Tierpflegenest in Backnang Ein Heim für geschundene Kreaturen

Petra Conrad und zwei ihrer Schützline: Ikarus (links) und Sida. Foto: Gottfried Stoppel
Petra Conrad und zwei ihrer Schützline: Ikarus (links) und Sida. Foto: Gottfried Stoppel

Petra Conrad lebt mit mehr als 30 Hunden in einem großen Rudel zusammen. Seit 30 Jahren betreibt sie das private Tierpflegenest, das wegen Schäden nach einer nervenaufreibenden Bahnbaustelle in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Backnang - Sida ist die erste, die den Neuankömmling begutachtet. Auf zweieinhalb Beinen humpelt sie heran, schnüffelt und lässt sich ergeben den Kopf tätscheln. Ein Hinterlauf des braunen Mischlings ist mit einem dicken Verband umwickelt, der andere ist gar nicht mehr vorhanden. „Wir haben sie vor sechs Jahren von einem Tierheim aus Thessaloniki bekommen. Dort war sie völlig zusammengeschlagen abgelegt worden. Ein Bein musste amputiert werden. Doch jetzt ist sie hier der King“, sagt Petra Conrad.

Mit 34 Hunden unter einem Dach

Die 54-Jährige lebt am östlichen Stadtrand von Backnang mit einer stattlichen Schar Hunde zusammen. 34 sind es zurzeit. Fast alle können sich auf dem umzäunten Grundstück frei bewegen. Petra Conrad hat das ehemalige Bahnwärterhäuschen nebst lang gezogenem Garten in unmittelbarer Nähe der Murrbahngleise einst von ihren Großeltern geerbt. Seit rund 30 Jahren betreibt sie dort das „Tierpflegenest“, ein privates Asyl für geschundene oder anderswo nicht mehr willkommene Kreaturen.

Eigentlich war sie dort hingezogen, um sich und ihrem eigenen Hund ein lauschiges Heim mitten im Grünen einzurichten. Doch eines Tages, als sie vom Einkaufen nach Hause kam, war ihr treuer Begleiter nicht mehr da. Sie fand ihn tot am Rande der Bahngleise. Ein Tierarzt stellte später fest, dass ihm der Schädel eingeschlagen worden war, die genauen Umstände kamen nie ans Licht. Petra Conrad wollte das Tier nicht einfach durch ein neues ersetzen. Sie engagierte sich stattdessen fortan im Tierheim in Großerlach.

„Unglaubliches Gespür für Hunde“

„Sie hat ein unglaubliches Gespür für die Hunde“, sagt Inge Appenzeller. Die 81-Jährige ist die langjährigste ehrenamtliche Unterstützerin des Tierpflegenests und sie erinnert sich noch gut, wie damals alles angefangen hatte. „Im Tierheim in Großerlach, gab es einen Schäferhund, Wolf hieß er nicht von ungefähr, der hat niemanden an sich herangelassen.“ Den einzigen Kontakt, den das Tier zugelassen habe, sei gewesen, ihm schnell den Futternapf in den Käfig hineinzuschieben. „Die Petra hat ihn zu sich genommen, und er wurde so zutraulich, wie es sich niemand hätte vorstellen können. Bei dem Zug zur 750-Jahr-Feier in Backnang ist er mit vorausmarschiert, zusammen mit einem Kind.“

Damals habe sich nicht nur schnell herumgesprochen, dass Petra Conrad ein Händchen für Hunde hat, sondern auch, dass sie sich vermeintlich hoffnungslosen Fällen nicht verschließe. Und so seien es mit der Zeit immer mehr geworden.

„Ein 24-Stunden-Knochenjob“

Statt in Einzelkäfigen leben fast alle ihrer Schützlinge frei im großen Rudel. Viele der früheren Straßenhunde liebten es, im Freien zu übernachten, sagt Petra Conrad. Mit einem Gutteil teilt sie buchstäblich Haus und Bett. „Es ist natürlich ein 24-Stunden-Knochenjob“, sagt Bianka Hessel. Sie ist die einzige im ansonsten höchst engagierten Unterstützerkreis, die Petra Conrad in deren wenigen Abwesenheitszeiten vertritt – wie jetzt, da sie sich einer Untersuchung in einer Klinik unterziehen muss. Bianka Hessel nimmt sich dafür eigens Urlaub – und weiß schon jetzt, dass sie danach absolut urlaubsreif ist. Auch die anderen Ehrenamtlichen wissen den Einsatz für die Tiere zu schätzen. „Es ist unglaublich, was die Petra leistet“, sagt etwa Silke Flögel. „Sie verzichtet auf alles – ein Mann zum Beispiel wird das hier niemals mitmachen.“

„Ich habe eine ganz tolle Clique“, gibt Petra Conrad das Lob zurück. „Ich kann auf die Unterstützung so vieler Helfer zurückgreifen.“ Letztlich aber ist sie es, die verlässlich rund um die Uhr verfügbar sein muss.

Lebensfreude auf zweieinhalb Beinen

Aber wird das alles den Tieren denn überhaupt gerecht? Wäre es nicht humaner, manch geschundener Kreatur wie etwa Sida den weiteren Kampf mit dem Leben zu ersparen? „Ich habe früher auch so gedacht, sagt Hans-Herbert Flögel, der aktuelle Vorsitzende des Fördervereins. „Seit ich aber gesehen habe, wie die Sida beim Gassigehen mit ihrem Rollstuhl voller Lebensfreude enthusiastisch hinter den anderen Hunden herflitzt, bin ich von dieser Ansicht absolut geheilt.“




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