Textilkunst aus Backnang Im Knotenpunkt entstehen Stoffe für die Ewigkeit

Elke Gassen ist die Inhaberin des Knotenpunkts. Foto: Phillip Weingand/StZ

Im Knotenpunkt Backnang entstehen Altarbehänge, Talare und Wandschmuck. Besucher der Paramentenwerkstatt erwartet ein Blick in die Welt eines seltenen und faszinierenden Handwerks.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Das Rascheln von Stoff mischt sich mit gut gelauntem Geplauder: Im Knotenpunkt Backnang herrscht geschäftige Atmosphäre. Doch der Besucher merkt sofort: Hier, in einem der Räume des Hofguts Hagenbach, arbeiten nicht nur Kolleginnen zusammen, sondern Freundinnen. Und die Textilien, die sie nähen, weben oder besticken, sind keine gewöhnlichen Kleidungsstücke oder Teppiche, sondern werden als Paramente zum Beispiel Altäre und Kanzeln in Kirchen schmücken.

 

Die meist evangelischen Gemeinden, die hier in Backnang ihre Paramente bestellen, lassen sich dies einiges an Geld und zeitlichem Aufwand kosten. Das ist kein Wunder, schließlich geht es nicht um Stangenware, sondern um stoffgewordene Kunstwerke. Alles beginnt mit dem Entschluss einer Gemeinde, dass neue Textilien nötig sind: Paramente sind oft jahrzehntelang in Gebrauch und werden sorgsam gepflegt. „Meist werden sie erst ausgetauscht, wenn sie von der Sonne ausgebleicht sind oder wirklich nicht mehr in die Zeit passen“, sagt Elke Gassen, die Inhaberin des Knotenpunkts. Paramente sind eine Art Aushängeschild für jede Gemeinde.

Künstler fertigen dann zunächst Entwürfe an – nicht immer handelt es sich dabei um klassische Bilder auf Papier oder Leinwand. „Wir hatten beispielsweise schon Entwürfe aus Gips, ein anderer Künstler hat die Farbe schichtweise aufgetragen und abgekratzt“, erzählt Gassen. Andere Künstler arbeiten gerne mit Blattgold. „Es ist absolut faszinierend, diese Entwürfe dann in Textilien umzusetzen“, sagt die Knotenpunkt-Mitarbeiterin Dorothea Walter. Die Kreativität der Paramentenmacherinnen kennt fast keine Grenzen – sie weben, sticken, schichten die Stoffe zu Textilcollagen zusammen, arbeiten mit Sieb- oder Digitaldruck und vielen anderen Techniken.

Bis zu 300 Stunden Arbeit stecken in den Paramenten

Doch bevor es so weit ist, müssen die Gemeinden erst noch Ja und Amen sagen. Wie es dazu kommt, erklärt die Künstlerin Bettina Kammerer, die seit 1997 auf freier Basis im Knotenpunkt mitarbeitet: „Meist beginnt es mit Skizzen, die zunächst virtuell in den Kirchenraum gestellt werden.“ Sie hat gerade ein Kunstwerk aus grünen und goldenen Stoffen auf dem Tisch vor sich ausgebreitet. Es ist noch nicht ganz fertig – auf einer Fotomontage, die Kammerer ausgedruckt hat, kann man schon sehen, wie die Paramente einmal wirken, wenn sie in der Veitskapelle in Stuttgart-Mühlhausen hängen.

Bis es soweit ist, wird noch einige Zeit vergehen: 80 bis 300 Arbeitsstunden, schätzt Elke Gassen, sind für eine Altarbehang insgesamt nötig. Andere Arbeiten, die gerade laufen, gehen schneller – eine Mitarbeiterin sitzt gerade am Ausbessern einer 30 Jahre alten Priesterstola. Aber auch in Mini-Kunstwerken steckt jede Menge Arbeit. Die 74-jährige Christina Frey etwa hat sich auf wenige Zentimeter kleine gewebte Miniaturen spezialisiert. „Damit habe ich schon einige Wettbewerbe gewonnen – im Ausland, denn hierzulande gibt es keine mehr“, erzählt sie.

Private Aufträge sind für den Knotenpunkt eher selten. Aber es gibt sie: Ein Geschichtsprofessor etwa hat einen Künstler sein Sargtuch entwerfen lassen. Verschiedene Figuren aus christlicher, römischer und griechischer Mythologie sind darauf zu sehen – ein aufwendiges Projekt. „Wir hoffen, dass wir es im Oktober, zu unserem Tag der offenen Tür, zeigen können“, sagt Gassen.

Sie ist eigentlich gelernte Lehrerin. Nachdem sie ihre Liebe zur Weberei besonders von liturgischen Stoffen entdeckt hatte, arbeitete sie lange Zeit als Leiterin der Paramentenwerkstatt in Stuttgart. Erst war sie angestellt; als der Werkstatt die Pleite drohte, übernahm sie sie. Seit 2005 hat der Knotenpunkt eine Bleibe in Backnang gefunden.

Die Herstellungen von Paramenten ist selten geworden

In ganz Deutschland, schätzt Gassen, gibt es vielleicht noch 16 oder 17 Paramentenwerkstätten. „Früher herrschte da durchaus Konkurrenz untereinander, aber in den vergangenen Jahren hat sich das gewandelt. Denn wir haben alle die gleichen Probleme: Fachkräftemangel und Auftragsmangel“, sagt sie. Sie mag nicht klagen, die Auftragslage bessert sich gerade. Doch beruflichen Nachwuchs gibt es so schnell keinen. Ein Grund: Reich wird man damit nicht. Fast alle Mitarbeiterinnen, Künstlerinnen sowie Gassens Mann, der sich um die Buchhaltung und Bauliches kümmert, haben noch andere Jobs. „Und dazu kommt: Auf Youtube lernt man das alles auch nicht“, sagt Gassen augenzwinkernd.

Was sind Paramente?

Paramente
 Als Paramente bezeichnet man jene Textilien, die im Kirchenraum und der Liturgie verwendet werden. Die aufwendig gestalteten Kunstwerke aus Stoff sind gewissermaßen die Visitenkarte einer Kirche und dienen nicht nur als Blickfang, sondern auch dazu, die Besucher auf die jeweilige Zeit im Kirchenjahr einzustimmen. Dazu sind sie in den liturgischen Farben gestaltet.

Liturgische Farben
 Sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche werden Farben mit bestimmten Feiertagen oder Jahreszeiten im kirchlichen Kalender assoziiert. Bei den Protestanten steht Violett beispielsweise für die Advents- oder Passionszeit, weiß für die Christusfeste Ostern und Weihnachten, Rot für Pfingsten, Grün für ungeprägte Zeiten, Schwarz für die Trauer.

Knotenpunkt Weitere Informationen zur Paramentenwerkstatt im Netz unter www.knoten-punkt.de .

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