Tanzpremieren im Theaterhaus Nah dran am Tanz der Teilchen

Das Ensemble in Mauro Bigonzettis „Spighe“, das dem Element Erde gewidmet ist. Foto: Gauthier Dance/Jeanette Bak

Gauthier Dance zeigt in „Elements“ vier Uraufführungen prominenter Choreografinnen und Choreografen. Mit seinem verbindenden Thema steht der Abend in der Tradition der „Sieben Todsünden“ und Eric Gauthiers „Dying Swan“-Projekt.

Wer an einem Lagerfeuer sitzt, kann dabei zusehen, wie die Flammen ein immer seltsameres Eigenleben entwickeln. Vor allem dort, wo es nicht mehr lodert, sondern glimmt, bilden sich Zungen, die ein rührendes Eigenleben behaupten. Das dem Element Feuer gewidmeten Stück „Alone“ der israelischen Choreografin Sharon Eyal scheint diesem Übergang zwischen Aufflackern und glühender Hitze nachzuspüren. Und wie beim Betrachten des verzehrenden und zugleich energiespendenden Elements stellt sich auch bei diesem Tanz der Teilchen eine hypnostische Wirkung ein.

 

Unterlegt mit harten Beats eines Elektrosounds (Musik: Eliza) treten die 16 Gauthier-Dancer in hautfarbenen Unisex-Trikots auf halber Spitze trippelnd im Pulk auf. Die Bewegungsenergie entfaltet sich auf der Stelle. Platzsparende Schrittkombinationen werden dicht an dicht ausgeführt. Von Beginn an gibt es Sonderlinge, die ihr Dasein abseits der Gruppe fristen oder sich zu doppelköpfigen Gestalten verbinden. Gekennzeichnet durch rot geschminkte Hälse fügen sie sich wieder ein ins farblich veränderte Miteinander, das erneut Einzelne aus seiner Mitte lässt. Mit Blick auf den Titel darf man „Alone“ als gesellschaftliche Metapher lesen. Wenn die Gestalten später die Knie beugen, sieht man die Flammen zu Boden gehen. Dass deren Kraft trotz einsetzender Verlangsamung nicht so schnell vergeht, verdeutlicht die über das Ende des Stücks hörbar bleibende Musik.

Nach diesem starken Auftakt mit perfekt aufeinander abgestimmten Tänzern nutzt Eric Gauthier bei der „Elements“-Premiere am Donnertagabend die Umziehpause, um über das Konzept zu plaudern. Mit seinem verbindenden Thema stehe der Abend in der Tradition der „Sieben Todsünden“ und seines „Dying Swan“-Projekts. Ein Gastspiel in Bilbao und eine Kanada-Tournee vor Augen, mehr Geld vom Kulturamt, eine Förderung von der Baden-Württemberg-Stiftung: Ja, der Tausendsassa ist mit den Bedingungen für sein Ensemble zufrieden und zu Recht stolz darauf, dass er vier Uraufführungen international begehrter Tanzkreateure zeigen kann.

Das Duo nimmt das Publikum mit unter den Meeresspiegel

Noch ein Hinweis auf Andonis Foniadakis dem Wasser gewidmeten Stück „Almyra“. Der titelgebende Begriff bezeichne den Moment, in dem Meerwasser zu trocknen beginnt und Salzkristalle bildet. Dann geht es auch schon weiter: mit einem Paar, das in einem aus Licht erzeugten und optisch weit ins Publikum ragende Strudel unterzugehen droht. Das Duo nimmt das Publikum mit unter den Meeresspiegel. Wie Algen in der Brandung oder Unterwasserschlangen wirbeln die Körper umher, werfen ihre Arme und Beine weg von der Mitte, als würden sie von Strömungen erfasst. Die osmotische Natur von Wassertropfen zeigt sich in der Vereinigung der grün und blau schimmernden Paare. Dazwischen brillante Mini-Soli in Purpur. In diesen Sekunden zeigt sich der Erfindungsreichtum der Choreografie wie unter einem Brennglas. Das permanent sich verändernde Fließen und Aufbäumen der Paare und Gruppen wirkt dagegen zunehmend gleichförmig, auch wenn Verlangsamungen, Hebungen und plötzliche Ordnungsmomente Akzente setzen. Ein wirkmächtiger Mitspieler ist das Licht (Sakis Birbilis), das zunehmend kristalline Strukturen aufscheinen lässt. Die dröhnend dumpfe, oft pochende Musik von Julien Tarride verstärkt die Unterwasser-Wirkung aufs Beste.

