Die Schöne in Frankreichs Südwesten: Bordeaux gehört zum Unesco-Welterbe. Foto: Bordeaux Tourisme/Teddy Verneuil/lezbroz
Stuttgart – Bordeaux ohne Umsteigen: Im Sommer ist das mit dem TGV in nur sieben Stunden möglich. Grund genug für eine Reise in die Unesco-Welterbestadt und einen Abstecher an die Atlantikküste.
In sieben Stunden am Atlantik. In sieben Stunden in Aquitanien, dem Land der guten Weine, der frischen Austern, der kilometerlangen Sandstrände, an denen sich Surfer in gewaltige Wellen stürzen. In diesem Sommer fährt der TGV von Stuttgart nach Bordeaux. Ohne Umsteigen verbindet der französische Hochgeschwindigkeitszug an mehreren Samstagen im Juli und August die Schwabenmetropole mit der Unesco-Welterbestadt. Vom deutschen Südwesten in den Südwesten Frankreichs. Selbst wenn man keines der begehrten Tickets erwischt – gute Gründe, Bordeaux und seinem Umland einen Besuch abzustatten, gibt es allemal.
Bordeaux – Schönheit aus Sandstein
Schon Stendhal legte sich fest: „Bordeaux, da gibt es keine Widerrede, ist die schönste Stadt Frankreichs.“ 2007 pflichtete die Unesco dem Dichter bei und ernannte die Altstadt Bordeaux’ zum Weltkulturerbe. Sie sind wirklich schön, die Häuser aus hellem Sandstein, die – längst befreit vom schwarzen Dreck der Abgase, unter dem sie früher ihr prächtiges Antlitz verbargen – blitzblank herausgeputzt dastehen und vom reichen Erbe der Handelsmetropole erzählen.
Die „schönste Pfütze der Welt“ – das Wasserspiel an der Place de la Bourse. Foto: Bordeaux Tourisme/Steve Le Clech
Das Bordelaiser Bürgertum, wohlhabend geworden durch den Handel mit Wein, ist von jeher selbstbewusst. Bordeaux zeigt, was es hat. Zum Beispiel an der Place de la Bourse mit ihrem „Miroir d’eau“, der vielleicht malerischsten und größten Pfütze der Welt, in der sich nachts die Lichter spiegeln. An heißen Tagen flitzen Kinder durch den Sprühnebel des Wasserspiegels.
Das Grand Théâtre mit der futuristischen Straßenbahn. Foto: Bordeaux Tourisme/Steve Le Clech
Bordeaux’ Salon, denn „gute Stube“ klänge zu provinziell, ist die Place de la Comédie mit dem Grand Théâtre von 1780 auf der einen und dem eleganten Grand Hôtel auf der anderen Seite. Dazwischen schlängelt sich leise säuselnd die silbrig-dunkelblaue Straßenbahn, die irgendwie auch edler ist als anderswo. Überall gibt es schicke Boutiquen, und in den Straßencafés trinken die Bordelaiser ihren Kir zum Apéro.
Vom Dreck der Jahrhunderte befreit leuchtet der helle Sandstein in der südlichen Sonne: Die Porte Cailhau. Foto: Bordeaux Tourisme/Vincent Bengold
Grosse Cloche, dicke Glocke, heißt der Glockenturm in der Rue Saint-James. Zusammen mit der Porte Cailhau sind die gewaltigen Sandsteintore mit den schiefergrauen Spitzdächern die Überbleibsel der mittelalterlichen Stadtmauer, die Bordeaux einst vor Eindringlingen schützte.
Ein Tempel für den Wein: Die futuristische Cité du Vin mit den Halles de Bacalan. Foto: Bordeaux Tourisme/Loïc Graniczny
Dass sich Bordeaux aber nicht nur auf der Pracht der Jahrhunderte ausruht, beweisen die hippen Bassins à Flots an der Garonne. Der frühere Bürgermeister Alain Juppé hat den Bordelaisern ihren Fluss wieder zugänglich gemacht, schäbige Lagerhallen wurden abgerissen, der Blick auf den Fluss freigelegt. An den Quai de Bacalan steht seit 2016 die futuristische Cité du Vin, ein Museumstempel, in dem auf zehn Etagen dem Wein gehuldigt wird. In den Halles de Bacalan mit ihren vielen verschiedenen Essensständen werden Foodies glücklich.
