Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann präsentiert sich beim Einheitsfest in Stuttgart als Vertreter eines „aufmüpfigen Völkchens“ und bleibt trotz der Kameraleute und Stuttgart-21-Gegner an seinen Fersen gelassen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Der Ministerpräsident gibt das Kommando. „Drei, zwei, eins, los“, ruft Winfried Kretschmann ins Mikrofon. Dann lassen die Bürgerdelegationen aus ganz Deutschland, die sich auf dem Stuttgarter Schillerplatz zum gemeinsamen Maultaschenessen versammelt haben, ihre gelben Luftballons samt angehängter Adresskarte in den blauen Herbsthimmel steigen. Es ist ein schönes Bild für die Fotografen und Kameraleute, die Kretschmann seit der Eröffnung der Einheitsfeier am späten Vormittag auf Schritt und Tritt folgen – und eine Inspiration für die Stuttgart-21-Gegner, die sich nicht minder hartnäckig an seine Fersen geheftet haben. „Oben bleiben“, skandieren sie beim Anblick der aufsteigenden Ballons, was den Premier prompt zum Widerspruch reizt. Nein, auch die Ballons kämen irgendwann wieder runter: „So ist es halt auf der Welt.“ Dann wünscht er den Vertretern der 16 Bundesländer – allesamt ehrenamtlich Engagierte – einen guten Appetit und setzt sich selbst an einen der Tische.

Die Baden-Württemberger seien eben „ein aufmüpfiges Völkchen“, hatte Kretschmann den Gästen kurz zuvor auf der großen Bühne vor dem Rathaus erläutert. Während er dem Moderator dort schilderte, wie beklemmend er früher die Besuche bei den Verwandten im Osten empfunden hatte, ertönten im Publikum Pfiffe und „Verräter“-Rufe. S-21-Demonstranten hielten ihre grünen Fähnchen und „Herren-Knecht“-Plakate hoch, als er die Wiedervereinigung als „absoluten Glücksfall der deutschen Geschichte“ pries. Vom Unverständnis vieler Besucher, dass selbst die Einheitsfeiern für die Proteste genutzt würden, ließen sie sich nicht irritieren. Erst der Küchenmeister Vincent Klink, der zusammen mit Gerlinde Kretschmann Maultaschen zubereiten sollte, drang mit seinem Machtwort halbwegs durch: „Jetzt schwätze mir vom Koche und ihr seid still.“

„Zusammen einzigartig“

Die ersten Widerworte erntete Kretschmann schon, als er die Feiern vormittags auf der Ländermeile eröffnete. „Zusammen einzigartig“ – dieses Motto könne er als Baden-Württemberger „mit besonderer Überzeugung“ vertreten. Auch dem Südweststaat sei „seine Einheit nicht in den Schoß gefallen“, man habe sie per Volksentscheid erkämpfen müssen. „Betrug“, brüllte da ein Herr aus dem Publikum. „Nein, das war kein Betrug“, antwortete der Ministerpräsident lächelnd. Die Abstimmung habe zwar wiederholt werden müssen, sei aber eindeutig ausgefallen.

Eines, erzählte Kretschmann, habe ihn bei der deutschen Einheit „besonders berührt“: dass die alten Bundesländer im Osten „sofort wieder da waren“ – und das, obwohl „die SED sie geschleift hatte“. Für ihn, den überzeugten Föderalisten, war das ein schönes Bekenntnis zum Föderalismus. Sodann reihte sich der Premier in die Doppelreihe der 16 Ländervertreter ein, die sich vor dem Baden-Württemberg-Pavillon aufgestellt hatten: Auf einen Streich drehten alle ihre Pappschilder um, es erschien der Schriftzug „Zusammen einzigartig“.

Enger Zeitplan für die Kretschmanns

Bald danach strömten die Besucher in den BW-Pavillon, wo sie gleich am Eingang bei einem Quiz ihr Landeswissen testen konnten. Welcher von vier genannten Bundespräsidenten nicht aus dem Südwesten stamme, war eine der Fragen. Die richtige Antwort: Gustav Heinemann. Auf der Bühne sprachen Bundesratsminister Peter Friedrich (SPD) und Silke Krebs (Grüne) derweil mit den Gewinnern eines bundesweiten Schreibwettbewerbs unter dem Motto „Junge Menschen schreiben Geschichte“. Auch im benachbarten Zelt des Landtags herrschte schon gegen Mittag Andrang: Alle vier Fraktionen waren dort mit Ständen vertreten, der stenografische Dienst gab ebenso Auskunft über seine Arbeit wie der Petitionsausschuss.

Kretschmann und seine Frau zogen derweil weiter über die Ländermeile. Der enge Zeitplan ließ ihnen jeweils nur ein paar Minuten für Pavillons der Kieler Meeresforscher oder des Tourismuslandes Baden-Württemberg. Vorbei am Rathaus, wo anlässlich der Zertifizierung Stuttgarts zur Fair-Trade-Stadt ein Markt mit fair gehandelten Waren lockte, ging es auf die Bühne zum „ARD-Buffet“. Dort plauderte der Premier mit der Moderatorin nicht nur über sein Lieblingsessen – „schöne Käsespätzle“ – , sondern auch über eine kleine Panne bei den Vorbereitungen für die Einheitsfeier: unter seinem Grußwort war in der Veranstaltungsbroschüre eine falsche Unterschrift als Platzhalter stehen geblieben. Nachdem ihm die Juristen bestätigt hätten, dass das „nicht so schlimm“ sei, habe man auf eine Korrektur verzichtet. 50 000 Euro für den Neudruck auszugeben wäre kein „respektabler Umgang mit Steuergeldern“ gewesen, meinte der Premier – und erntete dafür prompt Applaus aus dem Publikum.