Früher hieß sie einmal „Mentor“ und gehörte einer Segelschule. Ein paar Jahre lag sie im griechischen Preveza auf dem Trockendock. Zuvor hatten viele künftige Seeleute auf dem 1994 in England gebauten Boot, Modell „Moody 38“, ihre Ausbildung durchlaufen. Doch das ist Vergangenheit, genau wie der einstige Name. „Und es ist wirklich kaum zu glauben, auf was man bei so einer Umbenennung alles achten muss“, sagt Thilo Thum. Damit der Meeresgott Neptun darüber Bescheid wisse, müsse man zum Beispiel dreimal eine „8“ fahren, dann einen Zettel mit dem alten Bootsnamen über Bord werfen, außerdem dürfe die Taufpatin kein grün tragen. „Und ziemlich viel Alkohol ist dabei auch im Spiel“, fügt der Leonberger, der erst die Spitalschule und später das Johannes-Kepler-Gymnasium besucht hat, lachend hinzu.
Aus der „Mentor“ wird die „Strawanza“ – doch was heißt das überhaupt?
All diese strengen Regeln haben der 33-Jährige und seine ein Jahr jüngere Ehefrau Alina offenbar zur Zufriedenheit sämtlicher Meeresgottheiten und Brauchtumswächter befolgt, nachdem sie die „Mentor“ im Mai 2022 gekauft hatten. Das zwölf Meter lange Segelboot, das die Thums in „Strawanza“ umgetauft haben, brachte sie innerhalb eines Jahres unbeschadet von Griechenland bis in die Karibik und wieder zurück nach Barcelona.
„Strawanza“ – was heißt das überhaupt? Ist es ein griechischer Begriff? „Nein, nein“, antwortet Thilo Thum und lacht noch mehr. „Das ist bayrisch.“ Seine Ehefrau ergänzt: „Das ist unsere Hommage an die Zeit, in der wir in München gelebt haben. ‚Strawanzen‘ heißt ‚herumstreunern‘, und das war das Motto.“ So streunerten die Eheleute, die sich einst vor neun Jahren als Werkstudenten in Stuttgart kennengelernt hatten und die seit zwei Jahren verheiratet sind, also im August 2022 los. Aber: Warum eigentlich?
„Nach der Hochzeit entstand die Idee, nochmal etwas grundlegend zu verändern“, erinnert sich Thilo Thum. Er arbeitete damals als Automobilingenieur, sie als Wirtschaftspädagogin. Befristete Wohnung, befristete Jobs. „Wir wollten die Chance nutzen und nicht auf die Rente warten. Und es gab ein paar Ersparnisse.“ Und das Segeln… Er hat es von Klein auf gelernt – die Mutter ist ebenfalls begeisterte Seglerin –, zunächst auf dem Steinhuder Meer in Niedersachsen. Auf dem Stuttgarter Max-Eyth-See hat er als Segellehrer im Verein gejobbt. Auch das erste Date des Paares fand dort auf dem Boot statt. „Da kann man mit einer Segelstellung die ganze Zeit im Kreis fahren“, sagt Thilo Thum.
Planung und Vorbereitung sind fast so anspruchsvoll wie der Trip selbst
Nun sind das Mittelmeer und der Atlantik nicht das Steinhuder Meer oder der Max-Eyth-See. Zwar hatte Thilo Thum auch auf Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer Segel-Routine gesammelt. Der viele Tausend Seemeilen lange Trip war aber etwas ganz anderes, allein schon in der Planung und Vorbereitung. Denn auch Logistik und Umbau des Boots suchten vorab ihresgleichen. „Wir mussten so einiges reparieren und haben zudem eine Meerwasserentsalzungs- und eine Solaranlage installiert“, so Thilo Thum.
Grundsätzlich müsse man bei einem solch langen Törn alles dabeihaben. „Außerdem kann man auf dem Atlantik nicht mal eben ankern“, sagt Alina Thum. Das bedeutete, dass sich das Paar beim Wache halten abwechseln musste, während es immer weiter gen Westen ging. Ablösung gab es für gewöhnlich alle drei bis vier Stunden. „Das Boot fährt die meiste Zeit im Autopilot“, fügt Thilo Thum hinzu.
Im August 2022 zog das Paar auf die „Strawanza“ und segelte schließlich los, erst quer durch das Mittelmeer mit Stationen auf Sizilien, auf Sardinien, den Balearen und in Spanien – mehr als 2000 Seemeilen, was fast 4000 Kilometern entspricht. Im Herbst erreichten sie Almerimar am spanischen Südzipfel und verbrachten dort noch vier Wochen, bevor es weiter nach Gibraltar ging. Dort verharrten sie zwei weitere, regnerische Wochen und warteten gemeinsam mit anderen Seglern auf das passende Wetter. Kurz vor dem Jahreswechsel ging es über Gibraltar im Verbund weiter zu den Kanarischen Inseln. Auf Lanzarote feierten die Thums Silvester. Am 5. Januar brachen sie endlich in Richtung Karibik auf.