Cap Ferret – Leuchtturm, Austern und das Meer
Mit den Füßen im Sand Austern essen: Das geht in Cap Ferret. Foto: Bordeaux Tourisme/David Remazeilles
An den Wochenenden zieht es die Bordelaiser ans Meer. Wer es sich leisten kann, hat ein Wochenendhäuschen an der Küste, denn die ist von Bordeaux nirgends fern. Zum Beispiel auf der Halbinsel Cap Ferret, eine gute Autostunde entfernt. Die rund 30 Kilometer lange Landzunge besteht aus mehreren kleinen Örtchen, die sich wie Perlen einer Kette an das Bassin d’Arcachon schmiegen. Cap Ferret ist das Sylt Frankreichs, man will mal dort gewesen sein. 2010 wurde sogar ein Film über das Cap gedreht: „Les petits mouchoirs“ mit Marion Cotillard.
Es ist aber auch schön hier: Das ruhige Wasser des Bassins auf der einen Seite, der raue Ozean auf der anderen. An den schnurgeraden Sandstränden stürzen sich Schwimmer und natürlich auch Surfer in die Brecher. Halb im Sand versunkene Bunker erinnern an die dunkle Zeit, als hier die deutsche Wehrmacht stand. Zwischen Bassin und Ozean ducken sich unter den knorrigen Pinien hübsche Häuschen mit dunkelblauem, bordeauxrotem oder dunkelgrünem Fachwerk, den Farben der „Landes“, wie Bordeaux’ Hinterland heißt. Und trotz allem Tourismus haben sich am Bassin auch die Austernfischer gehalten, die die edle Muschel auf ihren Stegen direkt am Wasser zur „Dégustation“ anbieten.
Dune du Pilat – Sandkasten für Riesen
Ein bisschen wie auf dem Wüstenplaneten aus „Dune“: Die Dune de Pilat. Foto: Bordeaux Tourisme/Nicolas Duffaure
Wer in Cap Ferret auf einem Steg sitzt und Austern schlürft, hat sie genau im Blick: Die Dune du Pilat, die höchste Wanderdüne Europas. Weiter und weiter frisst sie sich ins Landesinnere – bis zu fünf Meter im Jahr! An seinem höchsten Punkt ist der gewaltige Sandberg 115 Meter hoch. Hat man die erklommen (freundlicherweise gibt es am einen Ende eine in den Sand gebaute Treppe), ist einem ein fantastischer Rundumblick vergönnt: Auf das Bassin d’Arcachon mit der Sandbank Banc d’Arguin, Cap Ferret und natürlich den Atlantik, dessen Blau sich bis zum Horizont erstreckt.
Arcachon – hier urlaubte die „Haute Volée“
Eine schmucke Villa neben der anderen: die Ville d’Hiver im Seebad Arcachon. Foto: Bordeaux Tourisme/ David Remazeilles
Das pittoreske Seebad Arcachon gibt dem Bassin seinen Namen. Einst fuhr hier Frankreichs „Haute Volée“ – die oberen Zehntausend – zur Sommerfrische. Davon zeugen immer noch die Belle-Époque-Villen, die oben in der Ville d’Hiver, der „Winterstadt“ stehen. Mit einem Aufzug kommt man komfortabel von der Ville d’Été, der „Sommerstadt“ am Hafen, auf Arcachons Hügel. Hier spazieren Besucher durch den Maurischen Park zu den zauberhaften Villen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Jede für sich ist ein schmuckes Juwel und jede ist anders: mit Türmchen, Veranden, bunt gestrichenen Holzbalkonen und Zuckerbäcker-Balustraden.
