Thomas Ott, Ikone der Stuttgarter Schwulenbewegung Der Sex der Anderen

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Thomas Ott leitet seit mehr als 30 Jahren die Buchhandlung „Erlkönig“. Er ist ein Kronzeuge der Stuttgarter Schwulenbewegung, für die er sich starkmachte, als man Menschen wie ihm noch den Handschlag verweigerte.

Thomas Ott  auf dem  Plakat, mit dem er 1982 in die OB-Wahl gegen Manfred Rommel gezogen ist. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Thomas Ott auf dem Plakat, mit dem er 1982 in die OB-Wahl gegen Manfred Rommel gezogen ist. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Zwei Ereignisse haben sich tief ins Gedächtnis von Thomas Ott gegraben. Sie sind zu Fixpunkten seiner Lebensgeschichte geworden, die ihrerseits so markant ist, dass sie auch eine bisher an den Rand gedrängte Stadtgeschichte exemplarisch widerspiegeln kann. Neben der Oberbürgermeisterwahl von 1982, bei der Ott für die Stuttgarter Schwulengruppe gegen Manfred Rommel kandidierte, gehört zu diesen grellen Erinnerungen auch das Attentat von 1987, das er nur knapp überlebte: Ein Psychopath drang in seine Buchhandlung in der Bebelstraße ein und schlitzte ihm mit zahllosen Messerstichen den Bauch auf. Mehr als fünfzig Tage lag er im Koma, dem Tod näher als dem Leben.

Thjomas Ott heute Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

„Ein Grenzfall homophober Gewalt“, sagt der Buchhändler heute zu diesem schrecklichen Überfall. Und obwohl er fast dreißig Jahre danach noch immer unter den Folgen der schweren inneren Verletzungen leidet, die ihm damals zugefügt wurden, spricht er mit großer Gelassenheit über die Hintergründe der Tat. „Der Bursche war von seiner Freundin verlassen worden und musste sich seine Männlichkeit beweisen. Deshalb ging er auf Schwule los. Ein armer Verwirrter.“ Dass in seine Analyse jetzt sogar Mitleid einfließt, erstaunt insofern, als man das Attentat auch ganz anders beschreiben könnte: An jenem – ausgerechnet – Faschingsdienstag zeigte das Volk sein wahres Gesicht und schlug mit all seinen Ressentiments zu. Es nahm Rache an einem Mann, der seit der OB-Wahl zur Ikone der Stuttgarter Schwulenbewegung geworden war.

Ikone? Ott würde dieses Wort zur Selbstbeschreibung nie gebrauchen. „Ich bin Buchhändler“, sagt der 58-Jährige und weist mit ausladender Geste auf den mit hellem Holz eingerichteten Raum, in dem auf 85 Quadratmetern Bücher und Bildbände, CDs und DVDs auf Regalen stehen. Der „Erlkönig“ residiert seit 1998 in der Nesenbachstraße in der Stuttgarter City und ist eine gewöhnliche Buchhandlung mit außergewöhnlich gutem Angebot. Von James Baldwin reicht es über Max Goldt bis hin zu Wolfgang Herrndorf, von Thomas Mann über Virginia Woolf bis zu Stefan Zweig – und erst beim zweiten Blick bleibt man hier und da auch an Umschlägen hängen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: Nackte Männer recken ihre Männlichkeit, sofern sie nicht gerade mit anderem beschäftig sind, dem Betrachter entgegen.

Ott ist Buchhändler, gewiss, 32 Jahre schon, aber doch ein besonderer: Sein „Erlkönig“ firmiert als schwuler Buchladen und, nachdem der Stuttgarter Frauenbuchladen schließen musste, auch als explizit schwul-lesbischer Buchladen.

Überlebender des schwulen Buchladensterbens

Davon gibt es in Deutschland nicht mehr viele. Um genau zu sein: zwei von einstmals fünf. Der einzige noch existierende Bruder des „Erlkönigs“ heißt „Eisenherz“ und macht seine Geschäfte in Berlin. Die beiden sind die letzten Überlebenden des schwulen Buchladensterbens der vergangenen Jahre, zu dem es womöglich ja auch gekommen ist, weil man – ketzerischer Gedanke – in toleranteren Zeiten wie heute schwule Buchläden einfach nicht mehr braucht. Die Gesellschaft hat dazugelernt und grenzt männliche und weibliche Homosexuelle nicht mehr aus. Längst sind sie Lehrer und Politiker geworden, Oberbürgermeister und Minister, die am Kabinettstisch von Angela Merkel sitzen. Warum sollte man ihre Literatur noch ausgrenzen und in eigene Orte auslagern? Sind schwule Buchhandlungen nicht Opfer ihres Erfolgs geworden?

In der Tat sind die Läden in den siebziger, achtziger Jahren aus emanzipatorischen Gründen eröffnet worden. Wenn man das Ziel erreicht habe, brauche man sie nicht mehr, hieß es damals. Inzwischen sieht Ott das anders. Sein „Erlkönig“ sei kein Relikt aus finsteren Tagen, sondern schlichtweg eine moderne Fachbuchhandlung, nicht anders als ein Kinder- oder Frauenbuchladen auch. Sieht man vom „Eisenherz“ in Berlin ab, erkennt man in seinem schwulen Buchladen gar ein Stuttgarter Alleinstellungsmerkmal – wobei Ott heute mit einem erweiterten Schwulenbegriff arbeitet. Im Zeitalter der Debatten übers biologische und soziale Geschlecht biete sein Geschäft generell „Medien für sexuelle Minderheiten“ an, sagt er, real im Laden, virtuell im ebenfalls liebevoll gestalteten Online-Shop. Und gratis dazu: die ausgewiesene Expertise des Buchhändlers. Es gibt wohl kaum einen anderen Kollegen, der seine Kundschaft über den Stand der Gender-Dinge so kenntnisreich aufklären kann wie der Herr in der Nesenbachstraße.

Aufklärung im weitesten Sinne ist schon immer das Lebensthema des 1957 in Hannover geborenen, später mit seinen Eltern – alter anthroposophischer Adel – nach Stuttgart gezogenen Ott gewesen. Ein Akt der Aufklärung war auch schon die Eröffnung des „Erlkönigs“ an sich, 1983 gemeinsam mit dem ersten Stuttgarter Schwulencafé, dem von einem Kollektiv geführten „Jenseitz“. Das war in einer Zeit, als man auch in Stuttgart gegen Atomkraft und Aufrüstung protestierte, als man Häuser besetzte und neue Wohn- und Lebensformen ausprobierte. „Die Schwulenbewegung war Teil dieser sozialen Bewegungen. Sie alle hatten einen starken Sponti-Charakter und waren weniger an linker Theorie als an konkreter Aktion interessiert.“ Zu diesen praxisorientierten Unternehmungen des auch in der Landeshauptstadt hocherregten politischen Aufbruchs gehörte nun diese neue, für viele Heteros provokative Doppelgründung in der Bebelstraße. „Jenseitz“ und „Erlkönig“ lagen nebeneinander in einer Erdgeschosszeile und lebten auch finanziell in einer Symbiose: Die Überschüsse des Cafés deckten die Defizite des Buchladens.




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