Thees Uhlmann über das Leben als Künstler Alles auf eine Karte

Als Thees Uhlmann an seinem Roman „Sophia, der Tod und ich“ gearbeitet hat, wurde er aus Versehen ein besserer ­Gitarrist: „Ich habe eine Viertelstunde ­geschrieben, dann 15 Minuten darüber nachgedacht und nebenher Gitarre ­gespielt. Und weil ich so viel nachgedacht habe, kann ich jetzt viel besser Gitarre spielen als vor vier Jahren.“ Foto: pertramer.at

Lange Zeit konnte sich Thees Uhlmann kaum mit der Kunst über Wasser halten. Ein Bestseller-Roman und viele gute Lieder später, hat sich das geändert. Der Musiker erzählt über das Leben als Künstler, Pleiten bei der Geldanlage und die beste Zeit, sich der Dunkelheit zu nähern.

Stuttgart - Ein Leben für die Kunst und den Rock ’n’ Roll. In den frühen 90ern schon ist Thees Uhlmann mit seiner Band Tomte durchs Land gezogen, spielte in den Jugendzentren, in Clubs und veröffentlichte Platten. Die Texte deutsch, bevor das lässig war, die Musik irgendwie Punk, aber mit Pop im Herzen. Vielleicht auch umgekehrt.

 

„Punk kam bei mir aus diesem DIY-Ding heraus, do it yourself“, erzählt Uhlmann. „Wir fragen nicht um Erlaubnis, wir machen einfach: Jeder kann eine Platte aufnehmen, jeder kann durch Deutschland fahren und bei anderen Leuten aus der Punkszene Konzerte spielen. Es gibt Spritgeld und ein vegetarisches Essen am Abend.“ Uhlmann gründete mit Freunden sogar eine eigene Plattenfirma: Grand Hotel van Cleef.

Das ist keine Kunst, sondern Liebhaberei

Doch erst mit der vierten Platte von Tomte hat sich diese Form der Selbstermächtigung für den Sänger aus Norddeutschland „gerechnet“ – wirtschaftlich gesprochen. Das war ungefähr 2006, da war er gerade um die 30 Jahre alt. Noch im Hinterkopf die Zeit ohne Krankenversicherung oder nennenswerte Zukunft als Musiker. Selbst die Künstlersozialkasse hatte ihn zuvor abgeschmettert: „Die meinten, was ich mache, sei ja keine Kunst, sondern eher Liebhaberei.“ Uhlmann lacht. „Irgendwie stimmte das ja auch.“ Er wollte aber trotzdem, dann eben ohne Kasse. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und bin erst mal immer ärmer geworden.“

Mit 45 Jahren nun steht Uhlmann ziemlich gut da. Er kann nicht nur auf eine Karriere als Sänger von Tomte zurückblicken. Da sind auch zwei erfolgreiche Platten als Solokünstler und der Bestseller-Roman „Sophia, der Tod und ich“, und vor ihm liegt „Junkies und Scientologen“, seine dritte Soloplatte.

Keine Distanz zu früher

Und wieder singt Uhlmann auch Lieder über Menschen, die arbeiten, um leben zu können. Er selbst kennt das. Der Erfolg ist ihm schließlich nicht einfach auf den Kopf gefallen. Hart erarbeitet, so platt das auch klingt. Uhlmann arbeitete, um sich die Hoffnung, Künstler sein zu dürfen, zu erhalten – und natürlich, um über die Runden zu kommen.

Distanz zu dem Thees, der damals zum Beispiel in Hamburg in der Altenpflege arbeitete, spürt er nicht. „Danach wusste ich, dass ich auch harte Sachen schaffen kann“, sagt Uhlmann. Hoch emotional, hart, aber eben auch schön sei das gewesen. „Eigentlich habe ich noch gar nicht richtig geraucht, bin aber mit den Omas rauchen gegangen, weil sie gefragt haben, ob ich mit ihnen eine rauche, und man da ja nicht einfach Nein sagen kann.“

Raucher ist er noch immer, doch seine Arbeit ist mittlerweile ausschließlich die Kunst – Lieder, Texte, Bücher schreiben, mal das Hörbuch der Bruce-Springsteen-Biografie einlesen. Im Oktober erscheint ein Buch, das er über seine Lieblingsband Die Toten Hosen geschrieben hat.

