Tiere in Feld und Weinberg Der kleine grüne Drache ist ganz friedlich

Von Michael Eick 

Die Zauneidechse lauert in Trockenmauern, unter Hecken und an Zäunen. Auch in den Weinbergen rund um den Kappelberg ist sie gar nicht so selten. Dennoch genießt sie höchsten Schutz – und ist Reptil des Jahres.

In der Paarungszeit leuchten die männlichen Zauneidechsen besonders smaragdgrün. Foto: Michael Eick
In der Paarungszeit leuchten die männlichen Zauneidechsen besonders smaragdgrün. Foto: Michael Eick

Fellbach - Aus der Nähe betrachtet sieht sie aus wie ein Miniatur-Drache. Wäre sie einige Meter größer, würde jeder in Panik davonrennen oder sich ganz vorsichtig in Sicherheit bringen. Aber in Wahrheit sind die Verhältnisse beruhigend: Die kleinen Echsen bringen es auf maximal 20 Zentimeter Gesamtlänge. Kein Grund also, die Flucht zu ergreifen – im Gegenteil. Die hübschen Tiere laden vielmehr dazu ein, sich mit ihrer meist ziemlich bedrohten Verwandtschaft näher zu beschäftigen.

Jetzt im Mai zur Paarungszeit leuchten die Männchen besonders smaragdgrün

Die Männchen sind meist grellgrün an Kopf und Seiten gefärbt, weshalb sie zur Gattung der Smaragdeidechsen zählen. Auf dem Rücken tragen sie ein bräunliches Muster mit zwei breiten hellen Längsstreifen, einem angedeuteten schmalen Band in der Mitte und einigen quer dazu verlaufenden dunkelbraunen Querstegen. Das ganze erinnert ein bisschen an eine Leiter und findet sich fast genau gleich bei den Weibchen. Die haben aber eine braune Grundfärbung und weisen keine Grüntöne auf.

Jetzt im Mai zur Paarungszeit leuchten die Männchen besonders smaragdgrün. Sie werben um die Gunst der Weibchen und liegen manchmal stundenlang neben diesen in der Sonne. Oft bleiben sie über viele Wochen treu an der Seite ihrer Partnerin. Wechselt diese zu einem anderen Sonnenplatz, folgt das Männchen ihr dabei auf Schritt und Tritt.

Die Plätze, an denen sie sich sonnen, sind zusammen mit den Verstecken die Aktivitätszentren der Zauneidechsen (Lacerta agilis). Sie verbringen dort – manchmal mit weiteren Artgenossen – die meiste Zeit des Tages und gehen von hier auf Jagd oder auf die Suche nach Partnern. Die Eidechsen sind erstaunlich ortstreu, das zeigen Studien. Die meisten Individuen wurden nicht weiter als 20 Meter vom ersten Fundort wiederentdeckt.

Leider beginnt die einst überall häufige Art sich aus der Landschaft zurückziehen

Man geht davon aus, dass die Zauneidechsen wohl nicht weiter als 30 Meter von dem Ort, an dem sie aus dem Ei geschlüpft sind, leben. Das kann man durchaus bodenständig und heimatverbunden nennen. Je nachdem wie gut der Lebensraum ausgestattet ist, kann der Aktionsbereich sogar kleiner sein als die Fläche in einem 20-Meter-Radius. Neu gestaltete Lebensraumbereiche werden daher unter Umständen nur sehr langsam angenommen und besiedelt.

Dabei kommt die Zauneidechse als Kulturfolger mit einem riesigen Verbreitungsgebiet – vom Atlantik bis an den Baikalsee – in vielen offenen Habitaten vor: Wald- und Feldrändern mit den typischen Saum- und Übergangsstrukturen, in naturnahen Gärten, aber auch an Feldwegen oder Bahngleisen. Und natürlich im Bereich von Zäunen, wie der deutsche Name treffend ausdrückt.

Leider beginnt die einst überall häufige Art sich aus der Landschaft zurückziehen. Keiner Wunder, wurde diese landauf, landab immer mehr ausgeräumt. Besonders in Norddeutschland ist die Zauneidechse mittlerweile bedroht. Überall gilt sie als streng geschützt und wurde dieses Jahr sogar zum „Reptil des Jahres“ gekürt. Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde vergibt zusammen mit ihren benachbarten Partnerorganisationen diesen Titel, um auf die Schutzbedürftigkeit aufmerksam zu machen. Häufig gehen wertvolle Lebensräume für Zauneidechsen durch fehlende Offenhaltung verloren, sie verbuschen oder verwalden nach und nach.

Wenn man sich ganz langsam und vorsichtig annähert, huschen die Tiere nicht gleich davon

Andererseits kann aber die Pflege selbst zum Problem für die Kriechtiere werden, denn sie reagieren sehr empfindlich auf Beweidung, die jedoch häufig zur Landschaftspflege eingesetzt wird. Ein echtes Dilemma im Naturschutz. Auch bei größeren Bauvorhaben sind Zauneidechsen meist die Leidtragenden. Kostenintensive Aktionen zur Umsiedlung, bei denen man die Tiere einfängt, werden von der Öffentlichkeit sehr kritisch gesehen. Besser wäre immer die Vermeidung solcher Eingriff sowie der Erhalt und die Vernetzung vorhandener Lebensräume.

Zum Glück kann man in den Weinbergen des Kappelbergs – vor allem aber in den Randbereichen mit Gärten, Büschen und kleinen Trockenmauern – den schönen Eidechsen noch überall begegnen. Aber auch in der ganz freien Landschaft auf dem Feld kann man diesen filigranen Reptilien ausnahmsweise mal begegnen. In den Blühbrachen machen es sich die Zauneidechsen manchmal in einem ehemaligen Mäuseloch bequem. Wenn man sich ganz langsam und vorsichtig annähert, huschen die Tiere nicht gleich davon, sondern lassen sich aus nächster Nähe betrachten. Manchmal, so scheint es fast, werden sie neugierig und schlecken sogar auch mal einen Finger ab oder krabbeln dem geduldigen Beobachter über die Füße – und das ganz ohne Scheu. Zum Glück sind die Drachen mit dem wissenschaftlichen Namen Lacerta agilis sehr friedfertig und klein.

Steckbrief

Die Zauneidechse ist stämmig. Sie hat relativ kurze Beine, einen kräftigen Kopf sowie eine braune Oberseite mit drei mehr oder minder aufgelösten weißen Linien auf dem Rücken. Die weißen Elemente werden oft von dunklen Flecken eingefasst oder begleitet. Die Zauneidechsen sind in Deutschland meist circa 19 Zentimeter groß und wiegen rund 20 Gramm.

Die Zauneidechsen ernähren sich räuberisch – insbesondere von Gliedertieren wie Insekten. Auf ihrem Speiseplan stehen am liebsten Heuschrecken, Käfer, Raupen und Larven. Aber auch Spinnen und Regenwürmer fressen sie gerne.

Zu den natürlichen Feinden zählen Mauswiesel und Hermelin. Aber auch Mäuse und Wildschweine, Greifvögel, Eulen und Schlingnatter gehören dazu. Es kann vorkommen, dass die Echsen von einem Beutegreifer geschnappt werden. Für solche Fälle haben sie einen Trumpf im Ärmel, besser gesagt im Schwanz. Dessen Spitze können sie abstoßen, sodass der Feind oft nur mit diesem wenig nahrhaften Happen ziemlich leer ausgeht, während sich das Reptil in Sicherheit bringen kann.




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