Kim Bui war es ja gewohnt, viel unterwegs zu sein. Als Turnerin war die heute 35-Jährige über ihre außergewöhnlich lange Karriere hinweg weltweit an den Geräten. Vor zwei Jahren ist sie zurückgetreten – aber seit einem Jahr wieder ziemlich viel auf Achse. „Es war“, sagt Kim Bui, die in Stuttgart lebt, „ein sehr spannendes Jahr.“ Was sie auch sagt: „Ich habe hoffentlich wertvolle Arbeit geleistet, aus der sich noch einiges entwickeln kann.“
Aus Sicht von Christine Kopp ist das schon passiert. „Was sich verändert hat, ist, dass man endlich mal darüber spricht“, erklärt die Medizinerin aus Tübingen, „und das ist sehr positiv.“ Christine Kopp meint ein Thema, das vor allem im Leistungssport lange Zeit als Tabuthema galt.
Kim Bui hat es angesprochen – auf die authentischste Art und Weise, die man sich vorstellen kann. In ihrem Buch („45 Sekunden“), das die ehemalige Turnierin im März 2023 veröffentlicht hat, berichtete sie offen über ihre Essstörung, die sie während ihrer sportlichen Laufbahn einige Jahre begleitet hat. Die sie sich erst eingestehen musste – und mit externer Hilfe dann auch überwinden konnte. Nach der Buchveröffentlichung „haben sich viele Menschen bei mir gemeldet und sich für meinen Mut bedankt“, erzählt Kim Bui. Was hat sich noch getan?
Kim Bui hat dem Thema Essstörungen im Leistungssport nicht nur mit ihrer eigenen Geschichte im Buch Öffentlichkeit geschenkt. Gemeinsam mit Miriam Neureuther war sie zudem Hauptperson einer ARD-Dokumentation („Hungern für Gold“). Sie war Gast in zahlreichen Talkshows, hat Lesungen veranstaltet und hat in Podcasts gesprochen. Mitte 2023 gab es dann noch eine Podcastreihe von „Athleten Deutschland“ („Blut, Schweiß, Training“), die wichtige solch Themen in den Vordergrund rückte. In der ersten Folge war Christine Kopp zu Gast.
Auch viele Breitensportler sind aufmerksamer geworden
Die Oberärztin am Uniklinikum in Tübingen bietet dort unter anderem die RED-S-Sprechstunde. Es geht um Hilfe bei einer Reduktion der Energiezufuhr, unter anderem in Folge von Essstörungen. Sie führt auch die jährlichen Untersuchungen bei Leistungssportlerinnen und -sportlern durch, hat immer wieder auf die Symptomatik dieses gefährlichen Defizits hingewiesen. Nun sagt sie mit Blick auf die vergangenen Monate: „Nicht nur Leistungssportlerinnen und -sportler, sondern auch Breitensportlerinnen und -sportler haben durch die mediale Präsenz des Themas bemerkt, dass es eben nicht normal ist, wenn etwa die Regelblutung ausbleibt.“ Ihre Spezialambulanz, erklärt sie, habe mittlerweile „einen sehr hohen Zulauf aus ganz Deutschland“.
Im Leistungssport, hat sie festgestellt, hätten auch einig Trainerinnen und Trainer begonnen umzudenken: „Sie kommen jetzt frühzeitig auf uns zu, fragen nach und regen prophylaktische Untersuchungen bei manch einem Schützling an.“ Am Bundesstützpunkt für Rhythmische Sportgymnastik in Fellbach-Schmiden bietet sie zudem regelmäßig Schulungen und Ernährungsberatungen für die jungen Athletinnen an. Die Frage, um die sich dabei Vieles dreht: „Wie kann ich ein Energiedefizit erkennen?“ In der Spezialsprechstunde in Tübingen würden sich darüber hinaus auch viele Breitensportlerinnen und -sportler vorgestellt, die Beschwerden wie eine Schilddrüsenunterfunktion, eine ausbleibende Regelblutung oder Ermüdungsbrüche jetzt endlich in einem anderen Zusammenhang sehen.
„Kleine, aber positive Schritte“
„Ich habe im vergangenen Jahr die Erfahrung gemacht, dass es eben doch viele betrifft“, sagt Kim Bui, wenn sie an die Reaktionen denkt, die sie seit der Buchvorstellung erreicht haben. Dass ihre Geschichte interessiert und bewegt, zeigt auch der Fakt, dass sich die EM-Dritte von 2011 und 2022 mittlerweile Spiegel-Bestsellerautorin nennen darf.
Christine Kopp spricht über „kleine, aber sehr positive Schritte“ rund um das Thema Essstörungen. Sie hofft, dass verschiedene Sportarten auch über ihr Reglement den Risiken entgegentreten. Denn sie sagt: „Es ist weiterhin nicht alles gut.“ Aber: „Der Leistungssport ist aufmerksamer geworden. Das Thema wird auch nicht mehr so tabuisiert, die Tendenz ist deutlich besser als in den vergangenen Jahren.“
Auch, weil Kim Bui auch weiterhin viel unterwegs ist.