Techno-Pate aus Zürich Yello-Gründer Boris Blank auf Solopfaden

Der George Clooney des Techno: Boris Blank. Foto: Martin Wanner

Mit Yello prägte Boris Blank die elektronische Musik und erfand den Techno. Solo wandelt er auf sphärischen, sehnsüchtigen Pfaden – und erschafft mit seinem neuen Album „Resonance“ pure Klangmalerei.

So wie Boris Blank erzählt, so klingt auch seine Musik: Von eigentümlicher Ruhe, fließend, ganz bei sich, unaufgeregt. Nun hat einer wie er natürlich auch keinen Grund mehr für Hektik oder Nervosität. Blank ist Schweizer, die ja naturgemäß eh zu Ruhe neigen, ist 72 und hat als Hälfte des Elektronik-Duos Yello Musikgeschichte geschrieben.

 

„Ich reise im Kopf“

Mit Dieter Meier wird er in den Achtzigern zu den Schweizer Kraftwerk, beschert mit dem Titel „The Race“ der Musiksendung „Formel 1“ ihre Titelmelodie und vertont mit „Oh Yeah“ jeden Auftritt des bierseligen Duff-Man bei den Simpsons. Als Solokünstler ist sein Werk von noch größerer Experimentierfreude, von assoziativer Klangmalerei geprägt. 2014 gab es gleich zwei Soloplatten auf einmal, jetzt, exakt ein Jahrzehnt später, erscheint mit „Resonance“ sein drittes Soloalbum.

Entstanden ist es wie immer in seinem Tonstudio auf dem Zürichberg über der Stadt – wenn auch nur physisch. „Ich bewege mich musikalisch in meinem Kopf“, so Blank. „Ich bin ein Reisender in meinen Gedanken. Ich stelle mir also lieber den Dschungel von Kerala vor anstatt hinfliegen und festzustellen, dass da gerade eine Autobahn gebaut wird.“ Er schüttelt den Kopf und lächelt. „Da reise ich lieber im Kopf, vielen Dank.“

Alchemist der elektronischen Musik

Seine sphärische elektronische Musik ist geprägt von einer tiefen Sehnsucht. Von Fernweh und Neugier. Auf „Resonance“ geht es hoch hinaus ins All und tief hinein in die Geschichte, vom Mikrokosmos in den Makrokosmos. „Musik ist Meditation“, sagt er. „Ich versinke in Klängen, vergesse die Zeit und alles um mich herum. Dann werde ich zum Mönch, der oben auf einem Berg in Klausur sitzt. Ich sehe das“, er deutet um sich herum, auf Synthesizer, Keyboard, Computer, „auch weniger als Tonstudio und eher als alchemistisches Klanglabor.“ Boris Blank, der Alchemist der elektronischen Musik.

Als Musiker im eigentlichen Sinne bezeichnet sich Blank nicht. Eher als Lautmaler. „Ich erzeuge Stimmungsbilder, keine Songs“, nickt er. „Es liegt mir weit mehr, Stimmungen zu erzeugen. Musikalische Welten, in die sich die Hörer hineinbegeben können wie in ein Gemälde. Ich denke, das ist auch ein Markenzeichen von Yello. Und somit natürlich auch von mir.“

Yello, gemeinhin als Duo beschrieben, ist im Grunde auch ein Produkt von Boris Blank. Zumindest zu 98 Prozent, wie er betont: „Wir waren nie eine demokratische Band. Ich bin für die Musik verantwortlich und er schreitet als Protagonist durch diese Klangwelten.“ Das ist essenziell für ihn, wie er meint: „Ich kann nur arbeiten, wenn ich alleine bin.“

Hypnotisierende Klangwelten für eine Therme

Diesmal führt das zu einem Werk, in das man ganz wunderbar hineinsinken kann. Schwerelos ist es, hypnotisierend, wabernd und geheimnisvoll. Entstanden ist es nicht als Blank-Soloalbum – sondern als Auftragsarbeit für die mondäne Therme Fortyseven bei Zürich.

„Erst war ich stutzig, aber als ich hörte, dass der Architekt Mario Botta mit dem Bau beauftragt wurde, war ich interessiert.“ Ikonen unter sich eben: Botta hat unter anderem das San Francisco Museum of Modern Art, die griechische Nationalbank oder die Erweiterung der Mailänder Scala entworfen. „In der ersten Bauphase durfte ich vor Ort sein und sah, dass diese Therme tatsächlich rund um die alten römischen Quellen und Bäder erbaut wurde. Da“, so der Tüftler, „begann es schon mit der Faszination und Inspiration.“ Irgendwann fragten so viele Gäste danach, dass sich Blank entschloss, das Ganze unter seinem Namen zu veröffentlichen – „umarrangiert, mit neuer Dramaturgie und drei neuen Stücken“, wie er erklärt.

Datenbank aus jahrzehntelanger Arbeit

Als Kind der improvisierten Siebziger, als Krautrock, Elektronik und Kunst zusammenflossen und aus monströsen Maschinen erste elektronische Klänge gespuckt wurden, geht Blank heute beneidenswert offen mit neuen Technologien um. „Ich benutze alles als Werkzeug – digitales und analoges Equipment“, sagt er. „Natürlich profitiere ich von meiner Zeit als Jäger und Sammler, als ich mir diese kolossale Datenbank an Sounds und Samples angelegt habe. Ich kann heute aus einem alten Gewitter ein neues machen, das ist ein erhabenes Gefühl, fast wie bei Frankenstein.“

Für ihn gibt es diese Grenzen zwischen digital und analog eh nicht. „Alles, was ich heute digital nutze, habe ich ja irgendwann mal analog aufgenommen“, stellt er fest. Damals wie heute ist er ein Forscher, ein Wanderer, ein Suchender. Vor allem aber ein Künstler, der episches Kopfkino erschafft. Und somit als Schöpfer auch eine gewisse Macht besitzt. „Da ringen Ehrfurcht und Größenwahn in mir“, lacht er. „Doch letztlich sprechen ja nur Fantasien und kindliche Sehnsüchte aus mir. Diese Sehnsucht, diese Melancholie, die man in meiner Musik hört, sind ein wichtiger Teil von mir.“

Album „Resonance“, Ian Records, ET: 16.2.

Musik-Legende

Yello
Die Schweizer Kultband gründet sich 1978 in Zürich. Damals ist noch Carlos Perón dabei. Sie beginnen mit Lärmexperimenten und aufgenommenen Motorengeräuschen und werden 1980 in den USA entdeckt. Ihre Songs prägen die elektronische Musik, werden in zahlreichen Filmen verwendet und von anderen Künstlern als Sample benutzt. 2020 erschien das bisher letzte Album „Point“.

Techno-Pate
Boris Blank wächst als Sohn eines Fabrikarbeiters in einem Vorort von Zürich auf. Später vertont er die Geräuschkulisse dieser Fabrik in seiner Musik, wird zum Vorreiter des Techno. Neben Yello und seiner Solokarriere vertont er Filme und ist auf der Suche nach all den Klängen, die dieser Planet zu bieten hat. Das Titelstück „Resonance“ geht sogar darüber hinaus und war eigentlich als Soundtrack zum Start des NASA-Webb-Teleskops vorgesehen. Klappte dann leider doch nicht.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Techno Zürich Video