Tacheles-Talk mit Sandra Wurster von den Bauchfrauen Sommer, Sonne, Fat-Shaming
Wir haben mit Sandra Wurster von den Bauchfrauen über Fat-Shaming, Body-Positivity und die alljährliche Bikini-Challenge gesprochen.
Wir haben mit Sandra Wurster von den Bauchfrauen über Fat-Shaming, Body-Positivity und die alljährliche Bikini-Challenge gesprochen.
Stuttgart – Erst kürzlich machten sich Blogger:innen und ihre Communitys über Social Media Luft, sie waren verärgert und riefen dazu auf, mehr Radlerhosen zu tragen. Was war passiert? Eine Lady mit einem, wie Sandra sagt, großen Körper, hatte es tatsächlich gewagt, eine Radlerhose zu tragen (Ironie aus!) – und daraufhin böse Kommentare geerntet.
Es ist Sommer, wir alle zeigen mehr Haut, aber ab einer bestimmten Konfektionsgröße ist das scheinbar ein No-go. Die Bodypositivity-Bewegung hat bereits viel erreicht, trotzdem kommt diese Art von "Shaming" noch viel zu oft vor. Was veranlasst Menschen dazu, Sätze wie "Bei ihren Beinen würde ich lieber keine kurzen Hosen und Röcke tragen", zu einem oft auch fremden Gegenüber zu sagen?
"Mal Menschen mit normalen oder großen Körpern zu sehen, die nicht struggeln und sich für ihre 'Problemzonen' entschuldigen, dieses Bild sind wir gar nicht mehr gewohnt."
Sandras Tipp in diesem Zusammenhang: "Zelebriert eure eigene Nacktheit öfter!" Damit meine sie gar nicht unbedingt im Großen, draußen, beim Saunieren oder im Schwimmbad, sondern für sich allein. "Wenn ich meine Hüllen fallen lasse, dann lasse ich auch meine Rollen und Masken fallen und verstehe, dass Nacktheit etwas Natürliches ist und nichts Sexualisiertes. Das verbindet mich mit meiner eigenen Wahrheit."
"Nacktsein ist etwas sehr Schönes! Lasst öfter die Hüllen fallen und ihr findet besser zu euch."
Seitdem wird die sogenannte "Bikini Challenge", zuletzt als "Bauchfrauen Bikini Week" immer wieder wiederholt. Mit Erfolg – die Teilnehmer:innen tanzen sich frei und suggerieren uns damit auch, dass sie sich in ihren Körpern wohlfühlen und sich schön finden. Doch was ist eigentlich schön?
Von klein auf bekommen wir beigebracht bzw. eingetrichtert, was wir als schön empfinden sollen. "Oft auch mit einer 'gut gemeinten' Intention. Wenn der Arzt zum Beispiel sagt: Wenn sie abnehmen, geht es ihnen besser, dann meint er es möglicherweise gut, obwohl das auch veraltetes Wissen gepaart mit vielen Vorurteilen ist", findet Sandra. "Und deshalb kommen wir erst gar nicht oder eben lange nicht an den Punkt, uns zu fragen, was wir als schön empfinden, weil uns das ständig so vorgelebt wird."
Seit der Pubertät habe die gelernte Tanzpädagogin selbst streng Diät gehalten, Shape-Unterwäsche getragen und die Oberschenkel nie auf dem Stuhl niedergelassen, damit niemand zur sehen bekam, wie breit diese seien. "Ich habe damals gar nicht hinterfragt, ob ich das schön finde. Und heute 'fütter' ich mich bewusst mehr mit Bildern, die mich besser repräsentieren und mir mehr Vielfalt zeigen."
"Und dann schaue ich in den Spiegel und denke: Wow, du bist schön!"
Langfristig sei es aber wichtig, die Leute vom ständigen Bewerten wegzuholen, denn es sei nicht förderlich für unseren eh schon strapazierten Selbstwert. "Der Körper ist ein neutrales Instrument, das mächtig ist und uns dazu dient, die äußere mit der inneren Welt zu verbinden, aber ob er schön ist oder nicht sollte nebensächlich sein und nicht so einen Hauptfokus haben, vor allem weil damit eigentlich nur Geld gemacht wird."
