Tiefgaragen statt Bunker Was ist aus dem Zivilschutz im Kreis Esslingen geworden?

Die Tiefgarage Beblinger Straße in Esslingen ist mit zusätzlichen Toranlagen für den Ernstfall versehen. Foto: Roberto Bulgrin

Wenige Tiefgaragen sollten den Menschen im Kreis Esslingen im Krisenfall Schutz bieten, doch die meisten Schutzräume haben die Zivilschutzbindung längst verloren. Und was wird aus dem unterirdischen Hilfskrankenhaus?

Region: Corinna Meinke (com)

Quietschend öffnet sich die Bunkertür. ABC-Duschen, leere OP-Säle, Krankenzimmer, Röntgenräume, eine Küche, ein Lager für OP-Gerätschaften, ein Süßwasserbecken und die großen Dieselgeneratoren liegen liegen hinter Schleusen verborgen unter dem Boden. Die Rede ist vom ehemaligen Behelfskrankenhaus, das 1965 in Neuffen als Kellergeschoss gebaut wurde und auf dem zwei der drei Realschulgebäude errichtet wurden.

 

Zum Einsatz kam das einzige Behelfskrankenhaus im Kreis nie, es diente im Kalten Krieg lediglich als Notreserve für den Krisenfall. 2021 wurde die in die Jahre gekommene Anlage vom Regierungspräsidium aus der Zivilschutzbindung entlassen. Aus dem Kalten Krieg stammen auch die drei öffentlichen Schutzräume für die Bevölkerung in Esslingen und Kirchheim, die als Tiefgaragen dienen.

Der Vertrag zur Rückabwicklung ist unterzeichnet

Lüftungsanlagen und Schutzraumtore sind in Esslingen seit Jahrzehnten nicht gewartet und außer Betrieb, erklärt der Esslinger Feuerwehrkommandant Oliver Knörzer, der im Gegensatz zur zuständigen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Bonn nicht zwei, sondern nur einen öffentlichen Esslinger Schutzraum kennt und zwar das zweite und dritte Geschoss der Tiefgarage in der Beblinger Straße. Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) habe längst den Vertrag zur Rückabwicklung des Schutzraumes unterschrieben. Das sei vor dem Ukrainekrieg geschehen.

Die Anlagen erfüllten ihren ursprünglichen Schutzzweck derzeit nicht mehr, heißt es auch aus Bonn. Nun hat der Krieg in Europa das lange wenig beachtete Thema Zivilschutz aus der Versenkung geholt. Jüngst habe der Bund entschieden, das Rückabwicklungskonzept für öffentliche Schutzräume zu überprüfen, erklärt die Bonner Bundesbehörde. Vorerst sollen keine öffentlichen Schutzräume mehr aus dem Zivilschutz fallen.

Der Zivilschutz funktioniert nicht mehr

Für Knörzer steht indessen fest: „Es gibt de facto keinen funktionierenden Zivilschutz mehr. Hier wurden nach 1990 bestehende Strukturen nicht weiterverfolgt.“ Und für den Selbstschutz der Bürger und Bürgerinnen stelle das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe lediglich Broschüren zur Verfügung. Neben der Tiefgarage Beblinger Straße gebe es rund zehn noch nicht verfüllte, aber auch nicht mehr betriebsfähige Bunkeranlagen. Formell sei kein einziger Schutzraum in der Stadt Esslingen mehr vorhanden.

Tatsächlich sind weder das frühere Behelfskrankenhaus in Neuffen, das die Kommune lieber als Lager nutzen möchte, noch die Tiefgaragen in Esslingen und Kirchheim im jetzigen Zustand einsatzbereit. Die funktionale Erhaltung wurde bereits im Jahr 2007 eingestellt, teilt die Bonner Bundesanstalt für Immobilienaufgaben mit.

Ursprünglich gab es einmal acht öffentliche Schutzräume im Kreis. Aus der Zivilschutzbindung bereits entlassen sind ehemalige Schutzräume in Filderstadt, Köngen, Nürtingen und Plochingen. Bei diesen Anlagen handelt es sich um Mehrzweckanlagen, gemeint sind Tiefgaragen und das besagte ehemalige Hilfskrankenhaus. Die zuletzt genannten sind infolge der Friedensdividende nach 1990 aus der Zivilschutzbindung entlassen worden. Denn mit dem Ende des Ost-West-Konflikts schien das Szenario eines konventionellen Krieges mit großflächigen Bombardierungen und dem Einsatz chemischer und nuklearer Waffen laut Bundesanstalt nicht mehr zeitgemäß. Und wie überall ist auch im Kreis Esslingen das Baukonzept des Bundes für Schutzräume daraufhin aufgegeben worden.

Die Kommunen blicken kritisch auf den Zivilschutz

„Die Kommunen haben den Rückzug des Bundes aus dem Zivilschutz immer kritisch gesehen. Jetzt wird dieser Fehler deutlich“, kommentiert der Plochinger Bürgermeister Frank Buß die Situation. Und sein Filderstadter Kollege Christoph Traub fordert „eine transparente Beurteilung der aktuellen Gefährdungslage“, es brauche beim Katastrophenschutz mehr Aufmerksamkeit auf Ebene des Landes Baden-Württemberg.

Ob in Neuffen die Umnutzung des ehemaligen Behelfskrankenhauses in die Zeit passt, sei keine leicht zu beantwortende Frage, meint unterdessen der Bürgermeister Matthias Bäcker. Es handele sich ja nicht um einen Schutzbunker für die Bevölkerung, sondern um ein Behelfskrankenhaus. Und ob dieses tatsächlich überhaupt noch zeitgemäß wäre, das müssten die ärztlichen Fachleute besser erklären können.

Schutz für alle gilt als utopisch

Und er ergänzt: „Von einem Stopp des Bundes zur Entwidmung von Schutzräumen ist offiziell bei uns bisher noch nichts angekommen.“ Fehlanzeige herrscht auch in der Kirchheimer Verwaltung. Informationen zu einem möglichen Rückabwicklungskonzept des Bundes sind auch dort bisher nicht eingegangen. Für Esslingen betont Oliver Knörzer, die Stadt sei nicht für die Schaffung von Schutzräumen zuständig. Wichtig sei aber die Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger in der Stadt. „Schutzräume bieten nur für eine begrenzte Personenzahl Schutz, eine Selektion nach schützenswertem Leben ist nicht vorgesehen.“ Schutzräume für 95 000 Personen zu schaffen sei im Esslinger Stadtgebiet allerdings utopisch.

Schutz bieten U-Bahnstationen, Tiefgaragen und massive Keller

Notklinik
 Das einzige ehemalige Behelfskrankenhaus im Kreis Esslingen unter der Realschule Neuffen umfasst knapp 6000 Quadratmeter Fläche. Die Ausstattung wurde in den 1990er-Jahren entfernt. Neben unterirdischen Räumen zählten auch Klassenzimmer dazu, die im Krisenfall als Krankenzimmer genutzt werden sollten.

Schutzräume
Signifikanten Schutz sogar vor dem Einsatz von Kriegswaffen bieten nach Angaben des Bundes solide Bauwerke wie U-Bahnstationen, Tiefgaragen und unterirdische Kellerräume in Massivbauweise. Noch einen deutlichen Schutz bieten Treppenhäuser oder innen liegende Räume in Massivbauweise, die zwar oberirdisch liegen, aber keine Öffnungen nach außen aufweisen wie zum Beispiel Fenster oder Glasfronten.

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