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Thailand Zu Gast bei Mariyan

Tourismus der anderen Art: Im Süden Thailands können Urlauber den Alltag in einem Dorf kennenlernen. Gelebt wird bei einheimischen Gastfamilien.  Foto: SoAk
Tourismus der anderen Art: Im Süden Thailands können Urlauber den Alltag in einem Dorf kennenlernen. Gelebt wird bei einheimischen Gastfamilien. Foto: SoAk

Urlaub mal anders: Im Süden Thailands leben Touristen bei einheimischen Gastfamilien.

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Ein Gecko huscht über den Balken und verschwindet in einer Wandritze. Die tote Riesenheuschrecke in der Ecke ist wohl kein geeignetes Abendessen für ihn. Ich schaue hinauf zum thailändischen Königspaar, das würdevoll von der kahlen Wand lächelt, so als wollte es signalisieren: Wer hier schläft, tut dies unter seinem Schutz. Vor der tierischen Vielfalt tropischer Nächte fühle ich mich aber vor allem durch das Moskitonetz geschützt, das ich sorgfältigst unter die Matratze stopfe. „Und“, fragt Bodhi, Leiter der Reiseagentur Andaman Discoveries, am anderen Morgen mit einem Grinsen im Gesicht, „wie war der Übernachtungsfaktor?“

Überraschend gut habe ich unter dem einfachen Wellblechdach ganz ohne Klimaanlage geschlafen, bis mich am Morgen das Geschrei der Affen weckte, die in den Bäumen hinter dem Haus ein gewaltiges Gezeter veranstalteten. Zum Frühstück hatte Mariyan, unsere Gastgeberin, eine reichhaltige Auswahl serviert: Reis mit Gemüse, gelbe, süßliche Pfannkuchen und eine thailändische Variante weißer Knödel. Ungewohnte Kost für europäische Frühstücksmägen, aber köstlich.

Ein bisschen Abenteuerlust gehört schon dazu, wenn man sich auf die Angebote von Andaman Discoveries einlässt. Die Reiseagentur in Kuraburi vermittelt Gastaufenthalte in Dörfern im Süden Thailands, in einer vom Tourismus noch weitgehend unerschlossenen Region. Ziel ist, den muslimischen Dorfbewohnern ein Zusatzeinkommen zu verschaffen, ohne ihre traditionelle Lebensweise zu beeinträchtigen. Für dieses umwelt- und sozialverträgliche Tourismusprojekt ist Andaman Discoveries schon mehrfach ausgezeichnet worden. Zum ersten Mal ist eine Gruppe deutscher Journalistinnen zu Gast.

Ban Talae Nok gehört zum etwa ein Dutzend Dörfer umfassenden Netzwerk der Agentur. Durch das 200-Einwohner-Dorf, direkt an der Andamanensee gelegen, führt eine geteerte Straße, links und rechts stabile Häuser, viele auf Stelzen und mit einem langgezogenen Vordach aus Wellblech, dazwischen viel Grün. Nur in einer Seitenstraße reihen sich die Häuschen dicht aneinander. Diese kleine Siedlung ist gebaut worden, nachdem der Tsunami 2004 einen Teil des Dorfes zerstört hatte. 40 Menschen, davon 17 Kinder, kamen ums Leben. Auch das Haus von Mariyan ging in den Fluten unter. Die Familie konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Jetzt wohnt die 31-Jährige mit Mann, Tochter (14) und Sohn (8) in einem neuen, einfach ausgestatteten Haus. Betonboden, unverputzte Wände, Strom und Fernseher ja, aber kein fließendes warmes Wasser. Für Gäste hat die Familie unterm Dach zwei Kammern eingerichtet. Duschen fällt für die nächsten zwei Tage aus, aber Toilette? Als Mariyan uns das vorgesehene Örtchen zeigt, spielt sie uns die Handhabung einfach vor. Wir kapieren: Papier kommt in einen Eimer, und gespült wird mit einer Schüssel Wasser aus einem Bottich neben dem Plumpsklo.

