Tabea Booz startet durch Stuttgarter Soul mit indischer Seele

Von Björn Springorum 

Lebenslust und Melancholie liegen in den Songs von Tabea Booz eng Beieinander. Lange war die Sängerin auf Wanderschaft, jetzt ist sie angekommen.

Tabea Booz Foto: Janine Kuehn
Tabea Booz Foto: Janine Kuehn

Stuttgart - Bestimmt gibt es den einen oder anderen Stuttgarter Opernbesucher, der sich an eine besonders einprägsame Vorstellung der „Zauberflöte“ im Opernhaus vor rund 20 Jahren erinnern kann. Einprägsam nicht wegen einer allzu gewagten Inszenierung. Nein, da war ein Mädchen mit dunklen Locken im Publikum, das den „Vogelfänger“ so inbrünstig mitsang, als wäre das in einem Haus von solchem Renommee an der Tagesordnung. Das Kind war die Sängerin Tabea Booz. „Nach diesem Erlebnis war mir klar: Ich musste irgendwie an die Oper kommen!“, erzählt sie viele Jahre später in einem Café im Stuttgarter Westen. „Ganz egal, ob als Putzkraft oder als Sängerin.“

Wenn sich Tabea Booz etwas in den Kopf setzt, dann kommt es auch so. Oder zumindest so ähnlich. Denn obwohl sie klassische Musik in Trossingen studierte, obwohl sie bei einem Auslandssemester in Italien ganz in der Schwelgerei der italienischen Oper versank, ist es heute der Soul, der es ihr am angetan hat. Eine lange Geschichte, die sie gern preisgibt. Und fesselnd noch dazu: Tabea Booz ist eine wunderbare Sängerin, aber auch eine tolle Erzählerin. Wenn sie von früher spricht, von ihrer musikalischen Mutter und der vorbildlichen Plattensammlung des Vaters, dann leuchten ihre Augen. „Meine Eltern forcierten es nie, doch ich fing mit dreieinhalb Jahren an, Geige zu spielen.“ Sie muss grinsen: „Ich glaube, das war, nachdem ich einem Auftritt von Ann-Sophie Mutter im Fernsehen gesehen hatte. Später tanzte ich Ballett, nahm mit dann elf klassischen Gesangsunterricht, weil ich irgendwann nur singend durchs Haus lief.“

Aufbruch ins Ungewisse

Dann kam jener schicksalhafte Besuch der Stuttgarter Oper. Schrittweise hielt die Musik Einzug in ihr Leben, doch ihr bis dato lückenloser Werdegang gen Musiklehrerin nahm nach dem Staatsexamen ein überraschendes Ende. „Ich beschloss, auf Reisen zu gehen, packte mein Leben in Kartons und ein paar Klamotten in meinen Rucksack.“ Sie begab sich auf Wanderschaft, eine Nomadin auf der Suche nach etwas, von dem sie noch gar nicht wusste, was es war. „Es war eine Reise ohne bestimmte Dauer und ohne Rückflugticket“, sagt Tabea Booz. „Ich wollte die Welt bereisen und Musik machen.“

Reisen, das tun viele nach Abi oder Studium. Aber ein Aufbruch ins Ungewisse ist ein anderes Kaliber. Sie winkt lächelnd ab: „Ich habe dieses Urvertrauen, dass sich irgendwie immer alles fügt.“ Auch auf diesem alles verändernden Trip: Noch in Berlin lernte sie einen Schlagzeuger aus Kalkutta kennen, der sie für ein Konzert nach Indien einlud. Booz spielte mitten in Indiens Mega-Metropole. „Es war unglaublich schön in Indien“, erzählt sie mit einem sehnsüchtigen Klingen in der Stimme, „aber ich wollte ja auch die Welt sehen.“ Also reiste sie für einige Monate durch Malaysia, Asien und Vietnam. Auch in Vietnam war ihr das Schicksal hold: Sie nahm den Song „Let it out“ mit dem bekanntesten Produzenten des Landes auf, gefilmt von einem großen Kamerateam. Auf Youtube gibt es ein Video davon.

Indien fesselte sie

Solche Dinge passieren ihr einfach. „Ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie fügt sich bei mir immer alles.“ Nach ihrer Rundreise kehrte sie nach Indien zurück, geht mit einer Band auf Tour durch die bekanntesten Jazz-Clubs des Subkontinents. Ohne Spuren blieb das nicht. „Ich bin mental in Indien hängen geblieben“, gibt sie zu. „Das Land hat mich gefesselt, und ich beschloss, länger zu bleiben. Ich ging nur kurz nach Deutschland, um mir ein Visum zu besorgen, dann kehrte ich nach Kalkutta zurück, spielte viele Konzerte und unterrichtete Gesang.“ Sie seufzt. „Mir fehlt Kalkutta!“

Indien hat sie verändert. Hat sie, wie sie sagt, frei gemacht. „Danach“, fährt sie fort, „legte ich einen Neustart hin. Ich bewarb mich in Kornwestheim für eine Stelle als Gesangslehrerin, bekam sie – und zog nach Stuttgart.“ So macht sie das: Entscheidung treffen, Koffer packen, neues Leben beginnen. Womit wir fast in der Gegenwart sind. Fast, denn seither ist viel passiert. Sie hat eine Band um sich geschart, ihren Sound gefunden und zu Beginn des Jahres mit „Konjunktiv II“ eine perlende Soul-Pop-Nummer vorgelegt. Mit „Mehr“ und dem hinreißenden „Nüchterne Trunkenheit“ (kommt am 6. September) schickt sie weitere Vorboten ihrer am 27. September erscheinenden EP „Zwischen Bunt und Gold“ ins Rennen.

Darauf etabliert sich Tabea Booz als Soul-Sängerin mit Jazz-Sympathien, Pop-Neigung, schnurrenden Analog-Synthesizern und viel Potenzial. Ein wenig Cassandra Steen schwingt in ihrer weichen Stimme mit, vor allem aber glaubhaftes Gefühl und eine besondere, durchdachte Lyrik. „Als Sprache der Musik war mir Englisch wegen meiner musikalischen Sozialisation näher“, erklärt sie. „Doch ich merkte, dass ich gewisse Dinge auf deutsch besser ausdrücken kann.“ Sie nahm an einem Songwriting-Seminar von Clueso teil, sprach mit ihm über diesen Zwiespalt der Sprache: „Er ermutigte mich, es auf deutsch zu versuchen.“ Sieht ganz so aus, als müssten wir uns bei ihm bedanken.