Teilübernahme nach Insolvenz Mercedes verfolgt ehrgeizige Pläne mit Kienles Oldtimer-Werkstatt

Ein 300 SL Roadster mit Baujahr 1957. Das Mercedes-Benz Classic Center bietet das Fahrzeug diese Woche auf der Messe Retromobile in Paris zum Kauf an. Foto: Mercedes-Benz AG

Nach dem Niedergang des Ditzinger Oldtimer-Händlers sichert sich der Stuttgarter Autokonzern die Juwelen aus der Insolvenzmasse. Was bedeutet das für die Mitarbeiter, den Standort und die Kunden? Das hat Mercedes vor.

Oldtimersammler schauen diese Woche nach Paris. In den Messehallen an der Porte de Versailles zeigt sich bei der Retromobile, ob das Preisbarometer für die oft millionenschweren Autos dieses Jahr nach oben oder unten ausschlägt. Das Mercedes-Benz Classic Center stellt dort gleich drei der seltenen 300 SL Roadster aus den Baujahren 1957 bis 1962 zum Verkauf. Das strategisch wichtigere Geschäft allerdings wurde gerade zu Hause in Stuttgart abgewickelt.

 

Was sich seit einiger Zeit schon abgezeichnet hat, ist jetzt besiegelt: Die Mercedes-Benz Heritage GmbH erwirbt zum 1. Februar wesentliche Bestandteile des insolventen Oldtimer-Betriebs Kienle Automobiltechnik in Ditzingen-Heimerdingen. Das komplette Ersatzteillager wie auch Spezialwerkzeuge werden dem Classic Center zugeschlagen. Als noch größerer Wert aber gelten die Mitarbeiter. Mercedes will „einen großen Anteil der Beschäftigten aus den produktiven Bereichen übernehmen“, so der Heritage-Leiter Marcus Breitschwerdt. Rund 30 bis 40 Werkstattkräfte erhalten folglich ein Übernahmeangebot, während Mitarbeiter aus dem Verwaltungsbereich im Zug des Insolvenzverfahrens gekündigt werden.

Der Standort bleibt erhalten – vorerst

„Wir gewinnen Fachkräfte, die über Jahre erworbenes Wissen und Erfahrungen in diesem hoch spezialisierten Bereich besitzen und uns bei der Umsetzung unserer Wachstumsstrategie tatkräftig unterstützen werden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Heritage GmbH vom Mittwoch. In der 100-Prozent-Tochter des Stuttgarter Konzerns sind die Oldtimer-Aktivitäten, das Museum und das Archiv von Mercedes gebündelt.

Der Standort in Heimerdingen bleibt erhalten – zumindest vorerst. „Wir können die Gebäude zunächst nutzen“, sagt Breitschwerdt über den Kienle-Unternehmenssitz in dem gewachsenen, kleinteilig strukturierten Gewerbegebiet eines ehemals selbstständigen Bauerndorfs. Aber er macht auch deutlich, dass dies für sein nach eigenen Angaben nach wie vor lokal verwurzeltes Unternehmen nicht mehr als eine Übergangslösung ist: „Zusätzlich zum Classic Center in Fellbach suchen wir im Raum Stuttgart einen weiteren größeren Standort.“

Mercedes übernimmt Teile, die Firma bleibt beim Insolvenzverwalter

Beim Kauf der Betriebsteile handelt es sich um einen so genannten Asset Deal: Mercedes erwirbt nur bestimmte Positionen aus der Insolvenzmasse. Die ursprüngliche GmbH verbleibt in den Händen des Insolvenzverwalters, des Stuttgarter Spezialisten Philipp Grub. Das Kalkül dahinter ist, keine Rechtsverbindung zwischen Mercedes und dem Vorgängerbetrieb entstehen zu lassen. Der Autokonzern übernimmt keine finanziellen oder rechtlichen Verbindlichkeiten des früheren Betriebs, auch besteht keine Beziehung zum Betriebsgründer Klaus Kienle und dessen Söhnen. So wird wohl auch ausgeschlossen, dass Mercedes für Garantieansprüche einstiger Kienle-Kunden gerade stehen muss.

Warum Mercedes daran liegt, einen klaren Strich zu ziehen, ist klar: Gegen Kienle, der sämtliche Vorwürfe bestreitet, ermitteln die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das Landeskriminalamt seit dem Frühjahr 2023 wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug mit gefälschten Oldtimern. Kurz nach dem Insolvenzantrag Ende Oktober wurde Kienle gerichtlich die Verfügungsgewalt über das Betriebsvermögen entzogen und Hausverbot erteilt. Mit einem Ende der Ermittlungen ist dem Vernehmen nach frühestens im Herbst zu rechnen.

Zum Kaufpreis äußert sich Mercedes-Benz nicht. Im Kienle-Geschäftsbericht 2021 war allein das angeblich rund 40 000 Positionen umfassende Ersatzteillager auf einen Wert von 6,8 Millionen Euro taxiert worden. Zweifel an genau diesem Wert aber veranlassten den Wirtschaftsprüfer damals, nur ein eingeschränktes Testat zu vergeben.

Die Klassikabteilung von Mercedes strebt seit der Ausgliederung in die Heritage GmbH unter der Leitung von Marcus Breitschwerdt nach Wachstum. „Heritage creates future“ steht auf einer Wand im Eingangsbereich des in Fellbach beheimateten Werkstatt- und Verkaufsbetriebs. Auf Deutsch: Tradition schafft Zukunft. „Für die Markenidentität des ältesten Luxusautomobilherstellers der Welt spielt die eigene Historie eine herausragende Rolle“, so die Maxime der vor einem Jahr ausgegliederten GmbH.

Das Werkstattgeschäft soll massiv ausgebaut werden

Nachdem sich das Classic Center in den vergangenen Jahren immer stärker auf Gutachten und die Wartung der Fahrzeuge aus der Mercedes-Sammlung konzentriert hatte, soll nun der Werkstattbetrieb für Privatkunden massiv ausgebaut werden. Außerdem will man sich stärker als Händler von Old- und „Youngtimern“ (Autos im Alter von 20 bis 30 Jahren) etablieren. „Wir sind überzeugt, dass wir dieses Geschäft profitabel betreiben können“, sagt Breitschwerdt. Eine erste Annäherung an Kienle hatte sich im vergangenen Jahr zerschlagen. Nun eröffnete die Insolvenz eine Teilübernahme unter anderen Vorzeichen.

Mercedes soll „ein Leuchtturm in diesem Markt werden“, sagt Breitschwerdt. Als Hersteller komme dem Unternehmen „aufgrund unserer Expertise auch eine Vorbildfunktion zu“, so der 62-jährige Manager. Bei der Unsicherheit, die sich in der Szene seit den Betrugsermittlungen zeigt, ist das keine kleine Aufgabe. Die Nachfrage nach Gutachten des Classic Centers sei seither deutlich gestiegen, bestätigt das Unternehmen.

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