Reutlinger Tierarzt erhebt Forderungen „Die Tierhaltung ist in der Sackgasse“

Nicht auf die Menge, sondern auf die Rasse der Tiere, sollte es künftig ankommen, fordert Thomas Buckenmaier. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Im Tierschutz wird geltendes Recht seit Jahren nicht umgesetzt, beklagt der Reutlinger Amtstierarzt Thomas Buckenmaier. Das System schade den Bauern und den Tieren.

Reutlingen - Regeln für Tiertransporte laufen oft ins Leere, beklagt Thomas Buckenmaier, der Leiter des Veterinäramts des Landkreis Reutlingen. Er fordert eine Reform der Nutztierhaltung, die zum Schaden von Tieren und Bauern in der Sackgasse stecke.

 

Herr Buckenmaier, Tierschützer dokumentieren immer wieder, dass Tiertransporte unter grauenvollen Bedingungen ablaufen. Die Genehmigung der Transporte ist Sache der Amtsveterinäre. Dafür gibt es Vorschriften – beispielsweise für die Dauer der Fahrten oder dafür, wie die Tiere unterwegs versorgt werden müssen. Wie erklären Sie sich als Amtsveterinär, dass es trotzdem zu den Missständen bei Transporten kommt?

Seit 15 Jahren wird geltendes Recht nicht umgesetzt. Seit 2005 gibt es eine EU-Verordnung, die Planung und Ablauf eines Transports genau und im Sinne des Tierschutzes regelt. Aber die Verordnung läuft oft ins Leere.

Warum ist das so?

Einem Transporteur steht es frei, vor Gericht zu ziehen, wenn ein Veterinäramt seinen Transportantrag ablehnt. Es gibt Fälle, in denen er damit Erfolg hatte, womit die Amtsveterinäre in ein Dilemma kommen: Sie wollen das Recht durchsetzen, wissen aber zugleich, dass sie damit womöglich einen Rechtsstreit auslösen und verlieren.

Warum ist die Rechtspraxis so unklar?

Es fehlt dazu eine grundsätzliche gerichtliche Entscheidung in einem so genannten Hauptsache-Verfahren, das über die tierschutzrechtliche Voraussetzung für einen solchen Transport entscheidet. Bis es sie gibt, haben wir bei langen Tiertransporten wie bei den Transporten junger Kälber nach Spanien die diffuse Lage, von der ich sprach. Und die ist für den Tierschutz ein massives Problem.

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH) hatte sich mit den Kälbertransporten befasst. Dabei ging es um den Exportstopp für Kälbertransporte, den der Landkreis Ravensburg verhängt hatte. Schafft der VGH die Klarheit, die Sie sich wünschen?

Das hoffe ich sehr. Bisher hat der VGH kein Urteil in der Sache selbst gesprochen. Damit es dazu kommt, müssen die Landesregierung und der Kreis die nächsten Verfahrensschritte vor dem VGH einleiten. Ich wünsche mir, dass es bald dazu kommt. In anderen Fragen haben wir ja erlebt, dass uns eine Entscheidung eines Oberverwaltungsgerichts einen Riesenschritt weiterbringt.

Welche Fragen sind das?

Beim so genannten Kastenstand in der Sauenhaltung gab es ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts von Sachsen-Anhalt, das einen Anstoß für den Umbau der Sauenhaltung gegeben hat: Weg von den engen Kastenständen, die dem Tierschutz überhaupt nicht gerecht werden – und hin zur Gruppenhaltung, die den Sauen mehr Platz und ein artgerechteres Leben möglich macht.

Der Umbau dauert nur leider viele Jahre.

Aber immerhin ist er eingeleitet. Das ist schon was, wenn ich daran denke, was sonst noch an Riesen-Aufgaben in der Nutztierhaltung vor uns liegt.

Welche Aufgaben sind das?

Das System ist in einer Sackgasse gelandet. Inzwischen ist es zum Schaden der Tiere und vieler Bauern. Das kann ich aus vielen Gesprächen mit Milchbauern belegen.

Was läuft da schief?

Viele Milchbetriebe haben sich auf die Rassen eingelassen, die stark auf eine möglichst hohe Milchleistung der Kühe abstellen. Die Folge ist, dass die männlichen Kälber dieser Rassen ganz nah am Abfallprodukt sind. Sie haben im heutigen System wirtschaftlich keinen Wert. Sie bringen dem Landwirt nur einen Spottpreis von - je nach Marktlage - 50 Euro oder vielleicht auch nur 20 Euro.

Was lässt sich dagegen tun?

Wir müssen zurück zu den klassischen Zweinutzungsrassen, wie sie früher weit verbreitet waren. Bei ihnen setzen die Bullenkälber so viel Fleisch an, dass sich eine Mast lohnt. Dort gibt es durchaus Preise von 400 Euro.

Können die Landwirte im Südwesten den Umstieg schaffen? Es gibt ja viele kleine Betriebe mit höchstens 50 Tieren.

Die stecken häufig in einer schwierigen Lage. Sie liegen im Ortskern und würden den Stall gern modernisieren – und sei es nur, um die Kühe nicht mehr in Anbindehaltung zu haben. Viele wollen gar nicht mehr Tiere halten – die Förderprogramme jedoch sind daran gekoppelt, dass sie genau das tun. In Sonntagsreden wird gern beschworen, wie wichtig die bäuerliche Landwirtschaft sei. Tatsächlich bekommt sie wenig Unterstützung. Und das führt im Stall schon zu Problemen.

Warum?

Die klassischen Ställe sind auf kleinere Tiere ausgerichtet. Die Kühe aus den Milchrassen sind aber sehr groß. Sie sollen ja sehr viel Futter aufnehmen, um sehr viel Milch geben zu können. Die Tiere stehen somit in alten Ställen oft auf ungeeigneten Böden, manchmal stehen die Hinterbeine auf einem Rost. Das kann zu Klauenproblemen und Entzündungen führen. Und das wiederum zieht das Antibiotika-Problem nach sich.

Wie sieht das aus?

Es wird oft behauptet, dass es flächendeckend zu einem verschwenderischen Einsatz von Antibiotika komme. Das kann ich aus meiner Erfahrung so nicht bestätigen. Manchmal ist es eher so, dass ein Einsatz von Antibiotika unterbleibt, wo er aus tierärztlicher Sicht geboten wäre. Wenn ein Mäster von vielen verschiedenen Höfen Tiere bekommt, heißt das auch, dass viele verschiedene Krankheitserreger an einem Ort zusammenkommen. Da kann es geboten sein, antibiotisch zu behandeln.

Lässt sich das nicht vermeiden?

Nicht immer. Und um es so weit wie möglich zu vermeiden, braucht es ein anspruchsvolles und aufwändiges Management im Stall. Das kostet Geld – Geld, das jedoch kaum ein Bauer hat, wenn der Milch- und Kälberpreis im Keller sind. Spätestens jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz. Das heißt: Die Widersprüche im heutigen System sind enorm. Grund genug, dass wir endlich aus der Sackgasse herausfinden.

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