Tagblatt-Turm in Stuttgart Ein Meisterwerk in Grau

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Einst war der Stuttgarter Tagblatt-Turm revolutionär, immerhin war er das erste in Sichtbeton-Bauweise errichtete Hochhaus der Welt. Modern ist er mittlerweile nicht mehr. Und seine 30 Jahre alten Fenster – einschließlich des Anbaus 378 Stück – sind auch noch marode.

Im Jahr 2002 sind den Verantwortlichen im Rathaus die Kosten für die Sanierung des Tagblatt-Turms regelrecht um die Ohren geflogen. Foto: Wolfgang Horsch
Im Jahr 2002 sind den Verantwortlichen im Rathaus die Kosten für die Sanierung des Tagblatt-Turms regelrecht um die Ohren geflogen. Foto: Wolfgang Horsch

S-Mitte - Das Ergrauen blieb ihm selbstredend erspart. Der Tagblatt-Turm war schon immer grau, auch wenn seinerzeit, vor dem Bau, „die örtliche Materialprüfungsanstalt eine spezielle Betonmischung zusammengestellt hatte, um eine gute Farbwirkung zu erzielen“, wie die Deutsche Bauzeitung im Jahr 1929 vermerkte – aber Beton bleibt eben Beton. Das war ein Jahr, nachdem der bis heute namensgebende Erstmieter ins Hochhaus einzog: das Stuttgarter Neue Tagblatt.

Der Turm hat, was angesichts der Schäden in der Umgebung einem Wunder gleicht, sogar das Bombardement des Zweiten Weltkriegs überstanden. Dem Bauherrn, dem Architekten und dem heutigen Besitzer des einst als revolutionär gefeierten Hauses ist dagegen gemeinsam: Es brachte ihnen kein Glück.

Wieder mal ist der Turm des Geldes wegen im Gespräch

Am Anfang dieses Jahrtausends graute manchem Stadtrat vor dem Turme, der inzwischen der Stadt gehört. Ende 2002 erfuhr der Gemeinderat, dass die Kosten für Umbau und Sanierung des Hochhauses an der Eberhardstraße um 60 Prozent gestiegen waren, auf knapp 12,5 Millionen Euro. Ein Untersuchungsbericht über die genauen Gründe blieb auf Anweisung des Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster unter Verschluss. Über die Welle der Empörung und Rufe nach Aufklärung geriet 2003 gar das 75-Jahr-Jubiläum des Turms in Vergessenheit. Dafür rügte der Bund der Steuerzahler die Kostenexplosion als Beispiel für Steuerverschwendung.

Derzeit ist der Turm wieder des Geldes wegen im Gespräch. Seine gut 30 Jahre alten Fenster – einschließlich des Anbaus 378 Stück – sind so marode, dass an der Wetterseite schon Regenwasser ins Gemäuer sickert. Regelmäßig waren in der jüngeren Vergangenheit Handwerker zu Gast, um den Austausch vorzubereiten. Fest steht bereits, dass die Erneuerung teuer wird. Auf mehr als 3,1 Millionen Euro ist sie kalkuliert. Denn das 61 Meter hohe Haus steht unter Denkmalschutz, die Fenster sind Spezialanfertigungen.

Die Schutzwürdigkeit dürfte sich Laien schwer erschließen. Aus heutiger Sicht ist der Tagblatt-Turm ein Zweckbau wie viele, zusammengewürfelt aus Rechtecken, mal höher als breit, mal breiter als hoch, betongrau. Aber bei seiner Einweihung galt er eben deswegen als architektonische und bautechnische Glanzleistung, die selbst im gefühlten Mutterland der Hochhäuser beachtet wurde, in Nordamerika. Dort waren die Häuser zwar höher, aber sie wuchsen um Stahlskelette herum. Der Tagblatt-Turm mit seinen 18 Stockwerken war das erste in Sichtbeton-Bauweise errichtete Hochhaus der Welt. Seine 8000 Tonnen Gewicht ruhen auf einer anderthalb Meter dicken Bodenplatte, die mit Pfählen im Untergrund verankert ist. Der Andrang bei seiner Eröffnung am 5. November 1928 glich dem am ersten Volksfest-Tag.

Bauhausstil als bewusstes Zeichen des Aufbruchs

Der Bau im Stile des Bauhaus galt als Zeichen des Aufbruchs in moderne Zeiten – und in die Demokratie. Eben dies, so wollte es der Tagblatt-Verleger Carl Esser, sollte sich im Haus spiegeln. Den Auftrag für die Entwürfe erteilte er dem Architekten Ernst Otto Oßwald. Geradezu selbstverständlich waren sie strittig. Die Stadt ließ Paul Bonatz, Hugo Keuerleber und Heinz Wetzel die Pläne begutachten und Gegenvorschläge zeichnen. Am 15. Februar 1927 entschied sich der Gemeinderat aber für den ursprünglichen Entwurf. „Stuttgart empor“ titelte darauf das Tagblatt. Schon einen Monat später begann der Bau.

Nach Hitlers Machtergreifung ächteten die Nazis Oßwald. Der Architekt ernährte sich und seine Familie fortan mit kleinen Aufträgen. Das liberale Tagblatt wurde erst gleichgeschaltet, dann im Jahr seines 100jährigen Bestehens eingestellt. Gleich nach dem Krieg zog die Stuttgarter Zeitung in das Verlagshaus. Heute stehen im Tagblatt-Turm nur noch einige Schreibtische für Redakteure, die eilig aus dem Rathaus berichten. 1976 verließ der Verlag das Haus, um seinen Neubau in Möhringen zu beziehen. Gleichzeitig übernahm die Stadt den Tagblatt-Turm, Ämter zogen ein. Mit einem ersten Umbau bereitete sie bereits Anfang der Achtziger die heutige Nutzung als Theater- und Kulturzentrum vor.

Noch bis 1956 hatte Oßwald sein Büro in dem Haus, das im Nachhinein sein Lebenswerk war. Vier Jahre später starb er.

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