Tankstelle in Bietigheim stellt Verkauf ein Bio-Erdgas für Autos wird ausgebremst
Eine Shell-Tankstelle in Bietigheim-Bissingen stellt den Verkauf von Erdgas ein. Überzeugte Nutzer des Kraftstoffes befürchten, künftig ganz ins Abseits zu geraten.
Eine Shell-Tankstelle in Bietigheim-Bissingen stellt den Verkauf von Erdgas ein. Überzeugte Nutzer des Kraftstoffes befürchten, künftig ganz ins Abseits zu geraten.
An der Shell-Tankstelle direkt an der B27 in Bietigheim-Buch gibt es nur noch wenige Tage Erdgas. Im neuen Jahr ist Schluss. So will es Shell, erklären die Bietigheimer Stadtwerke. Deren Geschäftsführer Richard Mastenbroek hält einen Ersatzstandort für nicht lukrativ genug – zu wenige Kunden nutzten Erdgas, auch Compressed Natural Gas (CNG) genannt. Tatsächlich kostet die Neuausstattung einer andern Tankstelle hunderttausende Euro. Die Folge: Der Trend zum E-Fahrzeug droht das Netz der restlichen CNG-Tankstellen im Kreis Ludwigsburg und seiner Umgebung auszudünnen.
Einst gehörte die Bietigheimer Shell-Tankstelle zu den preisgünstigsten für Erdgas-Fahrzeuge. Nun zählt sie mit 2,04 Euro pro Kilogramm zu den vier teuersten der 718 CNG-Stationen in Deutschland. Von ihnen verkaufen fast 600 das Erdgas für einen Euro bis 1,50 Euro. Anders als die meisten CNG-Tankstellen boten Shell und die Stadtwerke in Bietigheim-Bissingen kein Bio-Erdgas an, was sich während der Energiekrise rächte. „Ich bin dort nicht mehr hingefahren, früher haben wir es mit Einkäufen in Bietigheim verbunden“, erzählt der Steinheimer Gerald Walther, der nun lieber nach Murrhardt oder Backnang fährt.
Weite Wege fürs Tanken rentieren sich für die rund 400 CNG-Fahrer im Landkreis Ludwigsburg nur bedingt. Sie haben Angst, bei weiteren Schließungen abgehängt zu werden. „Falls die Erdgas-Tankstelle an der Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg auch schließen würde, müsste ich das Fahrzeug wohl verkaufen“, befürchtet der Marbacher Dirk Steinsträßer, der mit seinem Audi A4 Gtron seit etwa zehn Jahren mit Methan fährt. Steinsträßer tauscht sich mit Gerald Walther und zwei anderen CNG-Fahrern aus dem Raum Marbach und dem Bottwartal regelmäßig über die Antriebsart aus.
Die Männer sind sich einig: Die gegenwärtige Politik der Ampel setze zu einseitig auf das E-Fahrzeug. Der Brennstoff Bio-Erdgas sei klimaneutral, weil er vorhandene Reste etwa aus Stroh, Pferdemist oder Gülle nutze. Die Politik müsse ein Interesse haben, Technologievielfalt aufrecht zu erhalten. Deshalb müsste die Bundesregierung sowohl den Treibstoff weiter steuerlich begünstigen als auch an der Erhaltung des CNG-Tankstellennetzes mitwirken. „Der Bio-Erdgas-Antrieb ist auch ohne Förderung wirtschaftlich darstellbar – anders als der E-Antrieb“, sagt Steffen Grill, der Murrer aus dem Gas-Nutzer-Quartett. Seine Kritik: Politik und Industrie betrachteten nur den CO2–Ausstoß am Fahrzeug, nicht aber in der gesamten Kette der Faktoren.
