Terrorangriff der Hamas Überlebende berichten von ihren grausigen Erlebnissen

Yuval Buchshtab (von links) und dessen Schwester Nufar Buchshtab sowie Ofra Raz erzählen von ihren Erlebnissen am Tag des Terrorangriffs der Hamas. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Bruder in den Gazastreifen verschleppt, das Leben aus den Angeln gehoben: Überlebende des Hamas-Überfalls erzählen im Südwesten vom schlimmsten Tag ihres Lebens.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Das letzte Lebenszeichen von Yagev Buchshtab stammt vom frühen Morgen des 7. Oktober. Er wünschte, dass er seinen Eltern helfen könne, sagte der junge Mann in sein Telefon. Seitdem ist der Musiker verschollen. Entführt, von palästinensischen Terroristen in den Gazastreifen. Yagev sei der hilfsbereiteste Mensch der Welt, erzählt sein Bruder Yuval. Seine Schwester Nufar schaut ins Leere und nickt.

 

Mehr als sechs Wochen ist das Drama nun her. Es hat das Leben der Familie Buchstab verändert, das Leben in Israel, die ganze Welt. Irgendwo im Gazastreifen leben die Mitglieder der Hamas in den Tunnellabyrinthen, lebt auch Yagev Buchshtab. Das hoffen sie, sagen seine Geschwister. Wissen können sie es nicht. Und sie hoffen, dass die israelische Armee Informationen habe, wo die Geiseln versteckt werden, und diese Gegenden von Angriffen verschone. Nach dem Überfall auf Israel sei die Hamas nun in eine psychologischen Kriegsführung übergegangen, sagen Yuval und Nufar Buchshtab. Frei nach dem Motto: Wenn ihr Luftschläge macht, tötet ihr die eigenen Leute.

Sie erzählen von den unvorstellbaren Momenten

Die Geschwister haben es sich zur Aufgabe gemacht zu reden. Ihre Geschichte zu erzählen, von dem Gräuel, der Angst, von den unvorstellbaren Momenten am 7. Oktober. Wie sie trotz heulenden Sirenen nicht mehr in den Bunker gegangen sind, weil es dort keinen Empfang für das Handy gibt. Wie die Whatsapp-Gruppen explodierten, mit Nachrichten von Freunden, Verwandten, Bekannten. Wie Gerüchte, die keiner für möglich hielt, sich in Wahrheiten verwandelten. „Wir haben geschwankt zwischen Hoffnung und Sorge, wir wußten nicht, ob unser Bruder sich retten konnte oder ob er tot ist“, erzählen die Geschwister. Erst am Abend die Gewissheit: Yagev ist entführt.

Fraktionsübergreifend haben die Landtagsabgeordneten Michael Joukov (Grüne) und Florian Wahl (SPD) vor wenigen Tagen Israel besucht, Kontakt zu der Familie bekommen und diese nach Baden-Württemberg gebracht. Hier erzählt sie ihre Geschichte, den Landtagskollegen, dem Staatsministerium, Vertretern der jüdischen und christlichen Religionen, der Öffentlichkeit. „Wir können nicht viel tun“, sagen Nufar und Yuval Buchshtab. „Aber wir machen alles, was in unserer Macht steht.“

Keine Spione aus dem Gazastreifen beschäftigt

Begleitet werden sie von Ofra Raz. Sie lebt im gleichen Kibbuz wie Yagev Buchshtab, sie hat den Überfall überlebt. „Glücklicher Kibbuz“ ist der Beiname, den die Siedlung nach dem 7. Oktober bekommen hat. Sechs Tote und fünf Entführte sind hier zu beklagen gewesen – verglichen mit anderen Dörfern eine kleine Zahl.

Anders als in anderen Kibbuzim sei der Sicherheitsdienst nicht sofort von den Terroristen ausgeschaltet worden, erzählt Ofra Raz. Dies könne daran gelegen haben, dass in diesem Kibbuz keine Palästinenser beschäftigt worden sind, die andernorts als Spione agiert hätten. Doch all das sind nur Vermutungen. Gedanken, die die Familie damals noch nicht hatte, als sie morgens in den hauseigenen Schutzraum floh.

Dort gab es Handyempfang, und von dort aus rief ihr Mann die Armee zur Hilfe, erzählt Ofra Raz. Nach einer Stunde sei klar gewesen: „Da ist keine Armee, die kommen kann.“ Dass die Soldaten in Hinterhalte geraten waren und getötet wurden, das wussten sie nicht in ihrem Sicherheitsraum. Dass es schlimmer werden würde als jemals zuvor, das war klar. Ofra und ihr Mann flüsterten sich das nur zu, um die Kinder nicht zu beunruhigen. Erst am Abend kam die Rettung, es ging in ein Hotel.

Die Geschwister leben wie in Trance

Seitdem leben Ofra Raz, die Geschwister Buchshtab und mit ihnen viele Tausend Israelis wie in Trance. „Wir haben keine Zeit, das alles zu verarbeiten, wir leben von Tag zu Tag“, sagt Yuval Buchshtab . „Wir hoffen so sehr, dass alle wieder gesund nach Hause kommen.“ In ein Zuhause, das nie mehr so sein wird, wie es war. Vor wenigen Tagen ist Ofra Raz in ihren Kibbuz Nirim gegangen und hat Radieschen ausgesät. Ob sie zur Ernte dort sein wird? „Das weiß ich nicht“, sagt sie. Früher hätten sie jeden Morgen „Frieden für alle“ gesungen. Ob das jemals wieder möglich sein wird, ist ungewiss.

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