Tafelladen in Leonberg Tafel ächzt unter großem Zulauf
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs erlebt der Tafelladen in Leonberg einen großen Ansturm. Gleichzeitig bekommt die Einrichtung nicht mehr so viele Lebensmittel wie früher.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs erlebt der Tafelladen in Leonberg einen großen Ansturm. Gleichzeitig bekommt die Einrichtung nicht mehr so viele Lebensmittel wie früher.
Vor dem Leonberger Tafelladen steht fünf Minuten vor Öffnung schon eine Schlange. Eine Frau zählt bereits ab, wann sie in den Laden kann. Nur fünf bis zehn Personen dürfen hier auf einmal rein, um Gedränge zu vermeiden, erklärt Leiterin Christiane Schühle. „Das sind jetzt wenige für 13 Uhr“, sagt sie mit einem Blick nach draußen. Im Leonberger Tafelladen ist man mittlerweile ein ganz anderes Aufgebot gewohnt. An drei von fünf Tagen sind die Schlangen sehr lang, erzählt Schühle. „Wir arbeiten voll, es herrscht immer großer Andrang. Es gibt eigentlich keine Ruhepause.“
Denn seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat der Tafelladen in Leonberg mit einem Ansturm zu kämpfen. Davor seien täglich etwa 40 bis 50 Personen mit einem Tafelausweis in den Laden gekommen, erinnert sich Christiane Schühle. Hinter einem Tafelausweis, den man benötigt, um das Angebot nutzen zu können, hänge in der Regel eine Familie mit durchschnittlich vier Kindern. Jetzt kommen laut ihr schon einmal 80 bis 90 Personen pro Tag in die Einrichtung.
Mit dem Ukraine-Krieg kamen auch die Flüchtlinge aus diesem Land nach Deutschland. Das machte sich im Tafelladen bemerkbar. „Das war wie eine Welle“, sagt Schühle. Gleichzeitig sind laut ihr mittlerweile viel mehr Menschen bedürftig. Dafür habe nicht nur die Inflation, sondern auch die Corona-Pandemie gesorgt. „Corona hat die Bedürftigkeit enorm steigen lassen. Für manche Leute, die vorher eine gute Anstellung hatten, ist durch die geringe Auftragslage alles in eine Schieflage geraten. Die Leute sind nicht mehr hochgekommen.“ In diesem Jahr sind laut Schühle in Leonberg etwa 1800 neue Tafelausweise ausgestellt worden.
Jede siebte Person war 2022 in Deutschland armutsgefährdet, gibt das Statistische Bundesamt an. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zu Verfügung hat. Diese Schwelle lag 2022 für eine alleinstehende Person bei 1250 Euro netto im Monat, für zwei Personen mit Kindern unter 14 Jahren bei 2 625 Euro.
Dass immer mehr Menschen das Angebot der Tafel nutzen, ist nicht nur in Leonberg der Fall: 2022 besuchten in ganz Deutschland laut dem Dachverband Tafel Deutschland zwei Millionen Menschen die sozialen Einrichtungen, 50 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Und während die Zahl der Bedürftigen steigt, bekommen viele Tafelläden gleichzeitig weniger Lebensmittel als zuvor.
In Leonberg stapelt sich ein paar Tage vor Weihnachten das Gemüse im Regal. Das ist allerdings ungewöhnlich. Denn auch hier kommen deutlich weniger Waren an, um die Menschen zu versorgen, erklärt Christiane Schühle. Vor allem an Molkereiprodukten mangelt es im Tafelladen eigentlich dauerhaft. „Früher war das alles jeden Tag voll“, sagt die Leiterin und zeigt auf das Kühlregal, in dem es heute deutlich mehr leere als volle Fächer gibt. „Jetzt gibt es Tage, an denen wir gar nichts bekommen.“
Damit möglichst alle etwas abbekommen, beschränkt die Einrichtung, wie viel von einem Lebensmittel die Bedürftigen mitnehmen dürfen. Zum Beispiel: Nur eine Packung Nudeln oder Reis – je nachdem, wie viel von dem jeweiligen Lebensmittel eben gerade auf Lager ist. Besonders beliebte Waren wie Mehl, Zucker, Salz oder Öl, aber auch Pampers und Toilettenpapier befinden sich in einem Regal hinter der Kasse und werden kontrolliert herausgegeben.
Doch warum gibt es weniger Ware für die soziale Einrichtung? Supermärkte planen ihre Einkäufe mittlerweile besser, etwa in Folge von Sparmaßnahmen, erklärt die Leiterin. Dadurch bleiben weniger Lebensmittelspenden für die Tafeln übrig. Außerdem landen Produkte, die regulär nicht mehr in den Märkten verkauft werden können, inzwischen auch in sogenannten Rettertüten, weiß Schühle. Auch diese Lebensmittel fehlen dann der Tafel.
In die Einrichtung in Leonberg kommen mittlerweile Personen aus Heimsheim, Pforzheim, Weil der Stadt und sogar aus Ludwigsburg oder Stuttgart. Tafelläden in der Umgebung haben die Aufnahme von Bedürftigen bereits eingeschränkt, weil sie den Andrang nicht mehr stemmen können, weiß Christiane Schühle. Abweisen musste man in Leonberg bisher noch niemanden. Hier lautet die Devise: „Solange wir können, machen wir weiter.“ Dabei sind Schühle und ihre 40 Ehrenamtlichen schon jetzt am Limit. Auch mit Blick auf die Zukunft ist die Leiterin wenig optimistisch. „Der Andrang wird zunehmen, das wird nicht aufhören.“
Unterstützung bekommt die Tafel von Privatleuten und Firmen. „Wir haben in Leonberg einen tollen Privatspenderstamm“, sagt Christiane Schühle. Außerdem gebe es Firmen, die jetzt zum Jahreswechsel den Inhalt der Kaffeekasse an die Tafel spenden. Gemeinnützige Organisationen wollen ebenfalls helfen. So hat der Rotary Club Leonberg-Weil der Stadt dem Tafelladen kürzlich 200 gepackte Weihnachtstaschen geschenkt, um bedürftigen Menschen in der festlichen Zeit eine Freude zu machen Die Taschen waren unter anderem gefüllt mit Kaffee, Mehl, Weihnachtsgebäck, Obst und Schokolade.
Und die Tafel bekam auch wenige Tage vor Weihnachten noch politischen Besuch: Die Leonberger CDU-Landtagsabgeordnete Sabine Kurtz überreichte Christiane Schühle und dem Bezirksgeschäftsführer des Evangelischen Diakonieverbands im Kreis Böblingen, Tom Bredow, mehrere Einkaufskisten als symbolischen Dank für ihre Arbeit.