Keinen Augenblick wohliger Heimkehr, keinen Moment entspannten Wiedersehens, keine Sekunde angenehmen Wohlbehagens gönnt „The Crown“ dem Zuschauer. Gleich zu Beginn der sechsten, gleich im zweiten Bild der finalen Staffel schwenkt die Kamera auf zum nächtlich beleuchteten Eiffelturm. Von Anfang an sind wir in Paris. Und also sind wir dort, wo, das weiß ja nun immer noch jeder, die größte Tragödie der englischen Königsfamilie jüngerer Zeit stattgefunden hat – der tödliche Verkehrsunfall der Princess of Wales am 31. August 1997, gegen 0.16 Uhr Ortszeit, in einem Straßentunnel an der Seine.
Das ist Shakespeare und Strindberg zugleich
Nein, der Zuschauer wird den Verkehrsunfall nicht sehen, weder zum Auftakt der sechsten „Crown“-Staffel noch zu einem späteren Zeitpunkt. Die Serie wird ihn nicht zum Augenzeugen des Todes machen, aber zum Zeugen. Der Zuschauer wird die Wegstrecke zu diesem Unfall in einer Dichte und Intensität miterleben und wohl vielfach mitleiden, als wäre er unmittelbar mit dem Geschehen verwickelt gewesen. Es ist auch hier wie schon so oft bei „The Crown“, dieser seit nunmehr sieben Jahren aus dem Streaming-Meer vieler Beliebigkeiten weit herausragenden Serie – sie zeigt uns eine Tragödie in der Tradition William Shakespeares und August Strindbergs: Man weiß jederzeit genau, wie es ausgeht. Und hofft doch ständig, es möge jemand die Dinge irgendwie noch wenden.
Seit Donnerstag hat Netflix die ersten vier von acht abschließenden „Crown“-Folgen freigeschaltet. Und seien wir ehrlich: Nach den enorm hohen Standards der ersten fünf Staffeln über das Leben und das Zeitalter einer Britin namens Elizabeth Windsor, die als langjährigste Königin von England in die Geschichte eingegangen ist, sucht man akribisch nach einem Grund, quakig zu sein. Kann ein so großes, ein so umfangreiches Filmprojekt wirklich keine wesentlichen Fehler machen? Keinen Durchhänger haben? Keinen Qualitätsverlust? In keine Grube fallen, die es sich durch eigene Ansprüche selbst gegraben hat?
Warum zum Beispiel und vor allem wie soll man jetzt noch vom Ende Diana Spencers erzählen, da ihr Tod doch 1997 schon selbst ein Medienereignis globalen Ausmaßes war, die Bilder von damals den meisten von uns noch fest im Gedächtnis sind? Und warum und wie jetzt, Ende 2023, über die Konflikte, womöglich auch Fehler einer Monarchin in jener Zeit fabulieren, die ja inzwischen real verstorben ist? Weswegen der bei früheren Staffeln insgeheime Reiz, sich auszumalen, was sie selbst wohl beim Anschauen ihrer Serie darüber denken mag, nun nicht mehr funktioniert?
Der Unternehmer will Diana mit seinem Sohn verkuppeln
Aber dann dauert es eben keine zwei Kamerabilder, und schon hat diese Geschichte den grundsätzlich geneigten Zuschauer wieder eingefangen: Paris. Eine Geschichte, deren Ausgang wir ja eigentlich alle kennen, woraus allein also kein Autor, kein Regisseur dieser Welt irgendein Quäntchen Spannung ziehen kann. Nein, „The Crown“ gewinnt seine Spannung auf ganz andere Art. Sommer 1997: Diana möchte unbeschwerte Ferientage mit ihren beiden Söhnen verleben, trotz der sie stets jagenden Fotografenmeute. Der Unternehmer Mohamed Al Fayed will sie derweil mit seinem Sohn Dodi verkuppeln. Charles wiederum tritt nicht wie ein Sohn, sondern gerade so wie jeder andere „Substitute“ des Landes, also als Untertan, mit geneigtem Kopf vor seine Mutter, um sie dringend zu bitten, beim 50. Geburtstag seiner neuen Partnerin Camilla Parker-Bowles dabei zu sein; wenigstens ihm, seinem neuen Leben zuliebe. Doch die Queen sagt, sie habe an dem Tag schon einen anderen Termin, in einer Autofabrik in Derbyshire. Es ist also alles ganz hoffnungslos. Und also spannend.
