„Die Forschungsaufgabe ist sehr anspruchsvoll“, erklärt Hans-Helge Böttcher, Wissenschaftler und Projektleiter im Technologiezentrum Maschentechnik der Textilinstitute. Die Vorgaben sind hoch: „Das textile Material muss nicht nur die Finger vor extremer Belastung schützen, sondern muss gleichzeitig flexibel sein und darf die sensorische Wahrnehmung nicht einschränken.“ Aus diesem Grund sei bisher kein effektiver Schutz auf dem Markt verfügbar.
Individuell einstellbar
Laut Projektleiter Böttcher soll der in Denkendorf entwickelte Handschuh 90 Prozent der Verletzungen verhindern, die durch Überdehnung verursacht werden. Dazu habe man ein mechanisches Konzept entwickelt, das die Kraft in den Fingerspitzen aufnimmt und über die Handgelenkmanschette optimal in den Unterarm ableitet – und das, ohne dass sich der Handschuh verformt.
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Dafür sorgen textile Strukturen, die vom Fingerendgelenk der Außenhand bis zum Fingerendgelenk der Innenhand aufgenäht werden und dadurch fest im Handschuh verankert sind. „Der Vorteil ist, dass die Schutzvorrichtung nicht nur individuell auf die Handlänge des Sportlers abgestimmt, sondern sogar für jeden einzelnen Finger die passende Vorspannung eingestellt werden kann“, erklärt der Wissenschaftler. Das ersetze die bisherigen, an der Außenhand angebrachten Kunststoffschienen, sogenannte Finger Frames. Diese haben, wie Böttcher erklärt, den Nachteil, dass sie sich leicht über ihre Dehngrenze hinaus verbiegen.
Grundidee von Physiotherapeuten
Für das Forschungsprojekt wurde in den Textilinstituten ein spezieller Prüfstand mit zwei zentralen Elementen gebaut: einer Ballkanone und einem speziell entwickelten Handdummy für den Torwarthandschuh. Mit Geschwindigkeiten von 20 bis 120 Stundenkilometern und aus unterschiedlichen Auswurfwinkeln schießt die Ballkanone den Fußball auf den Handdummy. Eine spezielle Druckmessdose hinter dem Handschuh ermittelt die verbliebene Aufschlagskraft, die auf die Hand wirkt. „Diese ist bei dem neu entwickelten Torwarthandschuh so gering, dass der Torwart wirksam vor einer Überdehnung der Finger geschützt ist“, erklärt Böttcher.
Er geht davon aus, dass das Forschungsprojekt im September abgeschlossen ist. Was die Markteinführung angeht, ist Oswald Rieder, der Leiter des Technologiezentrums Maschentechnik in Denkendorf, optimistisch: „Gut möglich, dass schon bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar die neue Technologie Standard ist.“
Die Grundidee für die neuartige Technik stamme vom Physiotherapeuten Jochen Gehring, sagt Lothar Bisinger, der als Projektleiter für T1TAN tätig ist. Der Balinger hält nicht viel von den üblichen Torwarthandschuhen mit den verstärkenden Plastiksegmenten auf der Oberseite der Finger. Er setzt darauf, unelastische Bänder an den Fingerinnenseiten anzubringen, genau dort, wo auch die menschlichen Sehnen verlaufen. Nur so schaffe man einen wirksamen Schutz vor Überdehnungen und Kapselrissen, so Gehrings Überzeugung. Zudem könnten die Bänder individuell eingestellt werden. Der Physiotherapeut hat diese Idee nach Bisingers Aussagen auch zum Patent angemeldet.
Früherer Profi ist begeistert
Der frühere Fußball-Nationaltorhüter René Adler weiß aus langjähriger Profi-Erfahrung, wie wichtig eine gute Ausrüstung und speziell Handschuhe sind. Kapsel- und andere Fingerverletzungen, die bei scharfen Schüssen entstehen, gehörten zu den leidvollen Begleiterscheinungen im Leben eines Keepers. Als Gesellschafter der T1TAN GmbH ist Adler stolz, dass im Rahmen eines Förderprojekts des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) zusammen mit den Textilinstituten ein komplett neuer Überdehnungsschutz entstanden ist. Der 36-Jährige spricht von einer „ganz tollen Innovation“. Wichtig sei die neue Technologie vor allem für Torhüter im Kinder- oder Jugendalter, die noch im Wachstum sind und ohne effektiven Schutz langwierige Verletzungen davontragen können.
Viele Amateure und Profis müssten verletzte Finger im Training und im Spiel oft zusammentapen, berichtet René Adler. „Ich bin überzeugt, dass die neuen Torwarthandschuhe dazu beitragen können, in unserem Sport diese alltäglichen Fingerverletzungen deutlich zu minimieren“, sagt der Ex-Bundesligaprofi, der zuletzt in der höchsten deutschen Spielklasse für den FSV Mainz im Einsatz war.