Stuttgart - Dazu sind Literaturpreise da. Um das Verborgene ans Licht zu heben. Vermutlich wäre dieses schmale Bändchen auf Nimmerwiedersehen vom schnelllebigen Buchmarkt verschluckt worden, wären in diesem Jahr nicht gleich zwei Jurys bei ihren Schürfarbeiten im literarischen Strom der Zeit auf den funkelnden Fund gestoßen. Denn in den vier Erzählungen, aus denen der Roman „So tun, als ob es regnet“ von Iris Wolff besteht, kristallisiert in poetischer Klarheit ein Jahrhundert, wie man es so noch nicht gesehen hat. An diesem Montag erhält die 1977 in Hermannstadt geborene Autorin in Stuttgart den Thaddäus-Troll-Preis, am vergangenen Sonntag wurde sie mit dem Marie-Luise-Fleißer-Preis ausgezeichnet, eine Ehre, die sie mit der aus derselben Gegend stammenden Literaturnobelpreis-Trägerin Herta Müller teilt.
Im rumäniendeutschen Banat hat sich bewegte, tragische Geschichte zu bedeutender Literatur verdichtet. Doch um einen Begriff von dem zu geben, was es heißt, so zu tun, als ob es regnet, ist es besser, die Bildwelt zu wechseln. Denn bei Iris Wolff ist nichts hart, fix und festgeschrieben. Und sie rechnet mit einem beweglichen Leser, der die geheimen Verbindungen und genealogischen Linien zwischen den Momentaufnahmen dieser Erzählungen selbst zieht: zwischen Gesagtem und Ungesagtem, zwischen dem Toben der Jahrhundertkatastrophen und dem leisen Glück, in dem sich unser Leben mit einem Ring aus falschem Turmalin, einer nächtlichen Motorradfahrt oder einem Bad im Meer verbindet.
Hellwache Art der Verträumtheit
Man scheut davor zurück, dieser wunderbar schwebenden Ordnung Nacherzählbarkeit aufzuzwingen. Von was dieses Buch handelt, vollzieht es selbst in seinem Bestreben, der abgeschlossenen Geschichte ihre Offenheit zurückzuerstatten. Bei jedem Gemälde gebe es einen richtigen Standpunkt, erklärt eine der Protagonistinnen ihrem Sohn, sonst sehe man Fehler. Iris Wolff erzählt über mehrere Generationen hinweg von Menschen, die versuchen, den richtigen Standpunkt zu finden, „jene Perspektive, aus der die Welt für sie keine Fehler hatte.“ Und die Größe der Aufgabe, der sich die Autorin wie ihre Figuren damit aufgeladen haben, bemisst sich an der Größe des Leids von Krieg, Deportation, Flucht, die vom siebenbürgischen Ausgangspunkt aus betrachtet den Hintergrund des Erzählten bilden.
Fast zehn Jahre hat Iris Wolff im Deutschen Literaturarchiv in Marbach als Literaturvermittlerin gearbeitet. Seit ihrem ersten Roman „Halber Stein“, der wie die zwei folgenden an den Ort ihrer Herkunft zurückführt, träumte sie von der Existenz einer freien Schriftstellerin. Eine Stelle am Freiburger Kulturamt ließ sich gut mit dem Schreiben verbinden. Seit anderthalb Jahren, getragen vom Erfolg des nun gleich zweifach prämierten dritten Romans, lebt sie ausschließlich für ihre Berufung. Ihr nächstes Buch erscheint im Herbst 2020 bei Klett Cotta.
