Techno mit Semf, bitte! Walter Ercolino: „Hype erzeugt immer eine Gegenkultur“

Walter Ercolino ist im Stuttgarter Clubkollektiv und im Bezirksbeirat Stuttgart-Ost aktiv und vor allem ein profilierter Denker, der sich intensiv mit Stadt und Kultur auseinandersetzt. Foto: privat
Walter Ercolino ist im Stuttgarter Clubkollektiv und im Bezirksbeirat Stuttgart-Ost aktiv und vor allem ein profilierter Denker, der sich intensiv mit Stadt und Kultur auseinandersetzt. Foto: privat

Ohne namhafte DJs würde ein Festival wie das SEMF überhaupt nicht funktionieren. Ein Gespräch mit Walter Ercolino über DJ-Stars und ihre Bedeutung.

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Stuttgart - Vor gut 20 Jahren knallte Marusha mit „Somewhere Over The Rainbow“ durch die (deutschen) Charts und seitdem war klar: DJs können auch Popstars sein – und heutzutage sind sie sogar mitunter Multimillionäre. Im Rahmen unserer Kolumne „Techno mit SEMF, bitte“ reden wir mit Walter Ercolino über mitunter bizarre Entwicklung der DJ-Culture in den vergangenen 20 Jahren, ein überhitztes Headlinertum und der große Graben zwischen Stars und den Locals an der Front.

Der Stuttgarter bereicherte genauso lang selbst als DJ, Produzent und Veranstalter mit verschiedenen Projekten die Szene und hat unzählige Platten veröffentlicht und auf Mainstages gestanden. Walter Ercolino ist im Stuttgarter Clubkollektiv und im Bezirksbeirat Stuttgart-Ost aktiv und vor allem ein profilierter Denker, der sich intensiv mit Stadt und Kultur auseinandersetzt.

Wie wirken Großveranstaltungen wie das SEMF auf dich?
Für Stuttgart ist es gut, dass es eine elektronische Großveranstaltung wie das SEMF gibt, das inzwischen überregional bekannt ist. Bandbreite in den verschiedensten kulturellen Bereichen gehört für eine Großstadt dazu und man muss den Machern Respekt zollen, für das, zu was aus dem Festival gemacht haben. Persönlich kann ich aber nichts damit anfangen. Zuviel Hype um große Namen, die dementsprechend viel Publikum anziehen müssen, damit sich das Ganze am Ende rentiert. Für mich ist der Club der ideale Ort für elektronische Musik. DJ-Culture ist für mich nicht unabhängig von Orten zu denken und eine Stärke war schon immer, sich Orte anzueignen, die für etwas ganz anderes gedacht waren. Mein Alltime-Lieblingsclub ist immer noch das E-Werk in Berlin (wichtiger Techno-Club Mitte der 1990er, d. Red). Improvisation war schon auch immer Teil der DJ-Culture, das durchgeplante Event weniger.

Du standest selbst schon auf den großen Bühnen. Wie hart kickt das, wenn vor dir mehrere 1000 Leute stehen?
Denjenigen möchte ich sehen, der behauptet vor 1000 Leuten aufzulegen lässt ihn kalt. Ist schon ein Adrenalinschub, allerdings auch hier, die besseren Partys waren immer in den kleinen Clubs.

Ein (Techno)Festival lebt und lebte schon immer von Headlinern, das ist seit Anfang/Mitte der 90er so. Wann hast du dir das erste Mal gedacht, dass das mit dem anonymen Techno-Ansatz überhaupt nichts zu tun hat, der sich eigentlich – so die Gründer von Techno - von Popmusik und seinem Starkult lösen wollte.
Ja, krass. Der DJ war ganz am Anfang Plattenleger, hat Ansagen zwischen den Stücken gemacht, danach, mit dem Aufkommen der elektronischen Musik, trat er immer mehr hinter die Musik zurück. Der klassische Techno-Ansatz war: die Musik ist der Star, nicht der DJ. Wenn man so will eine klassenlose Gesellschaft, kein Unterschied zwischen dem, der da oben auflegt und denen, die da unten tanzen. Ich habe das immer so gesehen, dass die Techno-Musik einen sozialen Raum schafft, der Individualität verspricht, aber auch Zelebrierung von Gemeinsamkeiten unter dem gleichen Beat ermöglicht. Die Anonymisierung spielte dabei natürlich eine wichtige Rolle. Underground Resistance (Label und Künstler aus Detroit, d. Red.) war Name und Programm zu gleich. Bis der DJ selbst als Unternehmer entdeckt wurde, unbedingt Popstar sein wollte und den Vermarktungslogiken der Kulturindustrie erlag.

