Theodor Eschenburg Jubel für Hitler und die Generäle

Im Falle der polnischen Juden stellte die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage in aller Regel „eine Etappe dar auf dem Weg zur physischen Vernichtung“, so Teresa Nentwig in ihrer Biografie Kopfs. 1948 lehnte das britische Militärgericht in Herford den polnischen Antrag ab, Kopf – der zu diesem Zeitpunkt schon niedersächsischer Ministerpräsident war – als Kriegsverbrecher auszuliefern. Kopf selbst verschleierte seine Tätigkeit. Der „Gründervater“ des Landes Niedersachsen blieb im Amt.

Schöningh war überzeugter Katholik. Kopf war 1919 in die SPD eingetreten. An der Universität gehörten beide studentischen Verbindungen an. Der Weimarer Republik stand Schöningh, so sein Biograf, von der Warte „echter Staatsgesinnung“ distanziert gegenüber. Im Falle Kopfs vermutet seine Biografin, Verbindungsstudententum und preußische Beamtentradition hätten obrigkeitsstaatliche Einstellungen gefördert. Nach dem Krieg verschwiegen Schöningh und Kopf entscheidende Aspekte der Funktionen, die sie im Dritten Reich ausgeübt hatten. In ihrer 1930 erschienenen, jüngst von Anne Rohstock (München) wiederentdeckten Stresemann-Biografie zitierte Antonina Vallentin, Publizistin und Vertraute Gustav Stresemanns, den frühen Theodor Eschenburg mit den Sätzen: „Wir jubelten im November 1923“ – nach dem Münchner Putsch – „Hitler zu. Wir erwarteten alles von der Macht der Generäle.“

Die Regeln der schlagenden Verbindung Germania

Der Tübinger Student Eschenburg war Mitglied der schlagenden Verbindung Germania, die wie Tübingens übrige Korporationen seit 1919 keine „Juden und Abkömmlinge von Juden“ mehr aufnahm. Zum Vorsitzenden des nationalistischen, antisemitischen Hochschulrings deutscher Art gewählt, verantwortete er 1925 die ­Verbreitung eines Plakats, mit dem der deutsch-jüdische Pazifist und Justizkritiker Emil Julius Gumbel aufgefordert wurde, einen Vortrag abzusagen. Nach eigenem Bekunden war er anwesend, als die Veranstaltung von Studenten gesprengt wurde. Nachdem der Vortrag in den Tübinger Vorort Lustnau verlegt worden war, forderte die anschließende „Lustnauer Schlacht“ mehr als ein Dutzend Verletzte. Um seine Mitverantwortung zu kaschieren, behauptete Eschenburg später, das Plakat habe lediglich dafür geworben, „der Versammlung mit Gumbel fernzubleiben“.

Der Doktorand Eschenburg (den Stresemann zu seiner Politik „bekehrte“) resümierte 1929, als „Alpha und Omega aller inneren Staatspolitik“ habe die Staatsspitze „von sich aus (zu) bestimmen, welches Maß und Ziel“ politische Reformen besitzen sollten, „ohne dass sie sich die Führung aus der Hand nehmen“ ließe. Diese Position bezeichnete Eschenburg als „staatskonservativ“. Ihr gehörte seine erkennbare Sympathie. Noch 1995 erblickte er „die ­optimale Lösung des demokratischen Problems“ in Alfred Webers „Führerdemokratie“-Konzept, mit der Kompetenz der gewählten „Führerspitze“ zu parlamentarisch unkontrollierter „selbstständiger Entscheidung“.

Der Industrieverbandsfunktionär Theodor Eschenburg wurde seit dem 30. Juni 1933 als SS-Anwärter geführt, am 6. März 1934 mit der Nummer 156 004 in die SS aufgenommen und dem Motorsturm 3/III/3 zugewiesen. Sein Stammrollenblatt enthält in der Rubrik „Versetzungen, Ausscheiden“ keinen Eintrag. Eschenburg gab später an, er habe die SS im Spätherbst 1934 mit deren „Billigung“, berufliche Verpflichtungen vorschützend, wieder verlassen.




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