Therapie Computer spielen gegen ADHS?

Vor allem bei ADHS und Ängsten versuchen viele Betroffene mittels Neurofeedback ihre Symptome zu verbessern. Foto: imago/Science Photo Library

Beim Neurofeedback können Patienten ihre Hirnaktivitäten beeinflussen. Viele wenden das Gehirntraining bei Erkrankungen wie ADHS an. Der Stuttgarter Psychologe Steve Jones bietet die Methode an.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Die Idee klingt reizvoll: mit an der Kopfhaut aufgeklebten Elektroden spielt der Patient ein Computerspiel – und trainiert dabei nicht nur sein Gehirn, sondern kann auch die Symptome von psychischen Krankheiten wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Angststörungen oder Depressionen verbessern. Und das ganz ohne Medikamente.

 

Neurofeedback heißt die computergestützte Trainingsmethode, bei der dem Patienten ausgewählte Parameter der eigenen Gehirnaktivität, über die man für gewöhnlich keine Wahrnehmung hat, wahrnehmbar gemacht werden sollen. Dafür bekommen sie über einen Monitor und Lautsprecher gespiegelt, was das Gehirn gerade tut. Vor allem bei Menschen, denen ADHS diagnostiziert wurde, ist diese Methode beliebt.

Immer mehr wollen sich auf ADHS testen lassen

Der Psychologe Steve Jones hat in der Stuttgarter Innenstadt eine Praxis für Neurofeedback. Bis ins Frühjahr dieses Jahres hinein ist er komplett ausgebucht. Vornehmlich hat er Nachfragen nach ADHS-Diagnosen. Vor allem über soziale Medien wie Tiktok und Instagram kommen viele mit dem Thema in Berührung. „Viele rufen tatsächlich auch an und sagen, sie haben da ein Video gesehen und die Person dort sei doch wie sie selbst“, sagt Jones. Selbstdiagnosen von ADHS seien inzwischen sehr verbreitet – was Jones durchaus kritisch sieht.

Der Psychologe Steve Jones führt in seiner Praxis ADHS-Diagnosen und Neurofeedback durch. Foto: PR/Praxis für Neurodfeedback

Gibt es eine ärztliche Diagnose, versuchen viele Betroffene es mit Medikamenten wie Ritalin. Dies fällt aber, wie auch alle anderen Präparate bei ADHS, unter das Betäubungsmittelgesetz. „Das sind keine Mittel wie nur Ibuprofen“, sagt Jones. Er ist überzeugt, dass mit Neurofeedback vielen auch so geholfen werden könne – ohne Medikamente. In seine Praxis kommen oft Erwachsene um die 30, die genau das versuchen wollen: Mit Neurofeedback von ihren Medikamenten wegzukommen.

Die Methode als Anwendung zur Behandlung von ADHS bei Kindern steht seit mehr als 15 Jahren im Fokus der Wissenschaftler. Aber wie funktioniert Neurofeedback?

Die Grundannahmen ist, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Erleben und Verhalten einer Person und ihrer messbaren Hirnaktivität gibt. Zugrunde liegt dem Neurofeedback-Verfahren daher der Gedanke, dass es die Hirnaktivität selbst ist, die viele psychische Krankheiten oder Störungen wie ADHS auslöst. Und dass man lernen kann, die Hirnaktivität bewusst zu verändern und dadurch unerwünschte Symptome zu kontrollieren.

Dazu wird beim Neurofeedbacktraining die Hirnaktivität gemessen und in den Computer eingelesen. Dort wird sie in ein akustisches oder visuelles Signal übersetzt, das der trainierenden Person die eigene Hirnaktivität anzeigt und klarmacht, in welche Richtung sie verändert werden sollte. Oft erfolgt das mit einem Computerspiel, in dessen Verlauf man dann allein per Hirnaktivität etwa auf einem Seil balancieren oder ein Flugzeug steuern soll. Problematisch ist aber, dass diese Zusammenhänge zwischen gemessener Hirnaktivität und beobachtetem Verhalten eines Probanden bisher erst im Ansatz verstanden werden.

Viele Studien können eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik zeigen

In einigen aktuellen Studien zeigt sich jedoch, dass durch die bewusste Veränderung der Gehirnsignale und das Erlernen von Konzentrationsstrategien deutliche Verbesserungen in der Aufmerksamkeitsleistung, und damit eine Reduktion der ADHS-Symptomatik, erreicht werden können. In einer im Jahr 2016 veröffentlichten Studie im Magazin „Nature“ konnten Forscher des Universitätsklinikums Dresden zeigen, das Neurofeedback nicht nur auf die ADHS-Symptome an sich positiv wirken kann, sondern dass auch impulsive Verhaltensweisen reduzieren kann.