Techno-historisch gesehen war Marushas „Somewhere Over The Rainbow“ der finale Auslöser. Heute würde man sie als „Gamechanger“ bezeichnen. Seitdem weiß man, der DJ kann auch Popstar sein. Was ist aber der Unterschied zwischen den heutigen DJ-Millionären zu den ersten Stars der einstigen „Raving Society“, die Mitte der 1990er euphorisch ausgerufen wurde (und auch bald wieder ad acta gelegt wurde)?
Die Raving Society hat die Basis gelegt, für das was wir heute vorfinden. Sie feierte die Redundanz der Gesellschaft, die Party wurde auf die Straße verlegt, mit den Massen setzte die Kommerzialisierung und die sogenannte Logik der Märkte ein. Ich glaube, dass solche Entwicklungen nicht getrennt gesehen werden können von den Entwicklungen in den restlichen Teilen der Gesellschaft. So fand parallel zu ihr auch eine Neoliberalisierung des DJs statt, der DJ ist gewissermaßen nur noch Ware, die es bestmöglich zu verkaufen gilt und zwar ohne Einschränkungen. Was zählt ist die Gewinnmaximierung. Ich kann mich noch daran erinnern, wie stolz wir alle waren, auch wenn es keiner zugeben wollte, als es Members of Mayday mit „Sonic Empire“ (1997) auf die Nummer 1 in den Charts gebracht hatten. Techno hat die etablierte Musik vom Thron gestoßen, yeah! Allerdings war das auch der Turning Point. Man hat begriffen, welches kommerzielles Potential in dieser 4/4 Basedrum steckte. Während Marusha noch aus Zufall zum Popstar wurde, wurde spätestens ab dann versucht, mit Kalkül Techno und den DJ zu kapitalisieren.

Heutzutage verdient eine kleine Speerspitze an DJs Millionen. Einerseits ist das voll okay, manche von ihnen sind einen weiten Weg gegangen (David Guetta legt z.B. seit Ende der 1980er auf), die meisten stehen vielleicht auch zurecht oben, man gönnt das denen. Auf der anderen Seite denkt man sich: Ihr spielt zwei Stunden lang Musik von euch und von fremden Künstler von einem USB-Stick herunter - ist diese Tätigkeit wirklich ein hoher fünfstelliger bis sechsstelliger Betrag wert? Ist das nicht total verrückt?
Nun, da stellt sich natürlich schnell die Frage, wie denn der Wert von Tätigkeit heutzutage festgelegt ist. Warum verdient der VW Manager Millionen und wird selbst bei Versagen mit hohen Abfindungen bedient, während die Krankenschwester oder Kindergartenpädagogin, die nachweislich sinnvolles tut, kaum davon leben kann. Letztendlich ist die Dienstleistung des DJs klassisch gesehen Ware, die einen bestimmten Gebrauchs- und Tauschwert hat. Und anscheinend stillen die David Guettas dieser Welt Bedürfnisse, die diese hohen Gagen rechtfertigen. Oder man kann es auch anders sagen, das EDM Gedönse und die dazugehörigen DJs erfüllen vollauf Adornos und Horkheimers These der Kulturindustrie. Aber klar, verrückt ist es in jedem Fall, es scheint aber der Markt herzugeben und das ist es leider was heute zählt - mehr denn je.

