Thomas H. Kaspar im Interview "Facebook ist ein soziales Betriebssystem"

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Thomas H. Kaspar ist “Chief User Officer” bei Chip Online und sieht in der Entwicklung der sozialen Netzwerke mehr Chancen als Risiken.

Thomas H. Kaspar  Foto: privat
Thomas H. Kaspar Foto: privat

München - Thomas H. Kaspar ist “Chief User Officer” bei Chip Online und sieht in der Entwicklung der sozialen Netzwerke mehr Chancen als Risiken. „Für Social Maniacs ist die Lücke in der Timeline zwischen Geburt und erstem Facebook-Login irgendwie blöd...“, kommentierte er die von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg angekündigten Neuerungen bei Twitter.

Herr Kaspar, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat zahlreiche Neuerungen angekündigt – leitet er damit eine Revolution der sozialen Netzwerke ein?

Das ist jetzt die dritte Phase in der Entwicklung von Facebook. In der ersten hatten die Nutzer ein Profil, was im Grunde total langweilig war, zumal man solche Profile auch in anderen Communities anlegen konnte. Seit 2008 gibt es die Pinwand-Einträge – und diese Pinwand bekommt jetzt in der dritten Phase eine Geschichte, was schon eine unglaubliche Entwicklung ist. Facebook ist eine Art soziales Betriebssystem. Für mich ist das wirklich Revolutionäre der Open Graph, also die Schnittstelle zwischen Applikationen und Facebook. Mit einer Applikation von Nike kann man zum Beispiel seine Jogging-Strecke aufzeichnen und dann bei Facebook posten. Ich nutze Facebook zum Beispiel schon länger für ein öffentliches Kajak-Tagebuch.

Datenschützer warnen davor, allzu viel Persönliches in der Timeline und im Ticker bei Facebook preiszugeben...

In Deutschland werden ständig Denkbarrieren aufgebaut, die Diskussion müsste aus einer ganz anderen Perspektive geführt werden. Wir sollten soziale Netzwerke vielmehr als Chance begreifen. Warum machen wir Deutschland nicht zu einem Internet-Standort?

Aber wenn man sein gesamtes Leben bei Facebook offenlegt und über den „Ticker“ andere Nutzer laufend über seine neuesten Aktivitäten informiert, bedeutet das doch das Ende der Privatsphäre.

Man muss doch auch die Chancen sehen. Die Menschen haben doch ein ganz natürliches Bedürfnis, sich auszutauschen, Hochzeitsfotos zu zeigen oder von ihren Reisen zu berichten. Und zum Lebensgefühl der jungen Generation gehört das Sharing und Streaming. Sie wollen Inhalte unbedingt mit anderen teilen, das ist ihnen fast noch wichtiger als die Inhalte zu besitzen. Bisher haben wir hierzulande aber noch keine Modelle gefunden, das abzubilden.

Werden andere soziale Netzwerke bald mit zusätzlichen Funktionen nachziehen?

Facebook ist auf jeden Fall eine Stufe weiter als andere und investiert jetzt vor allem in die Tiefenintegration, will also Mitglieder stärker an sich binden. Zunächst hat man auf Kommunikation und Spiele gesetzt, jetzt folgen Entertainment und Lifestyle. Damit kann man eine unglaublich große Zielgruppe erschießen, die Leute werden sich intensiver mit Facebook beschäftigen. Google Plus wird nachziehen. Es ist ja auch kein Zufall, dass Google einen Tag zuvor sein soziales Netzwerk für alle Internetnutzer geöffnet und neue Funktionen freigeschaltet hat.

In der vergangenen Woche haben erstmals 500 Millionen Menschen an einem Tag Facebook genutzt. Wird Facebook die Konkurrenz mit den jüngsten Neuerungen noch weiter aufsaugen?

Ich denke, es werden einige nationale Champions, die auch nationale Eigenheiten haben, bleiben. Der VZ-Gruppe ist es in Deutschland nicht gelungen, eine nationale Identität aufzubauen, sie ist deshalb gescheitert. Daneben wird es weiter Nischennetzwerke wie Xing und LinkedIn geben. Als Global Player sehe ich zurzeit nur Facebook und Google.

Finden Sie das besorgniserregend?

Nein, damit gibt es ja einen Wettbewerb. Der führt dazu, dass sich beide auf jeden Fall um Transparenz bemühen und dafür sorgen, dass die Mitglieder frei entscheiden können, was sie veröffentlichen wollen und was nicht.

Wird Facebook in den nächsten Jahren das weltgrößte soziale Netzwerk bleiben?

Das ist schwer zu sagen. Die Zeit der Drei-Jahres-Pläne ist längst vorbei, Facebook und Google sind hochagile Unternehmen. Warten wir erst mal ab, ob Anonymous tatsächlich wie angekündigt am 5. November Facebook hackt.