Tanz der Vampire in Stuttgart Kevin Tarte sorgt bei seinem Comeback für Gänsehaut

Kevin Tarte ist als Krolock auf die Bühne von „Tanz der Vampire“ in Stuttgart zurückgekehrt. Foto: engelhard-photography-/ENGELHARD

Fulminant feiert Kevin Tarte sein Comeback bei „Tanz der Vampire“. Stuttgarts Ur-Krolock begeistert mit einer Klangfülle, die unter die Haut geht. Mit 66 Jahren ist er reifer und besser denn je. Das Publikum jubelt im ausverkauften Palladium-Theater ekstatisch.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Hat er den Krolock schon tausendmal gespielt? Seit der Deutschland-Premiere im Jahr 2000 in Stuttgart, von Roman Polanski für die Rolle des bösen, erotisch betörenden, aber doch leidenden Chefvampirs persönlich ausgewählt, ist Kevin Tarte mit dieser Rolle unstillbar eng verbunden. Wie oft er ins Gewand des Schlossherrn von Transsilvanien geschlüpft ist, weiß er selbst nicht genau. Irgendwann hat der US-Amerikaner bei den Zähnen mit dem Zählen aufgehört. Seine Agentin Andrea Weck weiß immerhin: Der charismatische Sänger hatte das letzte reguläre Engagement im Musical „Tanz der Vampire“ im Jahr 2017 in Hamburg.

 

Nach sechs Jahren Pause drängt es ihn zurück zu Knoblauch, Gruft und Gier. Die Fans, so zeigt sich am Samstagabend, haben lange darauf gewartet und zeigen eine Begeisterung, die man mit „völlig crazy“ beschreiben kann. Kevin Tarte hat der Stage Entertainment zugesagt, die Rolle seines Lebens erneut zu spielen, nämlich achtmal im Palladium-Theater. Bei der Premiere seines Comebacks gibt es keinen einzigen freien Platz. Selbst der zweiten Rang, der fast immer geschlossen ist, wird geöffnet und ist voll belegt.

Dass Stuttgart die Hauptstadt der Vampire ist, zeigte sich bereits beim „Tag der offenen Tür“ am vergangenen Donnerstag, als 12 000 Fans – viele waren kostümiert – für lange Schlangen sorgten. Da sang Kevin Tarte Ausschnitte aus dem vor 25 Jahren in Wien uraufgeführten Tanz der Tänze und bewies, dass seine magische Wirkung ungebrochen ist. Nun steht der 66-Jährige für eine gesamte Show auf der Bühne und gibt dabei alles, von sanft bis hart, von zart bis böse. Was sind schon 66 Jahren für einen Vampir, der mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel hat? Im Publikum sind viele, die ihn seit der Jahrtausendwende kennen und seitdem für ihn schwärmen. Gleichzeitig überrascht die hohe Zahl der jungen Menschen im Saal. Man sieht Kinder im roten Sarah-Kleid.

Was sind schon 66 Jahre für einen Vampir?

Tartes Stimme sticht bei einem bereits hervorragenden Ensemble noch weiter hervor. Diese Stimme ist so kräftig, tief und voller Volumen, dass Stuttgarts größter Musicalstar eigentlich gar kein Mikrofon bräuchte, um bis ganz nach oben in den zweiten Rang gehört zu werden. Kevin Tarte hat mehr als eine Musicalstimme. Für die Rolle des Krolocks zahlt es sich aus, dass der US-Amerikaner, der seit 1988 in Deutschland lebt, im klassischen Operngesang (Lyrischer Tenor/Bariton) ausgebildet ist.

„Als ich zwölf war, habe ich Kevin zum ersten Mal bei ,Die Schöne und das Biest’ gehört“, berichtet eine Mittdreißigerin. Seitdem sei sie nicht von ihm losgekommen. „Selbst wenn Kevin einen schlechten Tag hat, ist er besser als alle anderen“, sagt ein weiterer Fan. Musicalstar David Whitley ist „nur wegen Kevin“ gekommen. Sein Urteil: „Kevin hat Herz und eine so großartige Stimme, wie sie eben nur Kevin hat.“ So oft hat Tarte den Krolock gespielt, dass der Graf nun ihm steckt, den er also nur noch rauslassen muss – und ums Publikum ist’s geschehen.

Bei Tartes Song „Unstillbare Gier“ ist es erst unfassbar still im Saal, alle hören genussvoll und hingebungsvoll zu – und dann entlädt sich die Spannung mit donnerndem Beifall und begeisterten Rufen. Auch am Ende, da dem gefeierten Sänger Blumen überreicht werden, herrscht Orkanstärke beim Jubel. Seine perfekte Partnerin Kristin Backes als Sarah wurde einst von Kevin Tarte für die Audition gecoacht. Sollten die beiden mit nach Hamburg gehen, wo „Tanz der Vampire“ nach dem Abschied aus Stuttgart das schwächelnde Musical „Hamilton“ ersetzt, könnte sich das Publikum dort sehr freuen.

Sein Lebenspartner Stefan Wolf hat Freunde und Familie eingeladen

An diesem Abend zeigt sich: „Tanz der Vampire“ ist ein Meisterwerk, ganz und gar nicht angestaubt. Boris Ritter, der musikalische Leiter, dirigiert für den Stargast persönlich. Seit 1998 ist das Musical immer noch weiter verbessert und verfeinert worden. Für Kevin Tarte heißt das: Weil sich die Tempi verändert haben, bleibt ihm weniger Zeit zum Luftholen, alles geht schneller voran. Seine Lebensreife hilft ihm, dass seine Stimme über noch mehr Volumen und Tiefe verfügt. Dies unterscheidet ihn von Krolock-Kollegen, von denen einige wahre Pop-Grafen sind, eher höher singen.

Die lange Nacht endet für Kevin Tarte beim Italiener im SI-Centrum. Sein Lebenspartner Stefan Wolf, der Gesamtmetall-Präsident, hat Freunde und Familie dazu eingeladen. Der Umjubelte stößt später hinzu, nachdem er die wartenden (überwiegend weiblichen) Fans vor der Bühnentür mit Autogrammen noch weiter beglückt hat. Alles ist wie früher. Nur noch besser.

Vor der Show hat der 66-Jährige zugegeben, nervös zu sein. „Ich wollte alles richtig machen“, sagt er. Am Ende strahlt er. Und freut sich, dass ihn die Kollegen eines jungen Ensembles „so freundlich“ empfangen haben, geradezu familiär, wie wenn der ältere Verwandte, den alle mögen, kommt. Ihnen macht es Spaß, mit einem Vorbild zu spielen. Bestimmt haben einige auf der Bühne selbst Gänsehaut gespürt.

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