Ich find das immer noch verrückter, wenn man das mit einer Rockband vergleicht, die natürlich nicht am Hungertuch nagt, aber die meinetwegen mit 40 Trucks durchs Land tourt und sich wenigstens zwei bis drei Stunden lang auf der Bühne mit ihrer eigenen Musik einen abrackert, also sicherlich mehr kann als zwei oder drei CD-Player zu bedienen.
Gut, anderseits ist natürlich kein DJ nur noch DJ heutzutage, sondern produziert auch seine eigene Musik. Und wenn du dich mit einem am Konservatorium jahrelang ausgebildeten Musiker unterhältst, wird dieser einen ganz anderen Begriff von Können haben. Und keiner rackert sich mehr auf der Bühne ab als Steve Aoki, der riskiert ja bei jedem seiner Auftritte sprichwörtlich sein Leben! (lacht) (Steve Aoki ist für halsbrecherische Einlagen bekannt, d. Red.) Aber klar, ich verstehe deinen Punkt. Umso wichtiger ist es eben, dass Künstler nicht nur vom Markt abhängig sind. Deswegen ist Kultur- und Kunstförderung enorm wichtig. Ich mag gar nicht daran denken, was passiert, wenn der Kulturbereich nur noch ökonomischen Prinzipien unterworfen wäre.

Ist dieser nochmals gerade in den letzten zehn Jahren immens gewachsene Hype um DJs auch ein Abbild unserer Gesellschaft, in der man häufig scheinbar immer weniger können muss, um berühmt zu werden? Siehe so manche Drogeriemarkt-Artikel-Youtuber oder, weltbestes Beispiel, Kim Kardashian, die scheinbar einfach gar nichts kann?
Nun, eines können sie: Aufmerksamkeit generieren. Und die Aufmerksamkeit lässt sich dann wieder in bare Münze umsetzten. Inzwischen sind YouTube-Klicks oder Facebook-Likes ja auch zur Währung mutiert. Die Marke zählt. Wenn der Brand stimmt, lässt sich alles verkaufen, Musik oder Kartoffelchips ist dann auch egal. Diese Aufmerksamkeitsökonomie scheint der materiellen Ökonomie langsam den Rang abzulaufen. Die Frage ist inzwischen, wie das knappe Gut der Aufmerksamkeit verteilt wird und wer dieses an sich binden kann. „Können“ im Sinne einer handwerklichen oder intellektuellen Beherrschung ist da nicht unbedingt Voraussetzung für Erfolg. Übrigens genauso wenig wie in der DJ-Culture inzwischen. Der Sync-Button hat das handwerkliche Können schon längst ersetzt.

Das ganze DJ-Star System funktioniert ja letztendlich auch nur, weil viele mitmachen.
Natürlich fangen im Clubbereich die Problematiken schon im Kleinen an, dort versagt oft die Selbstregulierung des Clubs. Ich kann mich noch an Forderungen von DJs bei unseren Events erinnern, neben der Gage und 4-Sterne-Hotel, noch Flug für die Freundin, den Booker und dessen Freundin. Wohlgemerkt der Booker wäre nur dazu da gewesen, den Rest der Gage abzuholen. Da gab es einige Überraschungen. Wenn es um die Musik ging, immer schön von Undergroud reden, als es um die Kohle ging, waren wir dann aber schnell beim Overground. Anstatt einem „Fuck you“, lassen sich viele Veranstalter und Clubbesitzer drauf ein. Irgendwann wird die einzige Bezugsgröße die Gästeanzahl. Das basiert natürlich auch immer noch an der eigenen Wahrnehmung des Clubbesitzers/Veranstalters als Unternehmer, der dann eben in den Wettbewerb einsteigt. Aber ich sehe da langsam einen Wandel bei den Clubs. Weg vom reinen Profitdenken, hin zu einem Verständnis als einen Ort für Popkultur, bei dem nicht nur Profit zählt. Das Freund & Kupferstecher ist da ein gutes Beispiel dafür in Stuttgart.

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