der seinen Worten nach zurzeit im Weißen Haus regiert, war er schon zuvor.

Wer einen seiner stärksten Romane „Hart auf Hart“ von 2015 genau liest, erfährt manches darüber, wie es dazu kommen konnte. Dort vertritt ein verwirrter Psychopath den amerikanischen Freiheits-Traum als mörderischer Waldläufer gegen die Aliens, seien es Chinesen, Mexikaner oder nur die Vertreter des verhassten Establishments. Seine Freundin, eine Art amerikanische Reichsbürgerin, sieht im Staat die Quelle alles Bösen und wettert über die „Zeitung mit ihren Falschmeldungen und krassen Lügen“. Die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation ist keine nationale. Boyle, der am Sonntag seinen siebzigsten Geburtstag feiert, kommt uns gefährlich nah.




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