Tiere im Sommerloch „Man denkt irgendwie auch an Godzilla“

Jeden Sommer wird ein anderes Tier durchs mediale Dorf getrieben. Doch nicht nur Tiere sind ein beliebtes Sommerloch-Thema, wie die folgende Bilderstrecke zeigt. Foto: dpa 16 Bilder
Jeden Sommer wird ein anderes Tier durchs mediale Dorf getrieben. Doch nicht nur Tiere sind ein beliebtes Sommerloch-Thema, wie die folgende Bilderstrecke zeigt. Foto: dpa

Sie ist klein, gefährlich und wurde bisher nicht gesichtet: die Alligator-Schildkröte Lotti, die im Oggenrieder Weiher im Allgäu abgetaucht ist. Eine perfekte Kombination für ein Sommerlochtier, findet der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg.

Deutschland - Wenn die Sonne am höchsten steht, besetzen sie plötzlich die Schlagzeilen, die Yvonnes, Brunos oder Sammys, wie die Medien die entlaufenen Kühe, marodierenden Braunbären oder ausgesetzten Alligatoren taufen. Dieser Tage geistert das Phantom einer bissigen Schnappschildkröte durch den Boulevard. Warum faszinieren uns diese Sommerloch-Nessies so? Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg weiß Rat. Als Professor für die evolutionäre Psychologie der Unterhaltung vertritt er die These: „Medien versteht man nur, wenn man versteht, dass der Mensch ein unbehaarter Affe ist.“

Herr Schwab, der Medienliebling des Sommerlochs 2013 ist eine bissige Alligator-Schildkröte namens Lotti. Wie ist es möglich, dass ein 45 Zentimeter großes Reptil die Republik in Atem hält?
Erstens liegt das natürlich an der Saure-Gurken-Zeit. Und zweitens hat diese Nachricht den Vorteil, dass sie eine Geschichte erzählt. Eine Schildkröte taucht auf. Ein Kind wird verletzt. Die Jagd beginnt. Erste Experten melden sich zu Wort. Man könnte darüber fast einen Spielfilm drehen ...
... na ja, sagen wir: eine tierische Telenovela.
In jedem Fall ist es insofern günstig, als man die Schnipsel mehrfach verwenden kann. Es ist eine Geschichte, die über Tage, wenn nicht sogar über Wochen funktioniert.
Das Sommerloch macht aus der Mücke einen Elefanten?
Könnte man so sagen. In vielen Teilen erfüllt Lottis Geschichte die Kriterien für eine Nachricht. Dass ein Kind gebissen wurde, ist zum Beispiel relevant. Oder dass die Schildkröte so bedrohlich aussieht.
Dabei ist sie nur 45 Zentimeter groß. Auf den Fotos wirkt sie riesenhaft.
Stimmt, man denkt irgendwie auch an Godzilla. Diese Assoziation ist ein Element aus fiktionalen Geschichten und daher sehr unterhaltsam.
Dabei ist die Nachrichtenlage im Augenblick gar nicht so mau. Der Bundestagswahlkampf zieht gerade an, die Kanzlerin hat sich längst aus dem Sommerloch gerobbt. Was hat denn Lotti, was Angela Merkel nicht hat?
Oje, freche Frage. Bei Lotti wissen wir gar nicht, ob sie überhaupt existiert. Sie ist ein Mysterium. Das Ungeheuer von Loch Ness im Kleinen.
Ist das ein Vorteil?
Ja, über Angela Merkel weiß man zwar nicht alles, aber eine ganze Menge. Das macht sie fast schon wieder langweilig.
Muss Lotti nicht als PR-Gag herhalten, um den Tourismus im Allgäu anzukurbeln?
Nein, ein Beispiel für klassisches Agenda-Setting ist diese Geschichte nicht. Kein Werbestratege käme auf die Idee, sich eine Schildkröte auszudenken, um damit den Katastrophentourismus anzukurbeln. Interessenverbände haben sich erst im nachhinein eingeklinkt, um über das Thema Aufmerksamkeit zu bekommen.



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