Tierwelt in Stuttgart-Mitte Stuttgarts Vögel sind in Not

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Schwalben und andere Arten drohen aus der Stadt zu verschwinden. Die hohen Temperaturen in diesem Sommer verschärfen die Lage für die Tiere.

Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer. In Stuttgart wäre das ohnehin eher die Aufgabe des abgebildeten Mauerseglers. Er zieht viel häufiger seine Kreise über den Dächern der Stadt  – noch. Foto:  
Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer. In Stuttgart wäre das ohnehin eher die Aufgabe des abgebildeten Mauerseglers. Er zieht viel häufiger seine Kreise über den Dächern der Stadt – noch. Foto:  

S-Mitte - Sommer ohne Ende titelten Medien im August 2015. Die Stadt Kitzingen verzeichnete am 5. Juli und am 7. August in Mainfranken Deutschlands neuen Hitzerekord mit jeweils 40, 3 Grad Celsius. Auch der Stuttgarter Kessel lag wochenlang unter einer Glocke aus schwül-warmer Luft. Der Ornithologe Michael Schmolz erinnert sich an ein erschreckendes Phänomen aus dem Jahr der endlosen Hitze. Junge Mauersegler krochen aus ihren Höhlen, nachdem sich die Spalten unter Dächern in Backöfen verwandelt hatten. Da sie noch nicht fliegen konnte, wurde ihnen die vermeintliche Rettung zum Verhängnis: Sie stürzten in den Tod. „Damals wurden ganze Kolonien ausgelöscht“, erinnert er sich.

Ob in diesem Jahr ein ähnliches Massensterben droht, hängt von der weiteren Entwicklung des Sommers ab. Zu heiß und zu trocken gerade für die ohnehin geplagte Vogelwelt in der Stadt sei der Sommer aber schon bisher gewesen, sagt Schmolz. Die hohen Temperaturen und der mangelnde Niederschlag verschärften nun all das, was Vögeln das Leben in der Innenstadt immer schwerer macht, warnt Schmolz. Der Ornithologe ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz. Er lebt teilweise in Stuttgart und hat sich im vergangenen Jahr in einer Studie mit der Lage der Schwalben in der Stadt beschäftigt. Er stellte fest, dass sich der Bestand innerhalb weniger Jahre halbiert hat. Der Klimawandel sei eine Ursache für das Vogelsterben in der Stadt, erklärt er. „Ich habe erst vor Kurzem eine Amsel beobachtet, die mit einem Stock nach einem Regenwurm gesucht hat. Vergeblich, weil der Boden viel zu trocken war, um mit ihrem Stöckchen tief genug ins Erdreich zu vorzudringen“, sagt er.

Schwalbenbestand hat sich halbiert

Wie der Amsel ergehe es vielen Vögeln: Wenn Böden trocken und Blüten verdorrt sind, gibt es noch weniger Insekten, die eine Mahlzeit sein könnten. „Das kann dazu führen, dass Elterntiere ihren Nachwuchs nicht mehr ernähren können“, sagt Schmolz. Der Sommer verschärft aber nur eine Not, die seit Jahren nicht nur die Schwalben in der Stadt trifft. Schmolz fordert, dass die Stadt eine Zählung der Mauersegler in Auftrag gibt. Tatsächlich ist die Stadt nach Aussage einer Sprecherin dabei, diesen und vergangenen Monat brütende Mauersegler unter anderem im Bezirk Mitte zu zählen. Fachleute würden mit Ferngläsern die Straßen ablaufen und nach Nestern Ausschau halten, erklärt sie.

Mauersegler sind jene Vögel, die über dem Schlossplatz kreisen und die mancher Laie gern mit Schwalben verwechselt. Während die Schwalben in der Innenstadt aber kaum noch zu sehen seien, sei der Anblick von Mauerseglern über den Dächern und Plätzen der Stadt immer noch üblich, meint Schmolz. Doch der Augenschein verrate wenig über die tatsächliche Verbreitung der Art. „Der schleichende Rückgang einer bestimmten Vogelart fällt lange nicht auf“, warnt der Experte. Letztlich würden alle Vogelarten in der Stadt vor den gleichen Herausforderungen stehen. Da ist zum einen die Erderwärmung. Einheimische Arten können sie schlechter bewältigen als mediterrane Artgenossen. Mittelmeervögel ziehen gewissermaßen als Klimaflüchtlinge nach Zentraleuropa und verfügen dann über bessere Fähigkeiten, Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius über einen längeren Zeitraum zu überstehen. Alle Vögel leiden darunter, dass ihnen besonders in der Stadt immer weniger Insekten als Nahrung zur Verfügung stehen. „Wir haben ein übertriebenes Bedürfnis nach Ordnung. Das ist der Grund“, sagt Schmolz. Akkurat gemähte Grünflächen und geschnittene Hecken seien für Vögel ein Problem, meint der Experte. Denn wo Natur wild blühe, lebten eben die meisten Insekten, die Vögeln als Speise dienten, erklärt er. Die Hygienestandards in der Stadt waren in früheren Jahrhunderten zudem andere. „In den Zeiten, in denen Pferdeäpfel auf den Straßen lagen, gab es immer genug Insekten für die Vögel“, sagt er. Auch Sanierungen alten Baubestands schadeten oft der Vogelwelt. „Wenn nirgends eine Spalte übrig bleibt, gibt es auch keinen Platz für die Nist“, sagt Schmolz.

Mittelmeervögel ziehen nach Norden

Immerhin könne der Mensch in der Stadt, Nistkästen anlegen, meint er. Sie sollten allerdings im Schatten stehen und belüftbar sein, um Vögeln das Schicksal der jungen Mauersegler während der Hitzewelle 2015 zu ersparen. Ansonsten bleibt Stadtbewohnern aus Sicht des Ornithologen nur eine Möglichkeit, zu verhindern, sich Vogelgezwitscher zu bewahren: Die Stadt müsse eben mehr Wildnis wagen, fordert er.

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