Der Sechstklässler Tom Höfler träumt davon, als Lehrer in Frankreich zu arbeiten. Dafür leistet er schon fleißig Vorarbeit: An seiner Schule, dem Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasium (THG), hat er sich für den bilingualen Französisch-Zug entschieden. Momentan lernen Tom Höfler und seine Mitschüler französische Vokabeln rund um Sportarten, Wetter und französische Kultur. Und vom nächstem Schuljahr an wird ihr erstes von drei Sachfächern komplett auf Französisch unterrichtet.
Kürzlich hat das THG die Auszeichnung „FrancÉducation“ verliehen bekommen. Sie erkennt besondere Qualität im französischen Bildungsbereich einer Schule an. Seit 20 Jahren bietet die Esslinger Schule als eines von 18 Gymnasien in Baden-Württemberg den bilingualen Zug an. Mit zusätzlichen Wochenstunden wird besonderer Wert auf die Sprachförderung gelegt. In der siebten Klasse haben Schüler das Fach Geografie, in der achten Klasse Geschichte und in der neunten Klasse Gemeinschaftskunde komplett auf Französisch. Im zehnten Schuljahr werden sogar alle drei Fächer auf Französisch unterrichtet. Nach dem Abitur erhalten Schülerinnen und Schüler ein zweites Zeugnis, das französische Abi Baccalauréat. Eine Neuerung gibt es: Vom kommenden Schuljahr an sollen die Kinder erst ab dem zweiten Halbjahr der fünften Klasse Französisch lernen, um Schülern mehr Zeit zu geben, sich an das neue Umfeld zu gewöhnen.
Freude am Französischunterricht
Die Schüler nennen unterschiedliche Gründe, weshalb sie sich für die Herausforderung entschieden haben. Die einen planen bereits, in Frankreich zu studieren, die anderen wollen sich in einer geheimen Sprache mit ihren Geschwistern verständigen. „In meiner Heimat im Libanon spricht man französisch, deshalb wollte ich es auch lernen. Außerdem kann ich so mit meinem Austauschpartner aus Saverne reden“, sagt der Siebtklässler Adam Issa. „Anfangs fand ich es schwierig, da wusste ich nicht mal, wie man auf Französisch ,Hallo’ sagt“, erzählt er. „Es macht mir Spaß und ich habe richtig Lust, nach Frankreich zu gehen. Manchmal essen wir als Belohnung sogar Crêpes im Unterricht“, berichtet der Sechstklässler Medon Shehu.
Der Unterricht ist langsamer aufgebaut und viel Vokabelarbeit verhilft zu der ausgeprägten Sprache der Schüler: „Wortschatz in den Bereichen Politik und Geschichte bringen weiter als nur das Grundvokabular“, sagt die Französisch-, Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrerin Marion Bauche. Die Gruppen sind klein gehalten und bestehen durchschnittlich aus zehn bis 21 Schülern.
Schüler machen verstärkte Entwicklungen durch
Vorteile, die das Doppeldiplom neben einem gestärkten interkulturellen Verständnis und persönlicher Entwicklung auch im internationalen Arbeitsmarkt bringt, spielen für die wenigsten eine Rolle. „Bei der Profilwahl denken die Schüler nicht unbedingt an die Zukunft. Der Fokus liegt eher auf kleineren, persönlicheren Gruppen und an Projekten und Austauschen“, sagt die Lehrerin. Auch Jule Vogler macht es im vierten Jahr Spaß: „Während des Praktikums in Frankreich in der zehnten Klasse und den Austauschen kann man viel sprachliche Erfahrung sammeln. Man muss sich aber auch dafür interessieren und sich bewusst sein, dass der Zug etwas mehr Unterricht mit sich bringt“, sagt die Achtklässlerin.
Die Lehrer geben viel Hilfestellung und vereinfachen den Unterricht. In Klassenarbeiten werde nicht zu viel Wert auf die Sprache gelegt. „Sprache zählt nicht in die Note hinein, solange man versteht, was die Schüler sagen. Wir erwarten keine allzu präzisen Antworten und inhaltlich weniger“, erläutert Annemarie Mensch, Mathe- und Französischlehrerin. Schüler und Schülerinnen würden in Sachfächern unterschiedliche Wahrnehmungen besser verstehen und auch ihre Toleranz und Kreativität werde gefördert, sagt der Geschichtslehrer Guido Metzler. „In den bilingualen Klassen passiert das multiperspektivische Denken ganz automatisch. Von den Schülern werden, ohne sie darauf hinzuweisen, Geschehnisse aus verschiedenen Blickweisen untersucht und bewertet.“ Neben kulturellen Programmen haben Schüler viel Spaß an Film- und Tanzprojekten oder daran, Poetry Slams zu schreiben. Nicht nur sprachliche Kompetenzen werden gefördert, Schüler würden auch bei Praktika im Ausland und Austauschen persönliche Entwicklungen durchleben.
„Man kann bilinguale Siebtklässler teilweise in die zehnte Klasse setzen und sie würden eher positiv auffallen“, sagt Annemarie Mensch. Ihr zufolge trauen sich die Schüler im Unterricht mehr zu und geben ohne Aufforderung komplexere Antworten. Sie bewundert, wie hilfsbereit die Schüler sind: Viele helfen freiwillig in der SMV und bei Schulveranstaltungen mit. Der kommissarische Schulleiter Dirk Hiddeßen sagt: „Das Schulklima innerhalb der Gruppe ist angenehm und diese bestimmte Schülerklientel tut der Schule sehr gut.“
Der doppelte Abschluss der Bili-Schüler
AbiBac
Seit 20 Jahren ist es für Schülerinnen und Schüler möglich, das Doppeldiplom AbiBac zu erwerben: Es setzt sich zusammen aus dem deutschen Abitur und dem französischen Baccalauréat. Auf die Schüler dieses Zuges warten zusätzlicher Französischunterricht, Sachfächer auf Französisch und zusätzliche Prüfungen im Abschlussjahr. Der Vorteil: verbesserte Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt und die Befreiung von Sprachprüfungen im Studium.
Label Francéducation
Für die Auszeichnung der Qualität des Französischunterrichts, die auch dem Theodor-Heuss-Gymnasium verliehen wurde, können sich die Schulen selber bewerben. Voraussetzungen sind dabei unter anderem die Möglichkeit, dass Schüler Sprachzertifikate ablegen können, ein bestimmtes Niveau der Sprachlehrer oder auch das Vorhandensein eines frankofonen Umfelds durch Partnerschulen, Projekte und Bildungsressourcen in der Schule.