Tierische Einwanderer Die Nilgans geht auch gern ins Freibad

Anpassungsfähig: Die Flexibilität ist das Erfolgsrezept der Nilgans. Foto: picture alliance / Lino Mirgeler

Die einst aus der Wilhelma entflohene Kolonie der Gelbstreifenamazonen ist in Fellbach bekannt. Immer mehr ins Auge fällt mit Futtertouren über die Felder der jetzt die aus Ostafrika eingewanderte Nilgans.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Fellbach - Beim Naturschutz geht es oft um den drohenden Verlust heimischer Tierarten. Weniger im Bewusstsein der Menschen ist, dass es in Flora und Fauna immer wieder auch Einwanderer gibt, denen es hierzulande so gut gefällt, dass sie bleiben. Der Kartoffelkäfer ist so ein Fall, der ebenfalls aus Nordamerika eingeschleppte Waschbär ebenso, auch die unter Bienenzüchtern gefürchtete Varroa-Milbe oder auch die bei Gartenfreunden nicht sonderlich beliebte Spanische Wegschnecke gehören in die Kategorie der einst fremdländischen, hier längst aber heimisch gewordenen Tierarten. Und wer kennt in Fellbach die einst aus der Wilhelma getürmte Kolonie der Gelbscheitelamazonen nicht, die sich aus den Cannstatter Parks gern mal zu einem kleinen Ausflug an den Kappelberg aufmacht?

 

Vom Kartoffelkäfer bis zum Buchsbaumzünsler

Auffälliger als Buchsbaumzünsler, Laubholzbock und Bisamratte ist allerdings eine eingewanderte Tierart, die sich mit Vorliebe laut schnatternd auf den Feldern rund um Fellbach breitmacht. Zwischen Oeffingen und Hegnach werden die wuchtigen Vögel regelmäßig gesichtet, zwischen Schmiden und Hofen ebenso, mehrfach hat ein Leser die Tiere auch auf abgeernteten Rucola- Feldern zwischen Fellbach und dem Lindle ertappt. Bei seinen Spaziergängen wähnte er die Vogelschwärme schon fast als Erfolg städtischer Naturschutzarbeit.

„Handelt es sich bei den Tieren etwa um Rebhühner?“, fragt er leicht augenzwinkernd in einer Mail an die Redaktion. Man könne fast den Eindruck haben, dass es sich um zahme Tiere handle. Wohlfühlen tun sich die Vögel in Fellbach sichtlich. Doch um den Rebhuhnbestand muss man sich weiterhin Sorgen machen, mit dem inoffiziellen Fellbacher Wappentier hat der von Wagner beobachtete Schwarm nichts zu tun. Bei den übers Feld watschelnden Tieren handelt es sich nämlich um einen auch unterm Kappelberg immer häufiger auftauchenden Schwarm von Nilgänsen. Die durch Anpassungsfähigkeit auch an urbane Räume gekennzeichnete Vogelart kommt aus Ostafrika, war auf dem Balkan weit verbreitet und hat in den vergangenen drei Jahrzehnten auch Stück um Stück die Bundesrepublik erobert.

Die Nilgans hat nichts mit dem Fellbacher Wappenvogel zu tun

1986 wurde sie erstmals am Niederrhein beobachtet, längst hat sich der Bestand ausgebreitet. Der aus Fellbach stammende Biologielehrer Michael Eick, als Vogelkundler auch durch sein ehrenamtliches Engagement im Naturschutzbund ein Begriff, sieht die Nilgans seit gut zehn Jahren in und um Stuttgart auf dem Vormarsch. „Auf den Feldern um Fellbach tummeln sich zeitweise sogar mehr als 50 Exemplare. Der größte Schwarm, den ich bei uns bisher gezählt habe, umfasste 86 Tiere“, gibt der Ornithologe zu Protokoll.

Ein attraktiver Standort ist sicher der Max-Eyth-See in Stuttgart, die umliegenden Landschaften werden von den vorwiegend auf pflanzliche Nahrung setzenden Vögeln für Futtertouren genutzt. Die Nilgans zeichnet sich durch eine variable Brutzeit und hohe Flexibilität bei der Wahl der Nistplätze aus. Das macht sie konkurrenzfähig im Ringen mit Entenarten um die Vorherrschaft.

Ob die Nilgans ein Problemfall ist, wird unter Biologen noch diskutiert

Ob die Nilgans als Einwanderer – die Fachwelt spricht von Neozoon – für die heimischen Tierarten nun ein Problem darstellt oder nicht, darüber streiten sich die Gelehrten noch. Sicher ist, dass sich die Nilgans nicht zu schade ist, auch ungewohnte Gewässertypen zu besiedeln. Vor Jahren sorgte eine große Schar von Nilgänsen bekanntlich im Fellbacher F3 für Verdruss, weil sie regelmäßig morgens und abends das Freibad heimsuchte. Mehr noch als über die entgangenen Eintrittsgelder der einfach über den Zaun fliegenden Badegäste ärgerten sich Augenzeugen seinerzeit über die im Becken treibenden tierischen Hinterlassenschaften der unerschrockenen Nilgans-Schar.

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