Im Jahre 2006 veröffentlichten Forscher an der Uni Tübingen die Ergebnisse einer Studie mit 23 Kindern. Alle Probanden waren ADHS-Patienten und erhielten über längere Zeit hinweg regelmäßig Neurofeedback-Training. Über Veränderungen in den Hirnströmen, gemessen am Anfang und Ende der Studienzeit, konnten die Forscher nachweisen, dass die Kinder die Selbstregulation ihrer Hirnaktivität erlernen können. Außerdem haben die Wissenschaftler beobachtet, dass sich das Verhalten der Kinder beruhigte, sich deren Aufmerksamkeitsspanne verlängerte und ein Intelligenztest bessere Ergebnisse erbrachte. Die Veränderungen waren auch nach zwei Jahren noch nachweisbar.

Auch Wissenschaftler an der Universität Göttingen konnten in 2009 in einer randomisierten, kontrollierten klinischen Studie eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik bei Kindern feststellen. Sie arbeiteten mit zwei Gruppen, wobei eine davon per Neurofeedback behandelt wurde, während die andere ein computergestütztes Konzentrationstraining erhielt. Die Gruppe der Teilnehmer bestand aus 91 Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren mit ADHS-Diagnose. Sowohl die Neurofeedback-Methode als auch das computergestützte Aufmerksamkeitstraining sorgten für nachweisbare Verbesserungen bei der Konzentrationsfähigkeit und im Verhalten der Kinder.

„In den bisherigen Studien hat Neurofeedback bei den Nachuntersuchungen nicht schlechter abgeschnitten als gängige Therapien einschließlich der Medikation“, schreibt der Niederländer Martijn Arns, der mit einem internationale Studienteam eine Meta-Analyse initiiert hatte. Kinder mit ADHS profitierten auch sechs Monate nach den Behandlungseinheiten vom Neurofeedback. Ihre Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität hatten sich tendenziell weiter verringert.

Viele Forscher zweifeln am Standard einiger Studien

Doch es gibt auch Kritik am bisherigen Forschungsstand. So zweifeln manche Forscher an der der Aussagekräftigkeit vieler Studien. „Was EEG-Neurofeedback von der gängigen Biomedizin unterscheidet, ist vor allem die unterdurchschnittliche Forschung, auf der es basiert“, schreibt der kanadische Psychologe Robert Thibault sogar. Er hat an der Stanford-Universität gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern zahlreiche Neurofeedback-Studien analysiert.

Das Ergebnis: Zwar gebe es über 3000 Publikationen dazu, doch nur eine Handvoll davon erfüllten gängige wissenschaftliche Standards. Häufig waren die Studien nicht Placebo-kontrolliert oder doppelblind durchgeführt. Wenn diese Standards erfüllt waren, falle der Erfolg der Methode deutlich bescheidener aus.

Ein Team um Pablo Riesco-Matías in Salamanca analysierte Publikationen zu Neurofeedback bei Kindern mit ADHS. Sie kamen zu dem Fazit, dass Neurofeedback kein Ersatz für andere Therapien ist. Es helfe Kindern nicht, alternatives Verhalten zu lernen. Riesco-Matías sieht es eher als Zusatz zu einer Verhaltenstherapie.

Der Stuttgarter Psychologe Steve Jones wiederum findet es problematisch, dass es keine standardisierte Therapie gibt und keine einheitliche Ausbildung. Sodass viele Behandler nicht über ausreichendes Wissen verfügten, nicht das geeignete Equipment besäßen oder ihre Patienten während der Behandlung nicht richtig betreuen. „Die Qualitätssicherung ist in Deutschland ein großes Problem“, sagt Jones. Auch er räumt ein, dass es an groß angelegten Studien fehle. Eine Standardtherapie für alle psychischen Leiden sei es definitiv nicht, am meisten Nachweise gebe es aber bei ADHS. Das zeige auch seine persönliche Erfahrung.

Immerhin gibt es wohl außer leichten Kopfschmerzen oder Hautirritationen von den Elektroden keine Nebenwirkungen. Das jedenfalls konnten Forscher von der Universität Tübingen in Untersuchungen zeigen.

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