Es ist so spannend, weil die Drehbücher dazu exzellent sind. Der Autor Peter Morgan gibt jeder Folge eine eigene Form, bleibt bei aller Größe des Themas bis zum Schluss seinem Prinzip des Kammerspiels treu. Nicht in Schlössern oder auf Bällen spielen sich diese Dramen ab, sondern in heillos vermöbelten Wohnzimmern, in Büros, in von innen verriegelten Autos. Auf derart strikt begrenztem Raum können, nein, müssen die Darsteller ihre ganze Schauspielkunst entfalten, Imelda Staunten als Queen, Dominic West als Charles oder Olivia Williams als Camilla.
Der Mann mit unbegrenzter Kreditkarte
Wobei im Zentrum dieser vier neuen Folgen zwei andere stehen: Elizabeth Debicki als Diana und Khalid Abdalla als ihr neuer Geliebter Dodi. Die Debicki steigert noch die Komplexität im Vergleich zur fünften Staffel: Ihre Di ist stark und schwach zugleich, klug und hysterisch, mutig und ermattet, durchtrieben und offenherzig, hoffnungsvoll und verzweifelt.
Und Abdalla macht im Lauf der Geschichte aus dem glatten Schönling mit grenzenlos gültiger Kreditkarte einen um Selbstbestimmung, Autonomie, um Zuneigung, um Nähe kämpfenden Mann, dem der Zuschauer, obwohl an dieser Stelle instinktiv widerwillig, seine Empathie irgendwann nicht mehr verweigern kann.
Der deutsche Regisseur Christian Schwochow hat in drei dieser vier Episoden Regie geführt. Sein bisheriges Meisterstück liefert er in Folge drei: Die zentrale Szene vor dem Unfall, dessen Zeuge wir werden, ohne ihn zu sehen zu bekommen, spielt über rund zwölf Minuten, die jeder Streaminglogik eigentlich widersprechen, in einem verriegelten Hotelzimmer des Ritz. Diana und Dodi sind ganz mit sich allein, erleben einen Moment größter Wahrhaftigkeit miteinander, der zweifellos für ihrer beider Leben eine Katharsis sein könnte, ein positiver Wendepunkt. Es wird anders kommen, wir wissen es. Denn immer wieder hört man von fern die Rufe der auf der Straße auf sie wartenden Paparazzi: Diana!
Sie warten auf den günstigen Moment
Bei diesem Thema besteht ja mal keine Spoilergefahr, weil es keine Überraschung geben kann: Eben noch warten Diana und Dodi am Hinterausgang des Ritz vor dem Wandkasten mit den Dienstplänen des Hotels darauf, endlich ins Auto einsteigen zu können, schon sehen wir im Gegenschnitt Dianas älteren Sohn William im fernen Schottland im Bett liegen. Er kann nicht einschlafen und schaut auf den Digitalwecker auf seinem Nachttisch: „11:13“ zeigt dieser an. Wenn Shakespeare in unserem Zeitalter leben würde und bei Netflix für Königsdramen zuständig wäre: Just so würde auch er es auf den denkbar schmerzhaftesten Punkt bringen.
Am 14. Dezember wird Netflix die restlichen Folgen freischalten. Wie „The Crown“ dann ihr Ende finden und setzen wird, kann man nur mit größtem Respekt abwarten.