Taylor-Swift-Gottesdienst in Heidelberg Wie die Pop-Queen einen Pfarrer im Südwesten inspiriert

Die aktuell erfolgreiche Popsängerin Taylor Swift inspiriert auch einen Gottesdienst in Heidelberg. Foto: dpa/Natacha Pisarenko

In Heidelberg veranstaltet ein Pfarrer einen Taylor-Swift-Gottesdienst – und lockt Hunderte von Swifties in die Kirche. Es ist nicht das erste Mal, dass die Heiliggeistkirche in Heidelberg ungewöhnliche Wege geht, um junge Leute zu erreichen.

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„Sometimes I feel like everybody is a sexy baby and I am a Monster on the Hill”, singt Taylor Swift in Anti-Hero. Der Song schaffte es 2022 auf Platz 1 der Charts und gilt als das intimste Lied des derzeit erfolgreichsten Popstars der Welt. „Der Song ist eine geführte Tour zu all den Dingen, die ich an mir hasse“, beschrieb Swift selbst das Stück, das gespickt ist mit Standardzutaten einschlägiger Coming-of-Age-Filme: Selbstzweifel, ein negatives Körperbild und das Gefühl, fehl am Platz zu sein.

 

Es ist Musik, die junge Leute hören und Swift zu Weltruhm verhalf. 14 Grammy Awards und zahlreiche Nummer-1-Hits machen die Sängerin zu einer der erfolgreichsten Popstars aller Zeiten. Ob man nun selbst ein Swiftie ist, wie sich die treuesten Fans der Sängerin bezeichnen, oder nicht – es gibt kaum ein Entkommen vor der Frau und ihrer Musik.

Der Pfarrer ist selbst ein „Swiftie“

Das weiß auch Vincenzo Petracca, Pfarrer der Heiliggeistkirche in Heidelberg. Kürzlich rief er einen Gottesdienst mit dem Titel „Anti Hero – Taylor-Swift-Gottesdienst“ ins Leben, der Lieder und Leben von Swift mit der klassischen evangelischen Messe verbindet. Als bekennendem Swiftie ist der aktuelle Hype um die Sängerin auch an Petracca nicht vorbeigegangen – mit einem solchen medialen Echo und Ansturm auf die Plätze hatte er aber nicht gerechnet. Innerhalb kürzester Zeit waren beide Themen-Gottesdienste am 12. Mai ausgebucht. Der Eintritt ist frei, es musste aber wegen des großen Andrangs vorab reserviert werden.

Pfarrer Vincenzo Petracca geht in der Heidelberger Heiliggeistkirche gerne ungewöhnliche Wege. Foto: Gülay Keskin

„Irgendwie denkt man: Alle sind Swifties“, sagt Petracca und lacht. Kreischende Teenies und ein Meer von Handykameras inmitten eines historischen Gotteshauses also? Der 59-Jährige stellt klar: „Wir machen einen Gottesdienst zu Taylor Swift, kein Pop-Konzert.“ Im Mittelpunkt stehe die Frage: Wie steht Taylor Swift zu Religion und was hat es mit ihrer persönlichen Spiritualität auf sich? Als bekennende Christin spielt der Glaube in vielen ihrer Lieder eine Rolle. Mehrere Jugendjahre verbrachte sie in Tennessee, im Herzen des Bibelgürtels. Die Region in den USA ist von christlich-konservativen Werten geprägt, der Glaube eng mit Kultur, Politik und Alltag verbunden.

Bereits Gottesdienste zu Madonna und den Beatles

Selbstverständlich kommt aber auch die Musik der Sängerin nicht zu kurz. Alle gespielten Lieder werden Songs von Taylor Swift sein, sechs an der Zahl, darunter auch das namensgebende Stück Anti-Hero. Das Lied soll im Rahmen einer inneren Einkehr den Gottesdienst eröffnen. Wie üblich in vielen evangelischen Messen dient sie zur Selbstreflexion: Was belastet mich? Wo habe ich Fehler gemacht? „Oder in der Sprache von Taylor Swift: Wie sieht es denn aus mit dem Monster in mir?“, sagt Petracca.

Im Hintergrund wird Anti-Hero laufen, während Petracca Ausschnitte des Liedtextes auf Deutsch in die Musik hineinspricht. Interpretiert werden die Lieder von einer Live-Band mit Tine Wiechmann als Sängerin. Die ehemalige Professorin für Popkirchenmusik arbeitete bereits mit Petracca zusammen. Der Taylor-Swift-Gottesdienst ist der zehnte in der Reihe „Citykirche Rock’n’Pop“. Zuvor klangen bereits Lieder von Pop-Größen wie Michael Jackson, Bob Dylan, Madonna oder den Beatles durch das altehrwürdige Gemäuer der Heiliggeistkirche.

Das ungewöhnliche Konzept hat auch seine Kritiker

Mag das Jahrhunderte alte Gemäuer und die klassische Kirchenarbeit für viele im starken Kontrast zu moderner Pop-Musik stehen, möchte der Pfarrer die Tradition fortschreiben – in aktualisierter Form. Seit neun Jahren übt er sein Amt in der Heiliggeistkirche aus, mit dem Ziel, das Gotteshaus als Kulturkirche zu profilieren. „Wir wollen den physischen und den spirituellen Raum der Kirche öffnen und entgrenzen“, sagt Petracca. So möchte er Menschen ansprechen, die sonst nicht erreicht werden, insbesondere Jüngere.

Dass ein solch ungewöhnliches Konzept Kritiker auf den Plan ruft, ist Petracca klar. „Mir wird öfter vorgeworfen, ich mache eine Sache nur um eines Events willen.“ Besonders in kirchlichen Kreisen seien nicht alle von seinen Ideen begeistert. Er macht aber deutlich, dass es weder um ein Event noch eine große Popmusik-Party gehe. „Wir beschäftigen uns theologisch mit der Frau, wir schauen, wo steht sie spirituell und welche Fragen gibt sie uns mit.“

Die Befürchtung, der Hype um Taylor Swift könnte die geistliche Komponente des Gottesdienstes überstrahlen, hat er daher nicht. In der Vergangenheit habe man mit dieser Form von Gottesdiensten sehr gute Erfahrungen gemacht. „Im Mittelpunkt stand immer das Spirituelle, das blieb auch bei Michael Jackson so.“ Bei dem Gottesdienst im Dezember vergangenen Jahres scheute sich der Pfarrer darüber hinaus nicht, auf Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen den King of Pop und auf das Thema Missbrauch in der Kirche einzugehen. „Wir müssen uns als Kirche auch in Frage stellen lassen und einen Dialog auf Augenhöhe führen“, so Petracca. Mit dem Taylor-Swift-Gottesdienst hat er ganz offensichtlich den Zahn der Zeit bei der jüngeren Generation getroffen.

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