Die Überfahrt verlief glücklicherweise ohne größere Probleme, abgesehen von einigen kleineren, lokalen Gewittern. „Die kann man nachts, wenn überhaupt, vorab nur auf dem Radar erkennen“, sagt Thilo Thum. Und einmal sei ihnen ein anderes Boot sehr nahegekommen, dessen Steuermann offenbar geschlafen habe. Einen Zusammenstoß konnten die Thums jedoch verhindern. Trotz alledem: Strapaziös war der Trip allemal. „Im Inneren des Bootes ist es sehr laut, das ist fast wie der Klangkörper einer Gitarre“, sagt Alina Thum. Ohne Oropax gehe da nichts in Sachen Schlaf.
In der Karibik gibt es eine erfreuliche Überraschung
Übernächtigt, aber frohen Mutes legte das Ehepaar 23 Tage und gut 5000 Kilometer (oder gut 2700 Seemeilen) später am 29. Januar auf der Karibikinsel Barbados an. Von dort ging es während der folgenden Monate weiter nach Martinique, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, Dominica, Guadeloupe, Antigua & Barbuda sowie St. Martin. Inzwischen hatte sich jedoch herausgestellt, dass die Rückreise ganz anders als geplant verlaufen würde… aus einem erfreulichen Grund: Alina Thum wurde schwanger. „Der erste Frauenarzttermin fand mit Kommunikationsschwierigkeiten in Guadeloupe statt“, erinnert sie sich.
Also beschloss die werdende Familie im Mai die Rückreise. Nur lautete der ärztliche Rat an Alina Thum: Sie möge doch bitte kein Segelboot besteigen und Tausende Seemeilen nach Europa zurück schippern. Also ließ ihr Ehemann seine Mutter Susanne und seinen Freund Clemens einfliegen. Gemeinsam trat das Trio die Rückfahrt mit der „Strawanza“ an, während Alina Thum mit dem Flugzeug reiste. Zunächst traf man sich auf den Azoren wieder. Auf dem Archipel, knapp 1500 Kilometer von der iberischen Halbinsel entfernt, verweilten die Eheleute weitere fünf Wochen, lernten Land und Leute lieben. „Das war ein weiteres Highlight unserer Reise“, sagt Alina Thum.
Highlights gab es auch für die neu zusammengestellte „Strawanza“-Crew. Für Thilo Thums Mutter erfüllte sich der lang gehegte Traum, über den Atlantik zu segeln. Für Kumpel Clemens, passionierter Fischer, bot sich die einigermaßen unerwartete Gelegenheit zum Hochseeangeln. Und prompt zog er kurz vor der Ankunft auf den Azoren in Gemeinschaftsarbeit mit dem Käpt’n einen 55 Kilogramm schweren Großaugen-Thun über die Reling.
Einer ganz anderen Begegnung mit Meeresbewohnern entging die wiederum neu besetzte Crew auf der Rückfahrt nahe der Straße von Gibraltar– für Clemens rückte Freund Alex nach, während die Frau Mama sich inzwischen wieder verabschiedet hatte. Fast zum krönenden Abschluss konnten sie über Funk mithören, dass einige Orcas, also Killerwale, ganz in ihrer Nähe ein anderes Boot angriffen. „Zu uns kamen aber zum Glück nur Delfine“, sagt Thilo Thum.
Auf Mallorca entgeht die „Strawanza“ nur knapp einem kapitalen Schaden
In Gibraltar kam schließlich auch Alina Thum wieder an Bord – nur um gemeinsam mit ihrem Mann wenig später auf Mallorca Ende August die verheerenden Unwetter mitzuerleben, von denen die Inselgruppe heimgesucht wurde. Glück im Unglück: Die „Strawanza“ blieb unbeschädigt, im Gegensatz zu dem Katamaran auf dem Liegeplatz neben ihr. Der wurde von einem großen Motorboot, das im Sturmgetöse unkontrolliert in ihn hineintrieb, förmlich zerquetscht.
Inzwischen ist das Paar zurück in Leonberg. Für die werdenden Eltern steht jetzt die Wohnungssuche auf dem Programm, oder wie sie sagen: „der Nestbau“. Thilo Thum bewirbt sich aktuell wieder in der Automobilbranche. Die „Strawanza“ liegt derweil nahe Barcelona abermals auf dem Trockendock. „Sie macht jetzt erst einmal Winterschlaf“, sind sich die Thums einig. Das Boot nach ihrem großen Abenteuer zu verkaufen, haben sie nicht übers Herz gebracht. Denn vielleicht wird sie ja noch einmal gebraucht. „Wir wollen als Familie zu dritt noch eine weitere Tour unternehmen, im Mittelmeer, wenn es irgendwann geht“, sagt Alina Thum. Es wäre die Gelegenheit, dass auf der ehemaligen „Mentor“ eine neue Generation das Segeln lernt.