Privilegiert fühlt sich der Wahlberliner trotzdem nicht: „Nee, eher beschenkt“, sagt er. „Ich freue mich jeden Tag darüber, dass Deutschland entschieden hat, dass ich Künstler sein darf.“

Verantwortung trotz Freiheit

Am Vorabend noch hat Uhlmann seiner Band eine Whatsapp-Nachricht geschrieben. Er erzählt das ganz beiläufig ohne großen Aufwasch: „Vielen Dank, dass ihr bei der Stange geblieben seid“, hat er geschrieben, weil sie durchgehalten haben in der Zeit, in der es bei ihm kein Geld zu verdienen gab, weil es nicht laufen wollte mit der Kunst. Die vergangenen Monate waren aufreibend.

Eigentlich hätte seine Platte längst fertig sein sollen, doch er war nicht zufrieden damit, und er war mit sich selbst nicht zufrieden, schmiss alles weg und fing von vorne an. Wenn der Künstler nicht funktioniert, müssen auch Manager und die Musiker seiner Band schauen, wo sie finanziell bleiben. Diese Verantwortung trägt er trotz all der erarbeiteten Freiheit. „Das werde ich euch lange Zeit nicht vergessen“, hat Uhlmann geschrieben.

Doch Blockaden, schwarze Löcher und Krisen sind eben das Berufsrisiko des Künstlers – Augen zu und durch und vielleicht etwas mitnehmen. „Kunst zu machen, hat bei mir auch etwas mit einer Form von Härte zu tun. Ich mag’s, wenn’s knirscht und reibt, wenn alles Chaos ist. Künstler sollten vorangehen zu den dunklen Plätzen und darüber singen.“

Existenzängste, Selbstmitleid oder ein wehklagendes „Hätte ich doch bloß was Gescheites gelernt“ gehören allerdings nicht zum Besteck, da bleibt Uhlmann hart: „Ich habe jetzt 160 000 Bücher verkauft – wenn man aus Norddeutschland kommt, dann wird da nicht mehr gequengelt. Das wäre doch frivol.“

„Nein, Papa!“

Die Entscheidung, ob er morgens als Autor oder als Musiker die Bettdecke beiseite schlägt, wurde ihm derweil vor mehr als zwölf Jahren erleichtert. „Ich stehe morgens auf und denke: Oh, ich bin Papa!“ Patchworkfamilie, die Tochter verbringt viel Zeit beim Vater.

Und der sagt lachend: „Ich führe das Leben einer englischen Hausfrau aus den 70er Jahren. Wir hängen morgens gemeinsam rum, ich begleite sie runter zur Tür, frage, ob ich zur Schule mitkommen darf, sie sagt: ,Nein, Papa!‘, dann gehe ich wieder hoch und denke: Ach, es wär’ eigentlich Zeit für ein kleines Likörchen.“

Und dann wird Haushalt gemacht, später gekocht. Wie das eben gemacht wird, selbst wenn man Künstler ist und nie etwas anderes sein wollte. „Natürlich denke ich die ganze Zeit nach. Ich habe so einen Unterstrom, der ständig alles aufsaugt“, sagt Uhlmann.

Das Handwerkliche aber geschieht meist, wenn die Tochter im Urlaub oder auf Klassenreise ist. „Dann fühle ich mich befreit und kann eben auch in die Dunkelheit.“ Das ist da, wo bei Uhlmann die Kunst herkommt, obwohl der Mann unverschämt viel positive Energie freisetzt.

Wenn Gott einen auslacht

Einmal hat er versucht, etwas wahnsinnig Erwachsenes zu tun: Geld anlegen. „Gott hat mich ausgelacht, hoho, der Uhlmann, will was mit Geld machen, ich hab eine super Idee: Weltwirtschaftskrise.“ Freitags unterzeichnete er ein Fonds-Papier, montags brachen die Banken zusammen. „Ganz ehrlich, ich glaube, das war meine Schuld.“

Dann doch lieber Kunst. „Ich habe keine Million oder so“, sagt Uhlmann, „aber ich habe ganz, ganz viel Geld mit meiner Kunst verdient, mehr als ich je erwartet hätte. Wir werden nicht verhungern und vielleicht ist eine kleine Weltreise für meine Tochter auch noch drin. Das ist doch toll.“

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