Wie so vielen Künstlern fehlt auch den Stipendiaten der Kunststiftung Baden-Württemberg derzeit das Publikum. In der Online-Serie „Tiny Room Sessions“ präsentieren sie sehr fokussiert ihr Schaffen.

Stuttgart - Die Pandemie hat die Kultur gezwungen, ins Netz auszuweichen – was natürlich besser ist als gar nichts; doch so manche Darbietung verliert abgefilmt einiges von ihrer Wirkung gegenüber dem Live-Erlebnis. Aus der Not eine Tugend macht die Kunststiftung Baden-Württemberg bei ihren „Tiny Room Sessions“: Sie präsentiert aktuelle und ehemalige Stipendiaten in einem konzentrierten, intimen Rahmen und bietet dabei sogar einen Mehrwert – hier kommt man den Künstlern auf andere Art nahe und darf dabeisein, während Kunst entsteht.

 

In der ersten Staffel zum Beispiel zeigte der Stuttgarter Musiker Thomas Maos eine Performance mit einer Reiskocherkugel, in die er ein Mikrofon gepackt hatte: Er übersetzte seine Bewegungen in Klänge, er knarzte, quietschte, fiepte und erschuf ein kleines Echtzeitkunstwerk.

Vincent Egerter konnte man dabei begleiten, wie er mit unzähligen Drehreglern elektronische Klänge generierte, manipulierte und ineinanderfließen ließ. Sein Tun erinnert an die frühem analoge Synthesizer-Klangforschung der 60er Jahre, die heute Dank digitaler Mittel ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten bietet.

„Unser Ziel war es, nicht einfach Darbietungen zu filmen, sondern mit dem Medium tatsächlich zu arbeiten“, sagt Bernd Georg Milla, der Geschäftsführer der Kunststiftung. „Durch verschiedene Kamerapositionen kann man gut sehen, was die Künstler machen. Durch Blicke von oben und aus kurzer Distanz auf die Gerätschaften hört man anders und versteht, wie das entsteht.“

Zum Konzept gehört auch, dass die Serie sich nicht nur auf Musik beschränkt. „Wir haben das bewusst nicht ,Tiny Room Concerts‘ genannt, sondern ,Sessions‘, weil wir eine Verbindung zur Literatur und zur Bildenden Kunst wollten“, sagt Milla. „Das Programm wird dadurch weniger eng, es kann übergreifender sein, bietet Zwischenmöglichkeiten. Johannes Werner zum Beispiel präsentiert sich nicht rein als Schlagzeuger, sondern performt auch im Raum mit Gymnastikgummibändern.“

Operngesang zur Metoo-Debatte

Viele Künstler nutzen die Freiräume, die das Format ihnen bietet. Die Opernsängerin Andrea Conangla zum Beispiel begann in der ersten Staffel mit Puccini und endete mit John Cage und Zeugnissen von Frauen zur Metoo-Debatte. Zwischendrin beschäftigte sie sich unter dem Titel „British Invasion is not over“ auf eigenwillige Weise mit dem Beatles-Evergreen „Yesterday“. „Das stammt von unserem Kompositionsstipendiaten Ui-Kyung Lee“, sagt Milla. „Seit 2012 haben wir ein Stipendium für neue Musikformen, das sich explizit nicht auf Neue Musik beschränkt, sondern experimentelle Popmusik mit einbezieht.“

Zum Auftakt der zweiten Staffel am 25. Juni liest, Poetin und Drehbuchautorin („Bube stur“), aus ihrem ersten Lyrik-Band „muster des stillen verkabelns“. Darin findet sich unter anderem folgendes Gedicht:

„hausordnung

ich werde beobachtet, ich muss

mich benehmen. darf nicht in unterwäsche

zum nachbarn gehen. darf nicht

in schuhen schlafen, auf wimpern

wippen, in schubladen baden.

mich über den ameisenhaufen

in meiner hochsteckfrisur beklagen.

muss vater bei jedem buchstaben

um erlaubnis fragen. am esstisch

herrscht schweigepflicht, zum einschlafen

singt mutter den wetterbericht,

denn in vaters nasenloch belauschen

die wanzen uns immer noch“

Tiny Room Sessions, jeweils um 20 Uhr: am 25.6. Lyrik liest Ines Berwing ihre Gedichte, am 2.7. bietet der in Stuttgart geborene Timm Roller Medienkunst mit Musik, am 9.7. reist der Schlagzeuger Johannes Werner in experimentelle rhythmische Gefilde, am 16.7. erkundet der Schlagzeuger Bodek Janke die Möglichkeiten indischer Tablas, am 23.7. sorgt die DJane und Bassistin Angie Taylor für eine wahrscheinlich tanzbare Ausgabe, zum Abschluss am 30.7. liest Christian Schultheiß aus seinen Werken.

Die Verleihung der Stipendien findet am 1.7. ebenfalls Online statt. Alle 20 Stipendiaten zeigen einminütige Filmporträts von sich, die sie selbst gedreht haben.