Teodor Currentzis in Stuttgart Kein Buh. Nirgends!
Der umstrittene Dirigent Teodor Currentzis, die Pianistin Yulianna Avdeeva und das SWR-Symphonieorchester haben im ausverkauften Beethovensaal in Stuttgart gespielt.
Der umstrittene Dirigent Teodor Currentzis, die Pianistin Yulianna Avdeeva und das SWR-Symphonieorchester haben im ausverkauften Beethovensaal in Stuttgart gespielt.
Eine ungewöhnliche Zugabe: Eine zart gespielte Mazurka von Władysław Szpilman, jenem Überlebenden des Holocaust, dessen Autobiografie Roman Polanski in „Der Pianist“ verfilmt hat. Eine Mazurka im Stil von Chopin, geschrieben 1936 im Warschauer Ghetto, um das nationalsozialistische Aufführungsverbot des Komponisten zu umgehen. Zuvor hatte Yulianna Avdeeva, die Solistin in diesem Konzert des SWR Symphonieorchesters, die Hintergründe ihrer Zugabe erläutert. Die russische Pianistin zeigt aber auch außerhalb der Bühne Haltung. Schon kurz nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine äußerte sie via Facebook, dass nichts einen solchen Krieg rechtfertige. Ihr Herz schlage für ihre Freunde und die Menschen in der Ukraine.
Teodor Currentzis, der an diesem Abend am Dirigierpult agiert, bleibt dagegen weiterhin stumm, was seine Haltung zu Putin und dem Krieg angeht. Sein Schweigen hat etwas Unheimliches. Andererseits ist es historisch nichts Neues, dass ein Musiker es vermeidet, gegenüber Machthabenden seine Haltung zu zeigen. Musik per se bleibt semantisch uneindeutig, solange sie textlos ist. Ob ein Komponist dann doch als politisch „gefährlich“ eingeordnet wird, entscheiden die Machthabenden, siehe Chopin. In der Regel ist es deshalb einfach, sich als Musiker in die rein künstlerische Arbeit zurückzuziehen. Da macht man sich nur bedingt angreifbar. Da haben es die, die schreiben oder Theater machen, schwerer. Lully, der Hofkomponist, blieb der Liebling des Sonnenkönigs. Molière, der Hofautor, kämpfte gegen Aufführungsverbote.
Dennoch: Es bleibt eine Gratwanderung für Currentzis. Die Kölner Philharmonie hat sein Konzert mit dem SWR Symphonieorchester, das für den kommenden Januar terminiert war, abgesagt. „Die Aktivitäten und Finanzierung seiner Ensembles MusicAeterna und auch Utopia lassen vermuten, dass er dem russischen Regime sehr nahesteht“, ließ die Leitung des Hauses vermelden.
Anders sieht’s in Stuttgart aus. Der Beethovensaal ist ausverkauft – ein rares Bild in Corona-Zeiten. Currentzis wird schon beim Betreten der Bühne bejubelt. Und am Ende des Konzerts erst recht. Kein einziges Buh. Der griechisch-russische Stardirigent als Garant für volle Häuser – weiterhin. Das Publikum liebt ihn. Musik tut ja keinem weh, denkt es vielleicht.
Das Konzert beginnt mit Prokofiews zweitem Klavierkonzert von 1913. Ein experimentelles Stück: bizarre Modulationen, scharfe Dissonanzen bis an die Grenze zur Atonalität, lärmende Klangballungen. Es ist in den richtigen Händen an diesem Abend. Mächtig und wuchtig entfaltet die Musik ihr prachtvolles Kolorit, ihre enorme Energie und ihre oft deftig-ironischen Töne. Und in all der massiven Klanglichkeit bleibt doch alles durchsichtig, geht kein Ton verloren.
Die Kommunikation zwischen Dirigent, Orchester und Solistin gelingt hervorragend, dank höchster Konzentration aller Beteiligten und gemeinsamem Gestaltungswillen. Dieses Klavierkonzert gilt heute als eines der schwierigsten der Musikgeschichte. Vor allem wegen seines Kopfsatzes, der in eine Durchführung mündet, die zum größten Teil als gewaltige Solokadenz gestaltet ist. Der Komponist nutzte hier zuweilen gleich drei Notensysteme, um alle seine Ideen unterzubringen, die die Pianistin nun gleichzeitig herauszuarbeiten hat. Dass man Yulianna Avdeeva an dieser Stelle ansah und man hörte, wie sie an ihre Grenzen kam, liegt in der Natur dieses Werks.
Programmatisch bleiben Currentzis’ Konzerte spannend. An diesem Abend sind es rhythmisch-metrisch anspruchsvolle Werke, die im Fokus stehen. Strawinskys „Le sacre du printemps“, das bei seiner Uraufführung 1913 den vielleicht größten Skandal der Tanz- und Musikgeschichte provozierte, geht runter wie Butter. Im Sog der archaischen rhythmischen Kraft, die eine geradezu gewalttätigen Motorik in Gang setzt, fordert Currentzis vom Orchester eine körperhafte Artikulation. Jede musikalische Geste formt das Orchester sehr genau aus. Man sieht sie plastisch vor Augen: die stampfenden Barbaren und ihr Menschenopfer, das sich zu Tode tanzen muss.
Interessant, dass Currentzis gerade den einfacher gestrickten Bolero von Ravel an den Schluss stellte. Als lässigen Abspann? Jedenfalls bot der Bolero allen Soloinstrumenten des Orchesters noch einmal die Gelegenheit zur individuellen Profilierung. Allen voran Franz Bach als Held an der Kleinen Trommel, der für den tranceartigen Grundrhythmus des Stücks sorgte. Und weil er so sensationell flüsternd begann, konnte sich der Bolero über 15 Minuten tatsächlich in dynamischen Minimalschritten steigern – bis zum orgiastischen Entladungsschluss.
Termine: Die nächsten Auftritte mit dem SWR Symphonieorchester hat Teodor Currentzis am 19. und 20.1. 2023 in der Liederhalle (am 20.1. mit Livestream); am 27. und 28. 5. 2023 gastiert Currentzis im Festspielhaus Baden-Baden.