Frau Schneider-Müller, Herr Krank: Krieg in der Ukraine, Teuerung, Armut: Wie fühlt es sich an, jetzt zu gehen?
Schneider-Müller: Das war natürlich nicht vorhersehbar. Für mich ist es schwierig, in dieser Umbruchphase alles meiner Nachfolgerin zurückzulassen. Seit zwei Wochen haben wir einen großen Zulauf von Ukrainerinnen mit ihren Kindern. Wir möchten sie sehr herzlich willkommen heißen und nehmen uns die Zeit dafür, aber es ist sehr aufwendig.
Krank: Wir haben die neue Geschäftsführerin vorausschauend ab Januar angestellt, damit eine Einarbeitung möglich war. Das hat sich in der aktuellen Lage doppelt bewährt.
Schneider-Müller: Nicht den Krieg, auch die allgemeine Wirtschaftslage spüren wir: Die Kunden kommen öfter, und es kommen neue dazu. Es kann auch vorkommen, dass wir Obst oder Gemüse rationieren müssen. Wir können eben auch nur verteilen, was wir selbst bekommen. Mehl und Öl haben wir derzeit gar nicht.
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Krank: Für die Leute an der Kasse ist es manchmal schwierig, Kunden sagen zu müssen: Sie müssen wieder was zurücklegen. Da ziehe ich meinen Hut. Wie überhaupt vor allen Ehrenamtlichen, die bei uns helfen.
Die Preise für Lebensmittel steigen massiv. Ist gewährleistet, dass die Tafel weiterhin genügend Ware bekommt?
Krank: Wir sind zum Glück weit verzweigt und bekommen Ware vom kleinen Bäcker bis zum Großkonzern, sind also nicht von einzelnen Lieferanten abhängig. Die Tafel-Gründer haben von Anfang an Wert auf eine breite Basis gelegt. Und wir haben zum Glück gute Beziehungen etwa zu den Lions, den Rotariern und dem Inner Wheel Club. Die Tafel kann aber je nach Kundenaufkommen auch schnell an Ihre Grenzen stoßen.
Schneider-Müller: Ich denke, es wird perspektivisch anders, der Kuchen wird kleiner werden. Wir haben aber ein relativ gut gefülltes Lager mit haltbarer Ware, mit dem wir zeitlich begrenzt gut kompensieren können.
Wer spendet der Tafel Lebensmittel?
Schneider-Müller: Viele Firmen, Clubs, Institutionen und Einzelpersonen. Gerade in der Coronakrise haben wir enorme Hilfsbereitschaft und Solidarität erfahren, aus einzelnen Spenden sind Dauerspenden geworden. Manche Leute spenden Geld, andere kommen alle 14 Tage oder jeden Monat mit einem Kombi voller Lebensmittel angefahren. Das wäre auch aktuell sehr hilfreich: Wenn sie statt 50 Euro zu spenden eine Ladung haltbare Lebensmittel bringen würden.
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Was Sie sagen klingt, als seien die Tafeln notwendiger denn je.
Krank: Es ist ein Modell, das sich bewährt hat und ohne Alternativen ist. Ich habe anfangs gesagt: Das wichtigste Ziel ist, dass wir uns selbst abschaffen. Jetzt sage ich: Sind wir doch froh, dass wir in Ludwigsburg so gut aufgestellt sind. Das kann man nicht aus ideologischen Gründen aufgeben. Es ist uns außerdem ein Anliegen, die Armut sichtbar zu machen. Es gibt immer noch genug Leute die sagen: Armut, das gibt es in einer reichen Stadt wie Ludwigsburg doch nicht. Aber das stimmt eben leider einfach nicht.
Schneider-Müller: Die Tafel ist für viele Menschen immer noch ein Notanker, den man nicht kappen kann.
Krank: Kritiker sagten ja von Anfang an: Die Tafeln nehmen dem Staat Dinge ab, die er selbst regeln müsste. Aber wenn das Sozialamt Menschen Geld mit Hinweis auf die Tafeln als feste Hilfe streichen würde, müssten wir die Arbeit aufgeben. Wir sind keine Institution, die anderen Sozialkosten erspart.
Wie würden Sie die Rolle der Ludwigstafel dann beschreiben?
Krank: Dadurch, dass unsere Kunden günstig Lebensmittel kaufen können, verschafft die Tafel den Menschen gewisse Ressourcen, das knappe Geld zielgerichtet anderweitig auszugeben.
Schneider-Müller: Damit zum Beispiel das Kind in den Sport- oder Musikverein kann.
Vermutlich wird das Geld nicht immer in Ihrem Sinne zielgerichtet ausgegeben. Wie schwer ist es, das zu akzeptieren?