Nun sitzt sie vor einem großen Glasfenster in einem Freiburger Restaurant, hinter ihr die bewaldeten Hügel des Schwarzwaldes, als wären es die Karpaten. Natürlich ist es lächerlich, eine Autorin mit ihren Erfindungen zu überblenden. Und doch treten im Gespräch unwillkürlich Züge ihrer so einprägsamen wie schwer zu fassenden Figuren vor das innere Auge, eine Offenheit des Blicks, Zugewandtheit und Verletzlichkeit, eine hellwache Art der Verträumtheit. „Erinnerung ist der heimliche Protagonist aller meiner Bücher“, sagt Iris Wolff. „Unsere Identität besteht daraus, wie wir uns erinnern, aus den Geschichten, die wir über unser Leben erzählen. Aber Erinnerung ist auch trügerisch und schafft ihr eigenes Bild von der Wirklichkeit.“
Mit acht Jahren, 1985, hat sie mit ihrer Familie das Banat verlassen, wo ihr Vater Pfarrer war. „Ich bin in einem wunderschönen großen Pfarrhaus auf dem Dorf großgeworden.“ Die Übersiedelung nach Deutschland war auch eine Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit. In Bietigheim-Bissingen lebte die Familie zwei Jahre in einem Übergangswohnheim, ein Zimmer zu dritt, Bad und Küche geteilt mit anderen Leuten. „Als Kind kann man das nicht nachvollziehen, warum die Eltern das eine gegen das andere eingetauscht haben. Das andere war doch viel besser.“ Auch in ihrem Roman hadert ein junger Mann mit seiner Mutter, die Rumänien verlassen möchte. „Ich bin hier frei“, sagt er ihr, „und wenn ich es manchmal nicht bin, dann bin ich hier wenigstens zuhause.“
Verlustlisten der Kindheit
Iris Wolff hat in Deutschland als Kind lange Verlustlisten aufgestellt, und sich immer wieder ganz bewusst dafür entschieden, in der Erinnerung durch diese verlorene Welt zu gehen, um sie zu bewahren. Noch immer wird sie von ihrer Fantasie an die Orte ihrer Herkunft geführt. Und doch wäre man auf gänzlich falscher Fährte, dies als nostalgische Rückkehr zu verstehen. „Literatur ist eine große Verunsicherungsmaschine, die einem permanent sagt: Trau dem nicht, was Du liest, da vorne steht Roman darauf. Es ist alles erfunden, und trotzdem tut jemand so, als wäre das alles so geschehen.“ Vielleicht eröffnet gerade dieser Zwischenraum von Sehnsucht und Verunsicherung jene Zuflucht vor den Festlegungen und Grenzen, gegen die Iris Wolffs Figuren rebellieren in ihren Absencen der Erleuchtung. Wenn sie so tun, als ob es regnet, was nichts anderes bedeutet, als sich aus dem Augenblick davonzustehlen, nach innen, um von dort mit neuen Bildern wiederzukehren.
Vermutlich hat ihr diese Technik auch in ihren Jahren als Schülerin am Wirtschaftsgymnasium in Stuttgart weitergeholfen. Eine schwierige Zeit, in der sich VWL, BWL und manche Eigenheiten der schwäbischen Mentalität gegen sie verschworen haben. In Vorbereitung auf die Thaddäus-Troll-Preis-Verleihung hat sie sich artig in „Deutschland, deine Schwaben“ des Namens-Patrons vertieft. „Dieses Buch hätte ich einfach viel früher gebraucht, diese grimmige Liebeserklärung, diesen unbarmherzigen, schonungslosen, aber immer liebevollen Blick auf die Schwaben.“
Über dem Schwarzwald ziehen sich Wolken zusammen. Sieht so aus, als würde es bald regnen. Ein junger Mann betritt das Restaurant. Man kennt sich, ein Schauspieler vom Freiburger Theater. „Wir sind so gut wie in Siebenbürgen“, sagt er zur Begrüßung, „wir haben gerade mit ,Dracula‘ begonnen.“ Im Februar steht Bram Stokers Roman auf dem Spielplan. Der Heimat entkommt man nicht.
Termin: Die Verleihung des mit 10 000 Euro dotierten Thaddäus-Troll-Preises findet am 2. Dezember um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Stuttgart statt.
Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Müller Verlag. 166 Seiten, 20 Euro