Tierschutz im Kreis Böblingen Dem Taubenhospiz droht das Ende

Von  

Der Vorstand des Tierschutzvereins zerfällt – wieder einmal. Die stellvertretende Vorsitzende und die Schatzmeisterin sind zurückgetreten. Dem Zwist fällt ein bundesweites Projekt zur Rettung verkrüppelter Tauben zum Opfer.

Britta Leins rettet schwer verletzte Tauben. Foto: factum//Simon Granville
Britta Leins rettet schwer verletzte Tauben. Foto: factum//Simon Granville

Böblingen - Die Schlagzeile lässt sich wiederverwenden: „Schon wieder Zoff im Tierschutzverein“. Zuletzt wurde sie im Jahr 2014 gedruckt. Gemeint ist der Tierschutzverein Böblingen, aus dem es – zwischenzeitlich – gute Nachrichten zu geben schien. Mit neuem Betriebs- und Finanzkonzept und neuen Köpfen im Vorstand schien der Verein auf dem Weg der Besserung. Nun herrscht stattdessen eben wieder Zoff. „Leider, das ist schade, wirklich sehr schade“, sagt Anna Faix.

Sie zählt zu jenen neuen Köpfen, die den Verein in eine bessere Zukunft führen wollten, der zehn Jahre lang von Streit, Abwahlen, Rücktritten und Finanznot gebeutelt war. Faix ist zurückgetreten, genauso wie Britta Leins. Faix war stellvertretende Vorsitzende, Leins Schatzmeisterin. Ihre Nachfolgerinnen sind am 15. November bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gewählt worden. Die Gründe für ihren Rücktritt erklären die beiden nahezu wortgleich: Im Mai war die Liste mit Sparmaßnahmen beschlossen worden, außerdem die zu künftigen Schwerpunkten der Vereinsarbeit. Beides sei missachtet worden. „Das war nicht mehr tragbar“, sagt Leins, „ich war schließlich Schatzmeisterin.“

Die Taubenschützer trifft ein erster Beschluss den neuen Vorstands hart

Sie trifft ein erster Beschluss des neuen Vorstands hart. Leins Leidenschaft ist die Taubenrettung, dafür hat sie den Verein „Straßentaube und Stadtleben“ gegründet. Mit ihrem jüngsten Projekt hatte sie es sogar bundesweit zu einiger Bekanntheit gebracht: ein Taubenhospiz auf dem Vereinsgelände, in dem Vögel ihre Gnadenkörner bekommen, die wegen unheilbarer Verletzungen in Freiheit nicht überleben könnten. Die „Bild“-Zeitung hatte eine Auswahl von sieben der Tiere gar namentlich und mit Kurzlebenslauf ihrer Leserschaft bekannt gemacht.

Eine Woche nach der Versammlung bekam Leins vom Tierschutzverein eine Kündigung. Bis Ende Februar möge sie den Hospizverschlag abbauen, wegen „der Neuausrichtung des Vereins“. Nun sucht sie nach einem neuen Platz, an dem die rund 50 Tiere untergebracht werden können – einigermaßen hektisch, zudem enttäuscht. Der Grund für die Kündigung könne „nur im Zwischenmenschlichen liegen“, meint die Taubenretterin.

Der Verein begründet die Kündigung mit Tierschutz

Elke Hudler begründet die Kündigung ganz anders. Der Taubenschlag „ist nicht tierschutzgerecht“, sagt die neue stellvertretende Vorsitzende, „da können andere Tiere rein wie Mäuse“. Der Streit um die Nager in der Voliere währt schon eine Weile. Tatsächlich wuseln Mäuse über das gesamte Gelände des Vereinstierheims, um Fressbares aus Näpfen zu erbeuten. Der Kündigungstermin sei dehnbar, sagt Hudler, „die Tauben können bleiben, bis ein neuer Platz gefunden ist“. Im Übrigen gelte das Betriebskonzept des Vereins unverändert. Zu den Finanzen will sie nur sagen: „Es ist nicht so, dass wir kurz vor dem Konkurs stehen.“

Andernfalls ließen sich weitere Schlagzeilen wiederverwerten. „Das Geld des Tierheims reicht nur noch bis Januar“ aus dem Jahr 2008 oder „Tierheim: Kreis will Insolvenzantrag stellen“ von 2015. In ebendiesem Jahr entschied der Landkreis, sich von dem Verein zu trennen. Beide hatten unter dem Dach einer gemeinnützigen GmbH das Tierheim zusammen betrieben. Statt die Insolvenz zu beantragen, beschloss der Kreistag den Bau eines neuen Tierheims in der Nachbarschaft. Seit März wird dort das Kreistierheim ohne Vereinsbeteiligung betrieben. Der Böblinger Tierschutzverein ist seitdem der einzige in ganz Deutschland, der ohne öffentliche Zuschüsse auskommen muss.

Anfangs waren die Baukosten für das kreiseigene Tierheim – offenbar überaus optimistisch – auf gut eine Million Euro geschätzt worden. 5,2 Millionen Euro hat der Kreistag dafür billigen müssen, plus höherer Betriebskosten. Die Beschlüsse fielen mit Schmerzen, aber in der Gewissheit, sich nie mehr mit Vereinszoff plagen zu müssen.

Hilferufe