Lobbyarbeit betreibt auf Bundesebene der CNG-Club in München. Der Interessenverband bedauert, dass VW 2023 die letzten Erdgas-Fahrzeuge hergestellt habe und dass Shell und Aral ihre Erdgas-Tanksäulen im Netz der 14 000 deutschen Tankstellen abzubauen beginnen – zugunsten von ertragreicheren E-Ladesäulen. Dennoch sieht der CNG-Club nicht schwarz. „Der Markt der Tankstellen sondiert sich“, sagt die Sprecherin Isabella Finsterwalder, es würden auch neue Erdgasstationen gebaut, die für Autos wie Lastwagen geeignet seien. Mit Bio-Methan seien bereits 96 Prozent der Tanksäulen ausgestattet. Es gebe auch Tankstationen, die mit Gas aus benachbarten landwirtschaftlichen Betrieben beliefert würden.
In einen Abgesang der Erdgas-Tankstellen will der CNG-Club nicht einstimmen. Es würden auch weiterhin Lastwagen, Busse und Traktoren mit Erdgasantrieb in Serie gebaut – und die müssten irgendwo tanken können. Isabella Finsterwalder verweist auf gelungene Beispiele wie im Kreis Karlsruhe, wo für 98 Cent getankt werden könne. Oft sorgten Stadtwerke für Möglichkeiten. „Es gibt jede Menge erfolgreiche Tankstellen, deren Betreiber Marketing und Vertrieb machen und für den Kilogramm-Preis keine utopischen Preisvorstellungen haben.“
Politisch fordert der CNG-Club auf Bundesebene mehr Unterstützung. Er kritisiert ebenso die Ampelkoalition, die auf „E-Only“ setze und den Wert der sogenannten grünen Verbrenner auf der Basis von Bio-Erdgas ignoriere. Bei der Berechnung von Treibhausgas-Emissionen würde das Bio-CNG wie ein fossiler Kraftstoff bewertet, ausschließlich auf das bezogen, was aus dem Auspuff entweiche. Dies halte man für einen Fehler im Regelwerk, der unbedingt korrigiert werden müsse. Es gehe auch um eine Technologievielfalt, sagt Isabella Finsterwalder. „Die Mehrheit der Bürger möchte eine gesetzlich verordnete E-Mobilität nicht.“ So nutzten auch Amazon und DHL für ihre Fahrzeuge Biogas. Es gebe so viel Biomasse in Deutschland, dass rund zehn Millionen Fahrzeuge damit betrieben werden könnten.
Bio-Erdgas bleibt bis zum Jahr 2026 steuerbegünstigt. Das soll sich danach ändern, teilt der CNG-Club mit. Wie es danach weitergeht, könne Stand heute nicht gesagt werden. Die Europäische Union überarbeite 2027 die Gesetze für die Energiesteuer. Viel hänge deshalb von den EU-Wahlen im kommenden Jahr ab. Der CNG-Club hoffe auf Korrekturen am Green Deal.
Das FDP-geführte Bundesverkehrsministerium indes sieht sich auf dem richtigen Weg. Mit der Treibhausminderungsquote unterstütze man die Umstellung auf fortschrittlichen Biosprit. Die Quote bewirke, dass mehr Öko-CNG bereitgestellt und die Preise für die Verbraucher gesenkt würden.
Standorte
Tankstellen mit Bio-Erdgas gibt es in Backnang für 1,19 Euro pro Kilo, in Ludwigsburg für 1,40 Euro, in Weinsberg für 1,82 Euro und in Waiblingen-Hegnach sowie in Fellbach für jeweils 1,29 Euro. In Stuttgart gibt es vier Tankstellen, eine für 1,02 Euro, drei andere für 1,21 Euro. Apps geben Auskunft über Preise und Standorte.
Reichweite
Die Reichweite eines Erdgaswagens beträgt in der Regel zwischen 300 und 500 Kilometern. Das hängt auch vom Fassungsvermögen des Tanks ab, das meistens zwischen 11 und 34 Kilogramm liegt. Jeder Erdgas-Pkw hat einen Ersatztank mit Benzin, in den etwa bei einem VW Caddy rund zehn Liter passen. Das Erdgas wird mit einem Druck von 200 bar gespeichert. Tanks halten 600 bar aus und gelten wegen der Differenz als sicher, auch bei Unfällen.