Taubenhospiz in Böblingen Ein rettendes Heim den Ratten der Lüfte

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Das Tierheim eröffnet gleichsam ein Taubenhospiz für schwer verletzte Vögel. Es soll auch ein Ausrufezeichen für hilflose Städte setzen.

Gewöhnliche Stadttauben, weiße Hochzeitstauben, fächerfedrige Zuchttauben werden in der neuen Voliere leben. Foto: factum/Granville
Gewöhnliche Stadttauben, weiße Hochzeitstauben, fächerfedrige Zuchttauben werden in der neuen Voliere leben. Foto: factum/Granville

Böblingen - Ehnis Flügel liegt zur Entsorgung auf dem Sondermüll. Wer auch immer den Vogel mit dem Luftgewehr angeschossen hat, ein Treffer reichte ihm nicht. Drei Geschosse zersplitterten die Knochen. Womit nach allgemeiner Lesart der ganze Vogel ein Fall für den Sondermüll gewesen wäre, denn Ehni ist kein Buntspecht oder Nymphensittich, sondern eine Taube. Ihren Namen bekam sie, weil die Ehninger Feuerwehr sie aus einer Dachrinne barg. Die Amputation des Flügels kostete die Böblinger Tierschützer 60 Euro. Seither beäugt Ehni im Tierheim die Mäuse, die aus den Näpfen der Vögel Körner räubern. „Die sind rotzfrech“, sagt Britta Leins, „aber was soll man machen?“. Tierschützer können schlecht Mäuse töten.

Jüngst hat der Deutsche Tierschutzbund einen Versuch begonnen, das Elend der Stadttauben zu erklären. Unter anderem bekam Markus Lewe Post, der Städtetags-Präsident. „Respekt Taube“ heißt die Aktion. Sie wird mit einiger Gewissheit erfolglos bleiben. Zu tief ist in die Hirne gebrannt, dass Tauben keimverseuchte Ratten der Lüfte seien. Dagegen hilft nicht das Urteil des Bundesinstituts für Risikobewertung, dass „der weitaus engere Kontakt mit Heimtieren größere Gefahren bergen dürfte“. Dagegen hilft auch nicht, dass niemand je von seinem Arzt hörte, eine Taube habe ihn infiziert.

Das Böblinger Projekt ist bundesweit einmalig

„Alles wird aufgenommen, nur keine Taube“, sagt Leins, „nicht einmal die Tierheime nehmen das Thema ernst“. Vögel wie Ehni gelten auch ihnen als Fall für die letzte Spritze. Weshalb mit ihr in Böblingen ein bundesweit einmaliges Projekt beginnt. Die dortigen Tierschützer eröffnen gleichsam ein Hospiz für Tauben, die so schwer verletzt wurden, dass ihnen ein Leben in Freiheit unmöglich geworden ist.

Die eigentliche Voliere für sie, gut 25 Quadratmeter groß, ist noch nicht fertig, aber künftige Bewohner warten schon. Gewöhnliche Stadttauben, weiße Hochzeitstauben, fächerfedrige Zuchttauben, verirrte Brieftauben kauern auf Stangen. Sie alle wurden schwer verletzt gefunden, den meisten fehlen Gliedmaßen. Etwa 80 solcher Tiere werden in der neuen Voliere leben, zwangsläufig bis zu ihrem Tod. Bis zu 20 Jahre alt werden sie in Gefangenschaft, auf der Straße sind es selten mehr als zwei.

Die Voliere soll auch ein Zeichen sein gegen den zumeist hilflosen Umgang der Städte mit ihrem Taubenproblem. Erfolg versprechen Schläge, in denen die Vogeleier gegen Attrappen ersetzt werden. In der Region Stuttgart hat zuerst – vor fast 20 Jahren schon – die Stadt Esslingen und zuletzt die Stadt Stuttgart für solche Konzepte den Landesnaturschutzpreis gewonnen.

Das jüngste Gegenbeispiel liefert Leonberg

Das jüngste Gegenbeispiel liefert Leonberg. Dort sollen Bussarde Tauben in einen Käfig treiben, damit sie irgendwo ausgewildert werden. „Das ist reine Geldmacherei“, sagt Leins, „die kommen alle zurück“. Bussarde sind keine Schäferhunde, die Herden zusammenhalten, und Tauben zeichnet ihr Orientierungssinn aus. Der führt sie stets an den Ort zurück, an dem sie geboren wurden. Überdies haben sie in der Natur ähnliche Überlebenschancen wie ein Chihuahua. Beide sind Nachkommen einstiger Wildtiere, aber längst so verzüchtet, dass sie nur in der Nähe des Menschen leben können. Schon die antiken Römer schätzten Tauben, nicht allein des Bratens wegen. Ihr Kot ist ein hervorragender Dünger.

Solange die Städte kein wirksames Mittel gegen die Vermehrung finden, „saufen die Taubenschützer in den Tieren ab“, sagt Leins. Sie lehnt am Rohbau der Voliere und zündet eine Zigarette an. „In zwei Jahren wird die voll sein“, sagt sie. Dann beginnt wieder der Taubentourismus. Über die Republik verteilte Tierfreunde nehmen die verkrüppelten Vögel auf. Die letzten Fuhren gingen 500 Kilometer weit nach Bad Salzuflen. Das Wort absaufen ist für die tierfreundliche Frau dort keineswegs die falsche Wahl. Sie hält 800 Tauben.




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