Nach der Pause gelingt der kanadischen Choreografin Louise Lecavalier mit Alleleen Derdroog als kongeniale Interpretin ein Solo, das dem Element Luft gerecht wird. Überschrieben mit „Ether“ werden hier nicht nur die Weite des Raums und der Atem als Basis jeder Bewegung betont. Es geht auch um die innere Leere, die es zu füllen gilt. Yoga und Sport sind hier die Mittel, nicht illustrativ, sondern übersetzt in große Gesten, vibrierende Muskelstränge und aberwitzig vertrackte Überkreuz-Schritte. Hier findet auf einer mit weißen Turnbahnen markierten Bühne ein Wettbewerb gegen die Zeit und die eigenen körperlichen Grenzen statt. Die Protagonistin lässt ihre Oberschenkel wie unter elektrische Spannung gesetzt zittern, läuft nähmaschinennadelschnell auf der Stelle und kommt auf der Suche nach sich selbst nie zur Ruhe. Geflasht von diesem grandiosen Parforceritt machte sich das das Publikum die Energie im Raum zu Eigen und verstärkte den Applaus mit Fußgetrampel.

Der Italiener taucht nicht ab, sondern bleibt auf dem Acker

Eher narrativ denn chemisch elementar lässt sich Mauro Bigonzettis Beitrag „Spighe“ begreifen. Der Italiener taucht nicht ab in die Erde, sondern bleibt auf dem Acker und huldigt einer ruralen Gemeinschaft, die stampfend, in dynamischen Umarmungen, als flüsternder Chor und im Auskosten der gemeinsamen Zeit Weizen anbaut. Spighe di grano, so wissen die Premierenbesucher aus Gauthiers Ansprache, sind Weizenähren, die Basis jeder Pasta. Insofern knüpft Bigonzetti mit seiner erd- und heimtatverbundenen Auseinandersetzung an sein Erfolgsstück „Cantata“ an, mit dem er der mediterranen Lebensart huldigt. Vor allem in den Pas de deux steckt Sonderbares, da werden übereinanderliegende Ellenbogen zu küssenden Schnäbeln, da greifen Hände zu nackten Füßen, die manchmal so wesenhaft wirken wie Gänsehälse. Dass die Scholle auf Dauer keine Zukunft bietet und doch Heimat ist, macht ein Koffer mit zwei Griffen deutlich, der zur seelisch-körperlichen Zerreißprobe wird.

Viele Vorstellungen sind ausverkauft. Für den 6. und 9. März sind Tickets verfügbar. Kartentelefon: 4 02 07-20, -21, -22, -23.

Die Choreografen

Sharon Eyal
Die Israelin tanzte bei der Batsheva Dance Company und war auch deren Hauschoreografin. 2013 gründete sie mit Gai Behar in Frankreich die Tanzkompanie L-E-V. Nach ihrem Beitrag zu „Seven Sins“ arbeitet sie mit „Alone“ zum Element Feuer zum zweiten Mal mit Gauthier Dance.

Andonis Foniadakis Auf Kreta geboren und in Athen und bei Rudra-Béjart in Lausanne ausgebildet, gründete er 2003 in Lyon die Compagnie Apotosoma-Andonis Foniadakis und leitete zeitweise das Griechische Nationalballett. „Almyra“ zum Thema Wasser ist sein drittes Stück für Gauthier Dance.

Louise Lecavalier Die für ihre Härte, Schnelligkeit und akrobatische Verrenkungen bekannte Ikone des zeitgenössischen Tanzes war in den 1980er Jahren Mitglied der Kompanie La La La Human Steps und stammt wie Eric Gauthier aus Montreal. Sie choreografiert seit 2012 und befasst sich mit „Ether“ für Gauthier Dance mit der Luft.

Mauro Bigonzetti
Der Römer prägte die Kompanie Aterballetto, deren Tänzer und künstlerischer Direktor er lange war. Für das Stuttgarter Ballett kreierte er nach seinem Erfolg „Kazimir’s Colours“ weitere Stücke. Seit der Gründung von Gauthier Dance gehört er zu den Gastchoreografen. Von ihm stammen etwa „Alice“, „Cantata“ und weitere Werke. „Spighe“ widmet sich dem Element Erde.

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