„Tatort“ aus Ludwigshafen: „Die Pfalz von oben“ Der Chef schaut weg

Von  

Lena Odenthal feiert Dienstjubiläum. Zum dreißigsten Geburtstag muss die „Tatort“-Kommissarin in der pfälzischen Provinz ermitteln, wo sie prompt den Dorfpolizisten wiedertrifft, in den sie sich zu Beginn ihrer Karriere verknallt hat.

Wiedersehen nach fast 30 Jahren: Odenthal (Ulrike Folkerts) und Tries (Ben Becker) Foto: SWR/Benoît Linder
Wiedersehen nach fast 30 Jahren: Odenthal (Ulrike Folkerts) und Tries (Ben Becker) Foto: SWR/Benoît Linder

Ludwigshafen - Als Lena Odenthal und ihr Kollege gerade auf den Hühnerhof fahren, steht der Bauer dort und haut seiner Frau eine runter. Und was tut die die junge Kommissarin? Nichts. Sie steigt aus, packt das Huhn, das sie im Schwung gerade mit dem VW-Käfer überfahren hat, entschuldigt sich und geht zur Tagesordnung über. Eine Szene, die viel darüber erzählt, wie sich die Zeiten verändert haben und damit auch der „Tatort“. Heute gingen Tierschützer auf die Barrikaden, wenn eine Kommissarin wie nebenbei ein Huhn totfahren würde. Und vor allem die toughe Kommissarin Lena Odenthal wäre die erste , die den Bauern, der so grob zugeschlagen hat, zur Rede stellt.

„Tod im Häcksler“ war der dritte Mordfall, in dem Ulrike Folkertsin der Rolle der Lena Odenthal im Ludwigshafener „Tatort“ ermittelte. Sie wurde aufs Land verschickt – und es knisterte heftig zwischen ihr und dem 25-jährige Ortspolizisten Stefan Tries. Man konnte es verstehen, denn der Schauspieler Ben Becker war damals ein charmantes Bürschchen. Zum 30-Jahr-Dienstjubiläum von Odenthal wurde die Kommissarin nun noch einmal abgesandt ins pfälzische Provinznest Zarten. Die Jubiläumsfolge „Die Pfalz von oben“ schreibt die Geschichte von ­damals weiter.

Die Polizei von Zarten scheint öfter ein Auge zuzudrücken

Dieser Stefan Tries aber ist nicht nur dicker geworden, sondern offensichtlich auch nachlässiger, vielleicht sogar korrupter. Zumindest fährt er am Abend mit einem jungen, gewissenhaften Kollegen Streife, der einen Lastwagen aus Frankreich anhält. Während Tries die Papiere mehr als nachlässig kontrolliert, wird der junge Mann erschossen. Tries rettet sich in den Graben, der Polizeiwagen wird überrollt, und der Lastwagen verschwindet über die französische Grenze.

So kehrt Lena Odenthal zurück in das Dorf, in dem die Landbevölkerung vor dreißig Jahren in „Tod im Häcksler“ unliebsame Mitbürger im Häcksler des Hühnerhofs schredderten. Es war eine üble Geschichte, auf die Odenthal damals stieß, aber beseelt vom jungen Liebesglück konnten ihr die Grausamkeiten wenig anhaben. Auch in „Die Pfalz von oben“ sieht man die Kommissarin, wie man sie in den vergangenen Jahren eher selten erlebt hat: lächelnd, sanft, verknallt.

Lena Odenthal haben die Jahre ernster und härter werden lassen

Im Lauf der Jahre hat sich die Hauptfigur des Ludwigshafener „Tatorts“ zu einer einsamen Wölfin verwandelt, ernst, hart und mitunter bitter. Es ist eine schöne Idee, sie nun noch einmal an die Plätze ihrer jungen Jahre zu schicken, wo sie plötzlich wieder leicht und unbeschwert an die Leidenschaft von einst anknüpft, auch wenn das Leben von Tries aus den Fugen geraten scheint.

Wo vor dreißig Jahren noch eingewanderte Rumänen ein einfaches Leben führten, ist nun Luxus eingezogen. Selbst der junge Polizist, der zu Tode kommt, war dabei, sich ein gediegenes Eigenheim zu bauen. Allen Kollegen der Zartener Dienststelle scheint es finanziell sehr gut zu gehen. Sie wohnen vereint an der Bullenweide, einer frisch gebauten Siedlung, die ein französischer Investor finanziert hat. Und hier wird die Ludwigshafener Kommissarin hellhörig, denn die Kriminalitätsrate des Orts ist auffällig niedrig. Ihre Vermutung: Die Beamten werden fürs Wegschauen bezahlt.

Im Dorf herrschen eigene Gesetze, von denen alle profitieren

Es ist amüsant, wie die Ermittler aus Ludwigshafen ausgerechnet auf der Kegelbahn der Dorfgaststätte ein provisorisches Büro einrichten und zwischen Spaghettitellern recherchieren. Doch die Widerstände aus dem Dorf sind enorm. „Wenn einer Scheiße baut, dann regeln wir das selber“, sagt Tries. Haben die Kollegen den jungen Polizisten umgebracht, weil er die Machenschaften des Reviers aufdecken wollte? „Unser kleines Paradies ist angegriffen worden“, erklärt Tries vielsagend bei der Trauerfeier.

Man muss „Tod im Häcksler“ nicht gesehen haben, aber wenn man diesen frühen Krimi kennt, entdeckt man viele Parallelen. Gut, dass die Regisseurin Brigitte Maria Bertele eine Szene von damals eingeblendet hat, ohne die man kaum nachvollziehen könnte, warum die an sich kühle Lena Odenthal sich plötzlich erwärmt für diesen heruntergewirtschafteten Dorfpolizisten, der zerstoßene Tabletten in die Nase zieht. Der Alkohol tut das Übrige.

Der Bogen in die Vergangenheit gibt dieser sehenswerten Folge die Würze, denn es wird deutlich, wie viel Zeit- und Kulturgeschichte im „Tatort“ steckt – und das meint nicht nur die Tatsache, dass Odenthal heute nicht mehr im VW-Käfer durchs Dorf brettert, sondern ein E-Auto fährt. Eines aber hat sich nicht verändert – die Gefahr, die von eingeschworenen Gemeinschaften ausgehen kann.

Ausstrahlung: Sonntag, 17. November 2019, 20.15 Uhr