Tiere in Feld und Weinberg Zwitscherer auf Zeit am Wegesrand

Von Michael Eick 

Die Dorngrasmücke (Sylvia communis) brütet in fast jedem dornigen Gebüsch bei uns in der Gegend. Auch sonst führt einer der häufigsten Vögel unserer offenen Landschaft ein eher verstecktes Leben.

Manchmal startet die Dorngrasmücke zu einem kurzen Singflug. Foto: Michael Eick
Manchmal startet die Dorngrasmücke zu einem kurzen Singflug. Foto: Michael Eick

Fellbach - So langsam ist die Brutsaison bei den allermeisten Vogelarten vorbei, die allerersten Vögel haben unsere Gefilde sogar bereits verlassen. Viele Arten machen sich jetzt so langsam bereit und packen gewissermaßen die Koffer für ihre Reise nach Afrika. Doch bei manchen dieser Kandidaten hat man das Sommerhalbjahr kaum bemerkt, dass sie überhaupt da sind. Die Dorngrasmücke ist ein solcher Kandidat. Dorn-Gras-wie bitte?!

Als Lebensraum besiedelt die Dorngrasmücke offene Landschaften

Zunächst zu diesem seltsamen Namen, denn es handelt sich ja um einen Vogel und nicht um ein Insekt. Der Name „Grasmücke“ leitet sich aus dem Althochdeutschen ab und hat gar nichts mit „Gras“ und auch nichts mit „Mücke“ zu tun. Die Trennung liegt tatsächlich woanders im Wort: „Gra“ bedeutet ganz einfach grau und „smucka“ heißt so viel wie schlüpfen, zusammen also etwa „Grauschlüpfer“. Die Mitglieder dieser Vogelfamilie sind tatsächlich alle eher unscheinbar gräulich-braun gefärbt, wie etwa die bekanntere Mönchsgrasmücke. Und sie schlüpfen meist ziemlich unbemerkt durchs Gebüsch.

Und der Hinweis auf das Dornige im Namen ist durchaus zutreffend. Als Lebensraum besiedelt die Dorngrasmücke offene Landschaften. Dort brütet sie immer bevorzugt in dornigen Feldhecken mit Schlehen oder Brombeeren. So findet man die Dorngrasmücke überall auf dem Schmidener Feld, wo es kleine Gebüsche und Heckenstreifen gibt. Sogar ein einzelner Strauch genügt ihr manchmal als Nistplatz. Auch in den Baumschulflächen und Christbaumkulturen wird gebrütet oder in den mehrjährigen Blühbrachen, wenn diese geeignete Strukturen – etwa dichte Stellen mit Wilder Karde oder Disteln – aufweisen.

Außerdem hat die Dorngrasmücke noch eine spezielle Gesangseinlage auf Lager

Rund um den Kappelberg findet man ebenfalls einige Brutreviere, überall dort, wo dornige Gebüsche am Rand der Reben stehen, etwa im Naturdenkmal Pfeiferhalde. Auch entlang der Bahnlinie oder an Straßendämmen leben einige Dorngrasmücken im Gebüsch.

Nur zu Gesicht bekommt man sie im dichten Gebüsch eher selten. Aber ab und zu lässt sie sich blicken, dann nämlich, wenn sie ihren Gesang ertönen lässt. Das Männchen setzt sich dazu meist auf die Spitze eines Busches und zwitschert ein hastiges Liedchen, das ganz typisch für eine Grasmücke klingt und sich kaum in Buchstaben wiedergeben lässt. Es gibt jedoch einen Merksatz für den Gesang, der die schnelle Strophe in menschliche Sprache kleidet und nach dem man das Gezwitscher recht gut zuordnen kann: „Mach ich doch! Hab ich doch gesagt!“. Außerdem hat die Dorngrasmücke noch eine spezielle Gesangseinlage auf Lager. Manchmal startet sie blitzartig zu einem kurzen Singflug, dreht zwitschernd eine Schleife in der Luft und verschwindet wieder irgendwo im Gebüsch.