Gesten ersetzen so manches Mal die Verständigung mit den Dorfbewohnern, von denen die meisten kaum Englisch können. Deshalb stellt Andaman Discoveries jedem Besucher einen Dolmetscher zur Seite. Unserer heißt Mai, stammt aus Bangkok und kann sogar Deutsch. Der 31-Jährige ist von dem Projekt begeistert. „Das ist kein Mainstream-Tourismus. Wir setzen auf Freundschaft und Vertrauen.“ Nichts wird über die Köpfe der Dorfbewohner hinweg entschieden. Regelmäßig organisiert die Reiseagentur Treffen, in denen Pläne besprochen werden. Viel Engagement investiert Bodhi Garrett in die Agentur, die er im Anschluss an ein Tsunami-Hilfsprojekt gründete. Der 32-jährige Amerikaner, vor der Katastrophe als Hotelmanager in Thailand tätig, arbeitet jetzt wie seine Mitarbeiter für 825 Dollar Gehalt im Monat. „Hier brauchst du nicht viel, um genug zu haben“, beschreibt der frischgebackene Vater seine Motivation.

Wer in einer Hotelenklave in den Touristenhochburgen wie Khao Lak bleibt, erlebt Inselbewohner höchstens als Angestellte. Von ihrem Leben, wie sie wohnen, erfährt man nichts. Das ist in Ban Talae Nok anders. Viele Aktivitäten, die für uns auf dem Programm stehen, entspringen dem Alltag: Seidenmalerei, Seifenherstellung, eine Bootstour durch die Mangrovenwälder, Flechten von Nipapalm-Blättern – je nach Gusto können wir aktiv werden oder auch nur am einsamen Strand entspannen. Reihum kochen die Frauen, die uns beherbergen, für uns, zu jeder Hauptmahlzeit sind wir in einem anderen Haus zu Gast und genießen eine üppige Auswahl köstlicher Gerichte. Zum Essen setzen wir uns wie die Dorfbewohner einfach auf den mit Matten ausgelegten Boden. „Wir können nicht zu euch kommen, deshalb müsst ihr zu uns kommen“, begründet Mariyan ihre Teilnahme an dem Projekt. Meistens hilft unsere Gastgeberin, die wie alle Frauen einen knöchellangen Sarong und Kopftuch trägt, ihrem Mann, einem Fischer, bei der Arbeit.

An einem Nachmittag zeigen uns die Frauen die Zubereitung eines Desserts inklusive der Herstellung der dazu notwendigen Schälchen aus Bananenblättern. Geschickt und zügig faltet die 30-jährige De das grüne Material zu einem auslaufsicheren, kleinen Förmchen. Da wir Schälchen für den Nachtisch gewöhnlich nur aus dem Schrank holen, fehlen uns die Geschicklichkeit und Übung. Statt zierlicher kleiner Körbchen entstehen viel zu große Exemplare. Als De das Ergebnis unserer Bastelversuche sieht, schüttelt die Thailänderin freundlich den Kopf. „Davon kann man ja satt werden, so groß sind sie.“ Während wir uns brav weiter bemühen, rührt Mariyan den Teig aus Reismehl, Zucker und Kokosmilch und füllt ihn in die umweltfreundlichen Naturgefäße. Lecker.

Am letzten Abend klappt die Verständigung auch ohne Worte. Kleidung und Frauen– das scheint eine Symbiose zu sein, die überall funktioniert. Für uns öffnen unsere Gastgeberinnen ihre Kleiderschränke. Wir sollen in ihre „Tracht“ schlüpfen, uns wie eine thailändische Muslimin anziehen. Das Ansinnen erstaunt uns, doch welche Frau probiert nicht gern etwas an? Bunte Sarongs, reich verzierte Blusen werden angeschleppt, beim Anziehen assistieren uns die Expertinnen. Jetzt braucht es keinen Dolmetscher mehr. Als mir Mariyan ein grasgrünes Oberteil hinhält, spürt sie sofort, dass sie damit nicht meinen Geschmack getroffen hat. Kurz darauf bringt sie mir ein schwarzes Exemplar. Jetzt noch ein Kopftuch, und plötzlich werden aus Westeuropäerinnen unglaublich überzeugend wirkende Musliminnen. Wir erkennen uns kaum wieder. Mariyan und ihre Nachbarinnen lächeln selig.

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