Schneider-Müller: Klar denkt man manchmal: Ein bisschen mehr Gemüse wäre doch auch eine ganz gute Idee, oder: Wenn du weniger rauchen würdest, hättest du mehr Geld übrig. Aber man muss den Menschen in der ganzen Komplexität seines Lebens sehen. Wenn er nicht die Möglichkeit oder Fähigkeit hat, aus seiner krisenhaften Situation oder seinem Lebensstil herauszukommen, ist das Rauchen vielleicht eine Kompensierung und eine der wenigen Sachen, die ihm noch bleiben. Und wir möchten niemanden erziehen. Das sind erwachsene Menschen. Wir können ihnen ein Angebot machen und sind froh, dass es genutzt wird. Es gibt genug Menschen, gerade ältere Rentnerinnen, die Anspruch auf eine Kundenkarte hätten und sich nicht trauen, weil sie sich schämen. Und es gibt auch Kunden, die kommen schon in der zweiten oder dritten Generation.
Bekommen Sie auch mit, wenn jemand den Schritt aus der Armut schafft?
Schneider-Müller: Ja, wir haben schon Fälle erlebt, dass Menschen voller Stolz die Kundenkarte zurückgegeben und erzählt haben, dass sie endlich einen Job gefunden haben und sie nicht mehr brauchen. Und sich bedanken. Das tut allen Mitarbeitenden gut.
Krank: Oder kürzlich hat eine Frau ganz stolz erzählt, dass ihr Sohn Abitur gemacht hat und studieren geht. Das ist toll. Aber es gibt eben auch die langjährigen Kunden. Sie haben körperliche oder psychische Erkrankungen, sind langjährig arbeitslos oder haben aus anderen Gründen nie richtig den Weg ins Leben gefunden. Manche haben jetzt auch ein Alter oder Beschwerden, die es nicht mehr zulassen, zum Einkaufen zu kommen.
Was machen diese Menschen dann?
Krank: Wir haben mit dem Kreisdiakonieverband einen Lieferservice aufgebaut. Manche vergraben sich oder können nicht zum Einkaufen kommen, weil sie beim langen Warten Panikattacken bekommen. Vor all diesen Dingen, die man in der Öffentlichkeit nicht mitkriegt, macht die Wirklichkeit keinen Halt. Wir wollen klare Zeichen setzen: Wir kommen zu euch, wir vergessen euch nicht.
Sie beide haben der Tafel eine große Kontinuität beschert, obwohl es nach einer sehr aufreibenden Arbeit klingt...
Krank: Für Frau-Schneider-Müller auf jeden Fall.
Schneider-Müller: Ich war schon immer ein quirliger Mensch, der gerne organisiert und auch ganz gut mit Menschen umgehen kann. Ich habe aber auch dazugelernt und wüsste heute manchen Fehler zu vermeiden. Zwei linke Hände darf man nicht gerade haben. Und man muss darauf gefasst sein, auch mal einen Schritt schneller zu laufen. Man muss schon gucken, dass man sich nicht übernimmt. Und ich muss sagen: Die Pandemiezeit hat uns aufs Äußerste gefordert.
Krank: Dazu kommt, dass die Ludwigstafel ja auch noch Tafel-Logistik-Standort ist.
Schneider-Müller: In ganz Baden-Württemberg gibt es sechs Tafel-Logistiken, eine davon in Ludwigsburg. Wenn der Landes- oder Bundesverband große Mengen von Waren von einem Hersteller angeboten bekommt, kriegen wir anteilmäßig diese Paletten zugeteilt und verteilen sie als Ludwigsburger Tafel an 21 Tafeln im Heilbronner Raum, Rems-Murr-Kreis und im Kreis Ludwigsburg weiter.
Nach welchem System?
Schneider-Müller: Angenommen, wir bekommen vier Paletten Marmelade. Die werden in unser Lager nach Schwieberdingen gebracht. Heilbronn hat zehn Tafeln, also kriegen die die Hälfte. Rems-Murr mit fünf Tafeln bekommt eine Palette und Ludwigsburg auch. Die wird unter Bietigheim, Ditzingen, Marbach, Vaihingen, Backnang und Ludwigsburg aufgeteilt. Und Ludwigsburg muss wiederum aufteilen zwischen Kornwestheim, Grünbühl und Hirschberglädle, die sozusagen Filialen von uns sind. Das ist logistisch schon eine Herausforderung.
Krank: Das hat Frau Schneider-Müller nebenher auch noch bewältigt.
Schneider-Müller: Mit meinem Team!