Die Dorngrasmücke zählt zu den Langstreckenziehern

Das ist also so ziemlich die einzige Gelegenheit, eine Dorngrasmücke zu beobachten. Dieser Vogel brütet versteckt im dichten Gestrüpp und legt sein napfförmiges, etwa handtellergroßes Nest meist knapp über dem Boden an. Es wird aus Grashalmen und feinen Pflanzenstängeln, manchmal auch zusammen mit Haaren kunstvoll geflochten. Das Gelege besteht aus vier bis fünf Eiern, die für kaum zwei Wochen von beiden Eltern abwechselnd bebrütet werden. Die Jungvögel verlassen das Nest nach bereits nicht mal zwei Wochen und werden dann von den Altvögeln noch eine Zeit lang gefüttert, bis sie ganz selbstständig sind.

Und dann kommt ja auch schon die große Reise. Die Dorngrasmücke zählt zu den Langstreckenziehern. Die Jungen, die das Ziel noch gar nicht kennen, steuern das Zielgebiet im tropischen Afrika unfehlbar mithilfe eines eingebauten Navigationssystems an, das unter anderem einen Magnetkompass beinhaltet. Diese Sinnesleistung, die es auch bei vielen anderen Zugvögeln gibt, wurde intensiv an der Dorngrasmücke erforscht. Allerdings kehren längst nicht alle Zugvögel auch wieder zurück. Das liegt aber nicht daran, dass sie sich verflogen hätten, sondern liegt am Überwinterungsgebiet.

Inzwischen haben die Bestände grundsätzlich wieder zugenommen

Eigentlich wäre die Dorngrasmücke ein überaus häufiger Vogel, der lateinische Beiname „communis“, was so viel heißt wie „verbreitet, überall vorkommend“, deutet darauf hin. Zumindest war diese Art zur Zeit der Namensgebung Ende des 18. Jahrhunderts einmal außerordentlich häufig. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts blieb das auch so. Doch dann gab es einen massiven Einbruch: In der Saison 1969 konnten kaum ins Brutgebiet zurückkehrende Dorngrasmücken in Europa festgestellt werden. Von diesem Rückgang hat sich die Population des Langstreckenziehers bis heute noch immer nicht vollständig erholt.

Inzwischen haben die Bestände grundsätzlich wieder zugenommen, doch die Dorngrasmücke kämpft mit einem Lebensraumverlust an zwei Fronten: Zerstörung von Bruthabitaten im Brutgebiet und fortschreitende Desertifikation im Überwinterungsgebiet. Damit teilt sie das Schicksal vieler Zugvögel, die sich bald auf einen Weg ins Ungewisse machen werden. Es bleibt zu hoffen, dass viele ihre lange Reise unbeschadet überstehen und im kommenden Jahr wieder für Vogelgezwitscher auf dem Feld sorgen – auch wenn der Gesang nur kurz und unscheinbar ist.

Steckbrief

Die Dorngrasmücke ist zwischen 13 und 15 Zentimeter lang, also etwa so groß wie ein Spatz. Sie hat einen vergleichsweise kräftigen Körperbau und einen langen Schwanz sowie einen für einen Insektenfresser relativ kräftigen, kurzen Schnabel. Die stabilen Beine sind hellgrau bis hellbraun.

Der Rücken und Schwanz sind schmutzig graubraun gefärbt, der Mantel mit Schirmfedern und Oberflügel dagegen rötlich braun mit schwarzen Längsstricheln, die Unterseite ist hell beige.

Ihr Gesang ist ein kurzes und hastig vorgetragenes Lied, der Ruf klingt nasal „wähd wähd wähd“ – wie von einer kaputten Alarmanlage.

Auf dem Speisezettel stehen fast ausschließlich Insekten, Spinnen und andere kleine Wirbellose. Vor Beginn des Wegzuges kann es sein, dass sie Beeren aus dem Gebüsch zupft, um ein paar Gramm zuzulegen




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