Tipps im Rems-Murr-Kreis Die schönsten Cafés und Ateliers

Auch Evelyn Weiblen (links) mit ihrem floralen Café in Schwaikheim hat Ute Friesen besucht – hier beim Gespräch im prächtig-heimeligen Außenbereich des Blumengeschäfts. Foto: Horst Rudel

Ihre mehrmonatigen Recherchen hat Ute Friesen aus Plüderhausen in einem neuen Ausflugsführer zusammengefasst. Die „Neugier auf Lebensgeschichten“ treibt sie an – auch bei ihren weiteren Berufen Lehrerin, Trauerrednerin und Reiseführerin für Blinde.

Wer will es bezweifeln: Ein Beruf allein kann mehr als erfüllend sein und einen an die Grenzen der eigenen Schaffenskraft bringen. Doch mit einem ist Ute Friesen offenkundig nicht ausgelastet. Neben ihrem Haupttätigkeit als Berufsschullehrerin hat die Frau aus Plüderhausen drei weitere Jobs: Sie ist Reiseleiterin für Blinde und Sehbehinderte, wirkt als Trauerrednerin und veröffentlich zudem als Autorin immer wieder spannende Sachbücher. Dazu gehört beispielsweise „Mein Baden-Württemberg-Buch“, sie hat auch ein Mitmach-Geschichtsbuch über die Heimat mit den „abgefahrensten Ausflugszielen im Ländle“ verfasst, ebenso Stuttgarter Rätseltouren für Kinder ausgekundschaftet und in einem Buch veröffentlicht.

 

Ihr jüngstes Werk heißt „Cafés & Ateliers rund um Stuttgart“. 31 Adressen im „großen Speckgürtel“ von Stuttgart hat sie dafür besucht, in dem es eben „nicht nur ausgezeichneten Speck, sondern jede Menge Cafés und Konditoreien gibt“. Ausgesucht hat sie Kuchenbäckerinnen und Baristas mit Ideen und Lebensgeschichten, die es wert sind, erzählt zu werden – weil es die Gründerinnen und Gründer seien, die ein Café zu einem inspirierenden, behaglichen Ort machten.

Ein Blumengeschäft in der Blumenstraße

Alle 13 vorgestellten Café-Betreiberinnen und -Betreiber hatten „den beachtlichen Mut, eine persönliche Oase der Ruhe und der genüsslichen Schlemmerei im Gewimmel der Metropolregion zu schaffen – in der Hoffnung, dass ihr Angebot wahrgenommen wird“. Dazu hat Ute Friesen noch 18 Ateliers in Augenschein genommen. Die Porträts sollen Lust darauf machen, aufzubrechen zu den beschriebenen Orten, erläutert sie beim Treffen im prächtigen Garten von „Cafeline bei Blumen Dürr“, wie das Kapitel über das seit 65 Jahren bestehende Traditionsgeschäft von Inhaberin Evelyn Weiblen heißt – mit Sitz, wie passend, in der Blumenstraße 9 in Schwaikheim.

Allein im Rems-Murr-Kreis ist sie bei ihren Recherchen auf zehn lohnenswerte Ziele gestoßen, deren Besuch man sich nun für den Spätsommer oder Frühherbst vornehmen kann. „Ich liebe es, Lebensgeschichten zuzuhören und sie dann aufzuschreiben“, erklärt sie ihr Credo. Es sollen „die besonderen Menschen im Mittelpunkt stehen“. Sie sei „keine Konditorenkritikerin, ich habe die Cafés nicht ausgesucht nach dem kulinarischen Angebot. Mir ging es um das außergewöhnliche Konzept, ich wollte herausfinden, was für ein Traum damit verbunden ist, welches Konzept dahintersteckt.“ Erlebt hat sie teils Fachkräfte, die das Metier von der Pike auf gelernt haben, aber auch Quereinsteiger, die erst später die Leidenschaft für Kaffeesorten oder Süßes entwickelten.

Die beiden Esel heißen Hugo und Sofie

Der Hof Heukeshoven in Steinbrück, gelegen im Welzheimer Wald zwischen Miedelsbach und Breitenfürst, hat es als Abbildung auf den Titel geschafft. „Insider reisen mit dem Esel an“, berichtet Ute Friesen. Denn bei Nadia Heukeshoven kann man als Eselwanderer nächtigen, morgens nach dem „I-aah“-Weckruf weiterziehen oder auch die beiden Esel Hugo und Sofie entleihen. Und vor dem Eselausflug kann man einen der selbst gebackenen Kuchen genießen – eine Rezeptempfehlung gibt’s am Ende jeden Kapitels. So hat die Autorin zahlreiche Tipps für Ausflüge an Werktagen oder am Wochenende parat. Sie stellt das bereits erwähnte floristische Café von Evelyn Weiblen vor, Klenks Konditorei in Berglen-Ödernhardt oder den Hegnacher Scheunenladen von Renate Jung, Untertitel: „Eine Maschinenbau-Technikerin rettet Opas Scheune.“

Dazu kommen noch sechs Ateliers an Rems und Murr – so jenes von Beatriz Schaaf-Gieser in einer alten Messerfabrik in Winnenden („Im Filz der Erinnerungen“), Martin Hertfelders „Werkstatt Steinleben“ in Urbach, Claudia Gadients Lederwerkstatt in Allmersbach im Tal, „Leuchtendes aus weißem Gold“ bei der Meisterin für Baukeramik, Angela Munz in Welzheim-Aichstrut, die Gärten und Gefäße von Sabin Brendle hoch über Backnang oder das Atelier des Malers Valentin Vitanov aus Fellbach-Oeffingen („Der freiheitsliebende Figurenkomponist“).

