Tennis beim Mercedes-Cup Tommy Haas glaubt an Naomi Osaka
Der Ex-Tennisspieler Tommy Haas bedauert beim Mercedes-Cup die psychischen Probleme der Japanerin und kann sie verstehen.
Der Ex-Tennisspieler Tommy Haas bedauert beim Mercedes-Cup die psychischen Probleme der Japanerin und kann sie verstehen.
Stuttgart - Beim Mercedes-Cup auf dem Weissenhof werden die Spieler mit dicken schwarzen Limousinen vom Hotel auf die Anlage chauffiert. Sie steigen aus, scheinen bester Dinge zu sein, denn sie dürfen jetzt tun, was ihnen ohnehin am meisten Spaß macht: Tennis spielen. Dabei lässt sich auch noch gutes Geld verdienen. Man möchte meinen, sie haben einen Traumjob.
Dass der äußere Schein trügen kann, offenbarte zuletzt die Weltklassespielerin Naomi Osaka, die aus dem Grand-Slam-Turnier in Paris ausgestiegen war, weil sie sich dem Druck durch Pressetermine entziehen wollte und auch von Depressionen sprach. Eine sehr ernst zu nehmende Angelegenheit ist das. Der deutsche Ex-Spieler Tommy Haas ist zurzeit beim Mercedes-Cup als TV-Experte im Einsatz, macht sich seine Gedanken über Osaka und bedauert es, dass es ihr nicht gut geht. „Sie ist außerhalb des Platzes sehr aktiv und versucht sich für viele Dinge einzusetzen, an die sie glaubt. Dann kommen vielleicht auch mal ein paar mehr Fragen, denen sie sich stellen muss“, sagt Haas, der es „okay“ findet, dass die Japanerin mit ihrem Boykott und der Spende ihres Strafgeldes ein Zeichen setzen wollte. „Als ehemaliger Sportler kann ich es verstehen, wenn es Situationen gibt, in denen man keine Lust hat, frustriert ist und einfach zu viel Druck ausgeübt wird“, sagt Haas.
Dass Osaka aus dieser Krise wieder herauskommt, daran glaubt der gebürtige Hamburger. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schlimm ist. Sie lebt ja ihren Traum, gewinnt Turniere und kommt als Topspielerin auf dem Platz mit Druck gut zurecht“, sagt der ehemals Zweite der Herren-Weltrangliste. Doch es sei auch so, dass der Profisport auch negative Begleiterscheinungen hat. „Im Tennis und im Sport generell macht man sich fit, möchte Zielen nachgehen und steht jeden Tag ein bisschen unter Strom. Man hat nie eine ruhige Minute oder einen ruhigen Tag, an dem man sich relaxed fühlt“, weiß Haas noch aus seiner aktiven Zeit.
Um dem Stress zu entfliehen, muss man sich auch mal etwas Gutes tun: Restaurantbesuche am Abend, die wohl bald wieder möglich sind, oder Spaziergänge durch die Stadt, in der das Turnier stattfindet. Das sind die Methoden gewesen, mit denen Haas versucht hat herunterzukommen. Genauso wichtig ist das Umfeld, das aus Trainern, Betreuern und teils auch aus Familienmitgliedern besteht. Vor Presseterminen hatte Haas derweil nie Angst, sie gehörten für ihn zum Spiel dazu. Es gibt da im Umgang mit den Verpflichtungen aber große Unterschiede. Man habe schon gemerkt, das mal ein Kollege keine Lust auf eine Pressekonferenz hatte, immer das Gleiche sagte oder introvertiert war. So gebe es Spieler, die lieber nur den Schläger sprechen ließen. „Andere dagegen mögen das Drumherum und die Aufmerksamkeit“, sagt Haas.
Was dem 15-fachen Turniersieger positiv auffällt, ist, dass mit psychischen Problemen heute viel offener umgegangen wird als früher. „Zu meiner Zeit war dieser öffentliche Druck auch schon da. Aber es war noch so, dass viele gar nicht darüber gesprochen haben“, erzählt Haas. Heute würden die Schwierigkeiten immer öfter angesprochen. So begrüßt es der 43-Jährige, dass inzwischen keiner mehr Angst davor haben müsse, über seine Sorgen zu sprechen. Auch würde mehr mit Mentaltrainern gearbeitet – und offen über die Schwächen gesprochen. Nichts anderes hat Naomi Osaka in Paris getan, nur öffentlich, wohl um ein Zeichen zu setzen.
Tommy Haas selbst verrät noch etwas über seine Herangehensweise auf Erden. „Ich lebe gerne und weiß auch, dass wir hier nur für einen kurzen Zeitraum sind, deshalb versuche ich die Zeit so gut wie möglich zu nutzen.“ Für ihn sei das Glas halb voll – aber niemals halb leer.