Inzwischen hat sich das Bewusstsein für die teils irrsinnige Lebensmittelverschwendung gewandelt. Kommen Trends wie Foodsharing und Containern den Tafeln zugute oder in die Quere?
Krank: Wir betrachten diese Bewegungen nicht als Konkurrenz.
Schneider-Müller: Wir arbeiten sogar zusammen. Auch wir können bei gespendeten Waren ja schauen: Was ist gut für unsere Kunden? Sie sollen sich ja nicht als Mülleimer empfinden. Wir richten die Ware schön her, sie sieht noch gut aus, das Mindesthaltbarkeitsdatum stimmt. Was für uns nicht in Betracht kommt, wird trotzdem weiterverwendet. Jeden Tag bis auf Freitag kommen Leute vom Foodsharing und holen sich dann Übriggebliebenes, freitags kommt die Heilsarmee, die fürs Wochenende verteilt, und einmal im Monat nimmt uns auch die Suppenküche aus der Goerdelerstraße, die ein Essen für Bedürftige in ihrer Gemeinde bereitet, Lebensmittel ab. Wir versuchen alles im Kreislauf zu belassen, damit so wenig wie möglich weggeworfen wird.
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Wie geht man damit um, permanent Lebensmittelüberfluss und gleichzeitig anhaltender Armut zu begegnen?
Schneider-Müller: Wenn das alles im Müll landen würde: Oh Gott. Das würde der Schöpfung nicht gerecht werden. Es ist toll, dass uns mittlerweile so viel Ware von den Lieferanten abgegeben wird. Aber auch ambivalent. Es sind eben trotzdem alles Dinge, die der Lieferant aus dem Sortiment nimmt, weil er sie nicht mehr verkauft bekommt.
Krank: Auch in Privathaushalten wird noch zu viel weggeworfen. Wir haben vor ein paar Jahren über die Kirchengemeinden gebeten, dass die Leute in ihren Kellern schauen sollen, was nah am Ablaufdatum ist. Sie glauben nicht, was sich in schwäbischen Kellern alles stapelt… Jetzt wahrscheinlich Öl und Mehl. Komisch, dass das Klopapier diesmal keine Rolle spielt.
Die beiden Gesichter der Ludwigstafel gehen gleichzeitig. Ist das gut?
Krank: Ich glaube schon. Die neue Mannschaft kann ihren dann Stil und ihren Weg finden. Das ist besser, als wenn jemand von uns noch mitmischt. Wir haben das Feld gut bestellt. Die Nachfolgen sind geregelt, und wir haben personell etwas aufgestockt und eine Verwaltungskraft eingestellt.
Was machen Sie künftig?
Krank: Ich bin 80 Jahre und will mich ein bisschen mehr um meine Kinder und Enkel kümmern. Ich werde mich aber weiter beim Diakonie-Bezirksverband engagieren.
Schneider-Müller: Ich will Niederländisch lernen, weil meine Tochter dort lebt, und mehr für mein Enkelkind da sein. Ich freue mich, meine Zeit zu genießen, ohne Verantwortung zu tragen, und ein bisschen in den Tag hineinleben zu können. Ich werde mich aber auch für den Vorstand des Tafel-Landesverbandes bewerben, ich bin jetzt schon Beisitzerin. Ich würde mich freuen, wenn ich von meinem doch ziemlich großen Erfahrungsschatz etwas weitergeben könnte.
Einsatz für Bedürftige
Die Gesprächspartner
Anne Schneider-Müller, Jahrgang 1958, Ausbildung zur examinierten Krankenschwester in Koblenz, studierte Sozialarbeit in Aachen und arbeitete bei Institutionen wie dem Caritasverband, den Kleeblatt-Pflegeheimen oder dem Internationalen Bund. 2004 begann sie bei der Tafel Ludwigsburg. Horst Krank, Jahrgang 1942, wurde auf der Karlshöhe zum Diakon und Sozialarbeiter ausgebildet. Er arbeitete in einer Berlin-Neuköllner Kirchengemeinde und leitete danach eine Dorfhelferausbildung auf der indonesischen Insel Nias. Seit dem Jahr 1976 leitete er die Diakonische Bezirksstelle im Kreis Ludwigsburg und baute sie aus. 2007 ging er in den Ruhestand. Er bekam das Bundesverdienstkreuz und wurde Vorsitzender der Ludwigstafel. An diesem Wochenende werden Anne Schneider-Müller und Horst Krank verabschiedet.
Die Ludwigstafel
Die 1999 als Überbrückungshilfe gegründete Tafel ist längst zum Dauerläufer geworden. Täglich holen sich dort bedürftige Menschen preisgünstige Lebensmittel.