Für Sandra ist dabei das Zitat einer Kollegin – "Das unwichtigeste ist mein Aussehen!" – sehr aussagekräftig. "Der geile Shit fängt erst innen an, lerne mich kennen, wenn mein Herz sich mit deinem verbindet, wenn ich dir einen Teil meiner inneren Welt zeige und gebe, erst dann entsteht etwas Tolles."
Über den Arzt, der es mit seinen gesundheitlichen Ratschlägen ja eigentlich nur gut meint, will Sandra eigentlich nicht nochmal sprechen. Denn über Dicksein in Zusammenhang mit Gesundheit zu diskutieren, empfindet sie als gefährlich. Warum? "Weil es so immer noch zum Thema gemacht wird." Bei einer großen Nase würde auch keiner diskutieren, ob sie gesund sei oder nicht.
"Wenn jemand einen großen Körper hat, bedeutet das nicht automatisch, dass er auch viel isst – das ist mittlerweile bewiesen."
Man könne Gesundheit nicht so messen, wie es sich die meisten einreden, findet Sandra. Dünne hätten genauso ihre gesundheitlichen Probleme. "Gesundheit ist so viel mehr, um diese nur rein körperlich zu betrachten." Die Bauchfrauen-Gründerin selbst ist immer sportlich gewesen.
"Gerade bei meiner Ausbildung zur Tanzpädagogin habe ich sehr viel Sport gemacht – und trotzdem haben Ärzte nur aufgrund meiner Konfektionsgröße zu mir gesagt: Sie müssen mehr Sport machen. Ohne mich zu kennen bzw. mich zu fragen, was ich beruflich mache."
Noch nie hätten so viele junge Menschen an Essstörungen gelitten wie heute, weiß Sandra. Und da scheint der Satz: "Achten sie ein bisschen mehr auf die eigene Ernährung", doch wirklich völlig daneben. "Wenn das der Satz ist, mit dem eine Diätmentalität entsteht, dann denke ich mir oft nur: Einfach mal die Fresse halten", kommentiert es die Autorin und Speakerin.
"Essen ist etwas total Intuitives/Instinktives, genauso wie atmen. Würden wir so über unsere Atmung nachdenken wie übers Essen, wir würden alle ganz komisch atmen."
Vor allem Mütter wissen und reagieren sofort bei ihrem Kind:
Wenn der (Lebens-)Appetit nicht da ist, dann stimmt etwas nicht!
Und wer gerade im Urlaub is(s)t, der behauptet nicht selten: Das Essen ist so geil. "Aber Essen ist nicht nur geil, wir brauchen es." Und die Diät-Kultur würde einfach angenommen und als normal hingenommen werden, ohne das Ganze zu hinterfragen. "Ähnlich verhält es sich in der Sexismus-Debatte", findet Sandra.
Und auch die Einstellung zum eigenen Körper bzw. Body-Shaming oder auch Fat-Shaming wird uns, so Sandra, von klein auf beigebracht. "Und jeder hat sich schonmal beim Gedanken, einen Körper zu bewerten, ertappt. Das Wichtige ist, sich dessen bewusst zu werden, zu hinterfragen, dazuzulernen und es besser zu machen als die Generationen davor."
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, sich so annehmen zu können, wie man ist. Mit allem, was dazu gehört! Damit gemeint sind unter anderem auch die eigenen Oberschenkel, die bei Hitze gern mal aneinander reiben. Und das tut weh. Aber es gehört dazu und es gibt eine Lösung, die nichts mit einer Radlerhose unterm Kleid zu tun hat.
"Was soll das auch, die Vulva will atmen", so Sandra lachend. Tatsächlich hat sich für die Bauchfrauen-Gründerin daraus eine neue Geschäftsidee ergeben: Legstasy war geboren, eine 24-Stunden-Anti-Reibungscreme. Hier erfahrt ihr mehr >>>