Till Lindemann und Lizzo MeToo-Debatte ist im Pop angekommen

Till Lindemann und Lizzo – zwei internationale Superstars gegen die Vorwürfe erhoben werden Foto: Imago/Gonzales Photo/Sebastian Dammark, Zuma Wire/Valeria Magri

Tänzerinnen der US-Sängerin Lizzo werfen ihr Diskriminierung, Belästigung und Körperverletzung vor. Der Rammstein-Sänger Till Lindemann wird sexueller Übergriffe gegenüber Fans bezichtigt. Was man aus der aktuellen Diskussion über diese Fälle lernen kann – und was nicht.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Es gilt die Unschuldsvermutung. Das kann man nicht oft genug betonen. Weder die Vorwürfe gegen den Rammstein-Frontmann Till Lindemann (60) noch die gegen den US-Superstar Lizzo (35) sind bewiesen. Dennoch zeigen die aktuellen Diskussionen, wie wichtig es ist, dass endlich auch im Pop eben solche geführt werden. Anders als in der Filmindustrie scheint dort nämlich #metoo bisher immer noch nicht richtig angekommen zu sein. Unabhängig davon, ob sich die Vorwürfe bewahrheiten, verrät die öffentliche Debatte viel über unsere (falschen) Vorstellungen vom Popbusiness und das Selbstverständnis der Stars. Ein Versuch der Einordnung der beiden Fälle, die die Musikwelt erschüttern.

 

Was sind die Vorwürfe?

Der Fall Lindemann: Seitdem die Irin Shelby Lynn behauptet, sie sei am 22. Mai bei einem Rammstein-Konzert im litauischen Vilnius backstage unter Drogen gesetzt und verletzt worden, werden immer neue Anschuldigungen gegen Till Lindemann erhoben. Offenbar wurden junge Frauen gezielt als Sexobjekte rekrutiert. Dem Sänger wird sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch vorgeworfen. Zudem soll er ein Verhältnis mit einer Minderjährigen gehabt haben. Der Fall Lizzo: Drei Ex-Tänzerinnen der US-Sängerin haben diese verklagt. Im Anwaltsschreiben ist von „sexueller, religiöser und rassistischer Belästigung, Diskriminierung aufgrund von Behinderung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung“ die Rede. Inzwischen gibt es von mindestens sechs weiteren Menschen Anschuldigungen gegen Lizzo, die in eine ähnliche Richtung gehen.

Wie haben die Stars reagiert?

In beiden Fällen weisen die Beschuldigten alle Vorwürfe zurück, sehen sich selbst als Opfer – und gehen zum Gegenangriff über. Die Kanzlei Schertz Bergmann, die Till Lindemann vertritt, geht beispielsweise mit Unterlassungsanträgen gegen Verdachtsberichterstattung vor. Lizzo bezeichnet die Vorwürfe der Tänzerinnen als „sensationslüsterne Geschichten“ und die Klagenden als unprofessionell.

Welches Selbstverständnis offenbaren die Stars?

Selbst wenn es am Ende keine strafrechtlichen (im Fall Lindemann) oder arbeitsrechtlichen Konsequenzen (im Fall Lizzo) gibt, zeigt sich, dass beide offenbar nicht verantwortungsvoll mit der Machtposition umgegangen sind, die sie als Star haben. Bereits in der römischen Antike führte Cicero den Begriff des „vir bonus“ ein, des guten Menschen: Er erwartete von Rednern, dass sie höheren moralischen Ansprüchen genügen als andere Menschen. Auf heutige Verhältnisse übertragen heißt das: Wer in der Öffentlichkeit großen Einfluss hat – das gilt für Politiker ebenso wie für Popstars – sollte sich nicht nur an den Buchstaben des Gesetzes orientieren, sondern sich auch darüber hinaus moralisch integer und vorbildlich verhalten. Das scheint weder auf Lindemann noch auf Lizzo zuzutreffen.

Wer sind die Opfer?

Es handelt sich um unterschiedliche Formen des Machtmissbrauchs. Mit seinem Groupie-Casting soll Lindemann systematisch die Begeisterung und das Vertrauen seiner Fans ausgenutzt haben. Die jungen Frauen kamen zwar freiwillig backstage, wussten in der Regel aber nicht, worauf sie sich einließen und wurden einer sexualisierten Situation ausgesetzt, der sie nur schwer entkommen konnten. Selbst wenn sie nicht wirklich bedroht, mit Gewalt gezwungen oder unter Drogen gesetzt wurden, fühlten sie sich von Lindemann möglicherweise so eingeschüchtert, dass sie Dinge gegen ihren Willen getan haben. Lizzos mutmaßliche Opfer waren dagegen Menschen, die als ihre Beschäftigten finanziell von ihr abhängig waren. Sie soll ihre Position als Arbeitgeberin missbraucht, als Vorgesetzte ihre Mitarbeiter gemobbt haben – das bezeichnet man auch als Bossing.

Verrät das Musikgenre die Täter?

Die Vorwürfe gegen Lizzo schockieren vielleicht sogar mehr als die, die gegen Lindemann erhoben werden. Einer Frau, deren Musik ein fluffiger Mix aus R&B, Pop und Hip-Hop ist und die sich als Postergirl der Body Positivity inszeniert und gegen Diskriminierung und Mobbing eintritt, traut man das nicht zu. Lindemann hat dagegen in seinen Liedern immer schon Gewalt, Sex und Verlangen vermengt und sich damit verdächtig gemacht. Wer aber behauptet, es genüge, sich die drastisch-martialischen Rammstein-Songs anzuhören und die Texte zu lesen, um zu wissen, dass Lindemann schuldig ist, verwechselt Kunst und Leben. Die Rammstein-Shows gleichen in ihrer bizarren Ästhetik brachialen Operninszenierungen. Shakespeare hat „Titus Andronicus“ geschrieben und war trotzdem kein Vergewaltiger und Mörder. Stephen King denkt sich ständig neue Horrorszenarien aus, ist aber als überaus friedfertiger Mensch bekannt. Auf der anderen Seite wurden schon viele Schmusesänger und Kitschroman-Autoren wegen Gewalttaten verurteilt.

Darf man die Musik von Lizzo und Rammstein noch gut finden?

Diese Frage kann jeder nur für sich selbst beantworten. Es gibt Menschen, denen es gelingt, Kunstwerk und Kunstschaffende unabhängig voneinander zu betrachten, anderen fällt das schwer.

Wie geht es weiter?

Die laufenden Ermittlungen gegen Lindemann haben Rammstein kommerziell nicht geschadet – im Gegenteil. Doch die Zukunft ist ungewiss. Es gibt sowohl Gerüchte über eine 2024 geplante Tour als auch über die Auflösung der Band. Im November und Dezember will Lindemann auf Solotour gehen. Im Fall Lizzo gehen Rechtsexperten davon aus, dass die Sängerin nicht mit rechtlichen Konsequenzen rechnen muss. Doch sie hat seit den Vorwürfen über 150 000 Instagram-Follower verloren, ein möglicher Auftritt beim nächsten Super Bowl wurde bereits jetzt abgesagt.

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