Wie kaum einer prägte Mark E. Smith mit seiner Band The Fall die alternative britische Musikszene. Jetzt ist die Ikone des Postpunk im Alter von 60 Jahren gestorben.

Kultur: Gunther Reinhardt (gun)

Stuttgart - Wenn man ihn an einem guten Tag erwischte, konnte Mark E. Smith eine Plaudertasche sein. „Ich bin nicht wirklich so ein Zyniker wie in den Songs“, verriet er uns an einem dieser guten Tage in einem Interview. Zumindest könnte er das gesagt haben, denn sein vernuschelter Manchester-Slang war manchmal nicht so einfach zu dechiffrieren und ließ viel Platz für Interpretationen.

Wie seine bösartig-kryptische Lyrik, die er seit 1976 mit einer Musik vertonte, die ein störrisch, spröder Amalgam aus Punkrock und Rockabilly zu sein schien. Mark E. Smith, der jetzt im Alter von 60 Jahren gestorben ist, war mit seiner Band The Fall einer der wichtigsten und einflussreichsten Protagonisten der britischen Postpunk-Szene – und ein wunderbarer Grantler. Bei der letzten Begegnung mit ihm schimpfte er zum Beispiel darüber, dass die Leute keine Bücher mehr lesen, und dass beim englischen Fußball-Nationalteam „bloß elf faule Millionäre auf dem Platz stehen“. So konnte er in einem fort meckern, bruddeln, nörgeln, nölen, keifen, schuf daraus gar eine ganz eigene grimmige Kunstform. Wortkarg war der Mann, der weder Millionär noch faul war, nur dann, wenn es darum ging, das eigene musikalische Schaffen zu beschreiben.

„Ich finde die meisten Bands weder gut noch schlecht, ich ignoriere sie“

Davon, dass John Peel, der legendäre BBC-DJ und Pate des britischen Independent-Rock, einst The Fall zu seiner Lieblingsband ernannte und davon schwärmte, die Musik der Band sei „immer anders und doch immer gleich“, wollte Smith am liebsten gar nichts wissen: „Ich kannte John eigentlich gar nicht“, behauptete er dann, „Wir haben uns bloß zweimal unterhalten“. Und das, obwohl The Fall 24 Mal – so oft wie keine andere Band – bei den berühmten „Peel Sessions“ auftraten – Konzertmitschnitte, die heute als die größten Kostbarkeiten in der Geschichte des britischen Punk und New Wave gelten dürfen.

Nein, der Mann, der The Fall war und dem auch Tocotronic ein wunderbares Lied widmeten („Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“), machte sich nie etwas aus Heldenverehrung, wollte nicht der Held sein, der er für viele trotzdem oder gerade deshalb war. Auf so unterschiedliche Bands und Musiker wie die Arctic Monkeys, Franz Ferdinand, Sonic Youth, Faith No More, Paul Weller und Billy Bragg hatte Mark E. Smith Einfluss. Schon bei der Gründung im Jahr 1976 widersetzten sich The Fall monolythisch Punk- und New -Wave-Eingemeindungen. Und stets bevorzugte er es auf Distanz zum Rest der Musikszene zu gehen: „Ich finde die meisten Bands weder gut noch schlecht“, sagte er, „ich ignoriere sie nur.“

„Ich kann halt nicht so gut mit Musikern“

Der fleißige Mr. Smith war nicht nur bis zuletzt einer der produktivsten Musiker Großbritanniens (er veröffentlichte zwischen 1979 und 2017 mit The Fall über 30 Studioalben) – er verschliss dabei auch rekordverdächtig viele Begleitmusiker. Wenn er schon mit seinem Zynismus und diesen unermüdlichen ratternden musikalischen Endlosschleifen, die seine Songs darstellten, keine Stadien füllen konnte, so doch mit den Leuten, die mal bei The Fall ein Instrument bedient haben. „Neue Musiker bringen Ideen mit“, sagte Smith an einem dieser guten Tage, gab dann aber doch zu: „Manchmal kotzt einen einer einfach auch an: Ich kann halt nicht so gut mit Musikern.“

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