Lacanau – zwischen See und Meer
Warten auf die perfekte Welle: Surfer in Lacanau. Foto: Imago/IMAGO/xkatatoniax
Noch ein Surfer-Hotspot: Lacanau, keine Stunde von Bordeaux entfernt. Was diesen Ort an der Atlantikküste besonders macht? Sein See, auf dem Urlauber vom Stand-up-Paddling bis zum Windsurfing praktisch jede Art von Wassersport betreiben können. Ansonsten hat sich Lacanau ganz dem Wellenreiten verschrieben. Eine Surfschule an der anderen steht hier. Wer die echten Cracks am Board sehen will: Beim „Lacanau Pro“ im August treten seit 1979 Profi-Surfer der „World Surf League“ gegeneinander an.
Saint-Émilion – im Herzen des Bordelais
In Saint-Émilion spielt Wein eine absolute Hauptrolle. Foto: Bordeaux Tourisme/Vicent Bengold
Auch wenn das Meer lockt, Bordeaux’ Hinterland ist zu schön, um es links liegen zu lassen. Rund um die Metropole wird der Wein angebaut, der der Stadt Reichtum gebracht hat. Mehrere Châteaux sind sogar mit der Straßenbahn oder dem Bus erreichbar. Besonders schön ist das Weinörtchen Saint-Émilion, eine Dreiviertelstunde von Bordeaux entfernt, mit seiner mittelalterlichen Kulisse und den steilen Kopfsteinpflastergässchen. Das Dorf, das schon seit 1999 zum Unesco-Welterbe gehört, hat sich ganz dem Wein verschrieben. Überall kann man schnuppern, verkosten und soll natürlich auch kaufen. Nicht verpassen: Die in den Stein gegrabene Felsenkirche aus dem frühen 12. Jahrhundert.
Château de la Brède – Montesquieus Wasserschlösschen
Montesquieus Zuhause: Das Wasserschloss von La Brède. Foto: Bordeaux Tourisme/David Remazeilles
Der Vater der Gewaltenteilung war ein Bordelaiser: Charles-Louis de Secondat, besser bekannt als Montesquieu. Im trutzigen Wasserschlösschen von La Brède wurde der wichtige Denker der Aufklärung 1689 geboren. Sehenswert ist Montesquieus Bibliothek mit den Wandmalereien und der Holzdecke – auch wenn seine unzähligen Bücher längst in der Bibliothek von Bordeaux stehen. Übrigens: Einen Besuch in La Brède, nur 25 Kilometer vom Zentrum von Bordeaux entfernt, kann man gut mit einer Radtour entlang der malerischen Garonne verbinden. Baguette und Käse für ein Pique-nique nicht vergessen!
Übernachten Luxuriös: Edler nächtigen geht in Bordeaux nicht – das Inter Continental direkt gegenüber vom Grand Théâtre lässt keine Wünsche offen. Entsprechend tief muss man für ein Zimmer in dem Fünf-Sterne-Hotel aber auch in die Tasche greifen. Zentral und schick: Das Hotel de Sèze an der Place des Quinconces. In Cap Ferret in einem wunderschön eingewachsenen Garten versteckt sich das Maison du Bassin mit charmanten Zimmerchen. Im zugehörigen Restaurant ist das Nachspeisen-Büffet eine Sünde wert.
Essen Austern, Trüffel, Rotwein – Aquitanien spart nicht mit Köstlichkeiten. Der britische Starkoch Gordon Ramsay zeichnet in Bordeaux im „Le Pressoir d’Argent“ mit seinen zwei Michelin-Sterne verantwortlich. In Cap Ferret bietet das „Pinasse Café“ jede Menge Seafood auf seiner Terrasse direkt am Hafen. Ums gesehen und gesehen werden geht’s bei „Chez Hortense“ – die „Moules frites“ (Miesmuscheln mit Pommes frites) sind den Trubel aber wert. Wer in seinem Urlaub genug französische Küche genossen hat: In Arcachon macht die Familie Khong im Ko-sometsuke 2K köstliches Dim Sum.