Der Hauptbroterwerb von Ute Friesen ist ihre Tätigkeit als Lehrerin (Deutsch und Gemeinschaftskunde) an der Tilly-Lahnstein-Schule, einer beruflichen Schule für Blinde und Sehbehinderte der Nikolauspflege in Stuttgart. Zumindest indirekt hat dies auch mit ihrem weiteren Arbeitsfeld zu tun – sie ist Reiseleiterin für Blinde und sehbehinderte Menschen. Im Auftrag der Besitzerin Laura Kutter des Reisebüros Tour des Sens in der Stuttgarter Teckstraße organisiert Friesen inklusive Touren gemäß dem Konzept, „Menschen mit und ohne Sehbehinderung zusammenzubringen“. Die Sehenden unterstützen dabei ihre blinden Mitreisenden, „jeden Tag wird durchgewechselt, und es gibt es ein anderes Tandem, es soll für beide ein lohnenswerter Urlaub sein“.

Reiseziele mit allen Sinnen wahrnehmen

Bisher war sie mit ihren Gruppen vor allem in Deutschland unterwegs, zuletzt in Karlsruhe, Bad Kreuznach und am Oberrhein. „Es geht darum, die Reiseziele mit allen Sinnen wahrzunehmen“, sagt die demnächst 50-Jährige. Deshalb ist die aus maximal 16 Teilnehmern bestehende Gruppe fast immer mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. „Blinde haben ja nichts davon, stundenlang in einem Bus durch die Gegend zu kutschieren“, sagt sie.

Der Geschmack und Geruch spielen wichtige Rollen, vor Ort geht es mal ins Tropenhaus, im Römermuseum wird eine Tastführung organisiert, es gibt eine Vogelstimmenwanderung oder eine Bootstour mit akustischem Schwerpunkt am Wildbach, „da hört man die Unterschiede, ob das Wasser über Steine plätschert oder einen Wasserfall hinab rauscht“. Das erfordere eine intensive Vorbereitung, sagt Ute Friesen, die vor allem kleine Hotels auswählt, weil es dort kein Büfett gibt, wobei sie wiederum vorher auf Treppengeländer und Dachschrägen im Hotelzimmer achten muss.

Die Besonderheiten jedes einzelnen Lebens würdigen

Und seit bald sechs Jahren ist Ute Friesen auch noch Trauerrednerin. „Die Verstorbenen zu würdigen, Worte zu finden, wo ein Mensch für immer verstummt ist, die Besonderheiten jedes einzelnen Lebens zu würdigen, Erinnerungen am Leben zu erhalten, das ist das Ziel meiner Arbeit“, sagt sie. Für das Gespräch mit den Angehörigen nimmt sie sich bis zu drei Stunden Zeit, erstellt bei Bedarf eine persönliche Biografie des Verstorbenen mit einem Sprachstil, der den Lebensgeschichten gerecht wird, „egal ob mit Lausbubenstreichen der Kindheit, belastenden Fluchterfahrungen oder heiteren Anekdoten“. Auch hier gilt das große Ziel, wie bei allen ihren Tätigkeiten: „Es ist meine Neugier auf Lebensgeschichten.“

Pädagogik im Kaukasus und Seelenschmeichler im Raum Stuttgart

Anfänge
 1972 in Esslingen geboren, wächst Ute Friesen auf der anderen Seite des Schurwalds im Remstal auf. Nach dem Abitur am Schorndorfer Max-Planck-Gymnasium und dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Stuttgart ist sie von 2000 bis 2004 Programmlehrerin im Kaukasus. Von 2004 bis 2016 ist sie Lehrerin in der Erwachsenenbildung, nun arbeitet sie als Lehrerin an der Tilly-Lahnstein-Schule (Berufsschule) der Nikolauspflege, der Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen.

Tätigkeiten
 Ute Friesen ist außerdem Trauerrednerin, Reiseleiterin, Biografin, Veranstalterin und Autorin von Sachbüchern für Kinder und Erwachsene. Sie lebt in Plüderhausen.

Publikation
 Ihr aktuelles Buch „Cafés & Ateliers rund um Stuttgart“ ist kürzlich im Verlag J. Berg erschienen und stellt besondere Menschen und Orte vor: 31 Künstlerinnen und Künstler, Gastronomen, ihre Lokalitäten und ihre Lebensgeschichten. Möglich wird so eine Reise zu „Blumencafés, Food Lovern und Seelenschmeichlern“, wie es heißt. Das 160-seitige Buch ist mit 240 Abbildungen versehen und für 22,99 Euro im Buchhandel erhältlich.

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