Im Heizkeller fanden sie schließlich die Ursache: Ein Batteriespeicher war detoniert und hatte anschließend einen Schwelbrand ausgelöst. Als die Wehrleute das Gerät ins Freie trugen, entzündete es sich erneut; nach dem Löschen wurde es zum Abkühlen in einen Wasserbottich gestellt. Sogar der Bürgermeister erschien vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Zum Glück war nachmittags niemand zuhause
Menschen kamen laut dem Bericht der Feuerwehr nicht zu Schaden, „zum Glück“ sei am frühen Nachmittag niemand zu Hause gewesen. Doch für den Hersteller des Stromspeichers, die Firma Senec, und ihren Mutterkonzern EnBW war das Unglück auch so folgenschwer. Es stand am Anfang einer Reihe von insgesamt sechs Zwischenfällen, in denen es 2022 und 2023 laut EnBW zu Verpuffungen und Bränden in Räumen mit Senec-Speichern kam.
Seither haben der Karlsruher Energieriese und seine vor einigen Jahren erworbene Leipziger Tochter ein Problem: mit dem Erkennen und Beheben der Ursache, mit den bis heute andauernden Vorsorgemaßnahmen, mit Kunden, die ob der Einschränkungen zunehmend erbost sind, und mit einer womöglich drohenden Prozesswelle. Auch finanziell könnte der Ärger mit der Technik zu einer erheblichen Belastung werden, und am Ruf kratzt er bereits jetzt.
Beste Aussichten für das Speichergeschäft
Dabei gilt die Kombination von Photovoltaik-Dachanlagen und Stromspeichern eigentlich als Paradetechnik für die Energiewende. Die Eigenversorgung soll dadurch noch attraktiver werden: Der Heimspeicher nimmt den nicht sofort verbrauchten Solarstrom auf und gibt ihn wieder ab, wenn je nach Wetter und Tageszeit wenig oder kein neuer produziert wird. Langfristig werde kaum noch jemand mit PV-Anlage auf dem Dach auf einen solchen Puffer gegen Schwankungen verzichten wollen, glaubt die EnBW. Für den Markt der Geräte, auf dem Senec zu den drei größten Anbietern zähle, bedeute das glänzende Wachstumschancen.
Auf den Webseiten des Herstellers sieht alles picobello aus: In der Garage neben dem schicken Eigenheim wird da das E-Auto mit selbst erzeugtem Solarstrom geladen. Auch optisch machen die etwa kühlschrankgroßen Speicher mit den abgerundeten Ecken etwas her; für das Design gab es sogar eine Auszeichnung. Umso größer ist der Kontrast zu Bildern wie aus Bodnegg, wo ein ausgebranntes Gerippe vor einem erst einmal nicht mehr bewohnbaren Haus steht.
Unfälle „sehr selten“, Technik „sehr sicher“
Repräsentativ sind solche Fotos für die EnBW keineswegs. Fast eine Million Stromspeicher verschiedener Hersteller seien inzwischen in Deutschland installiert, betont das Unternehmen, technische Defekte träten nur „sehr selten“ auf. Laut Fachleuten betrage das Brandrisiko 0,003 bis 0,007 Prozent, nur wegen des Medienechos werde es ungleich größer wahrgenommen. Insgesamt sei die Technologie „sehr sicher“.
Bei den mehr als 100 000 verkauften Senec-Geräten komme es sogar noch seltener zu Bränden. Doch die Leipziger stünden wegen ihrer Transparenz verstärkt im Fokus: „Senec spricht sehr offen über die wenigen Fälle“, heißt es bei der EnBW, „da wir diese Thematik sehr ernst nehmen.“
„Sicherheit hat absolute Priorität“ – das ist die Devise der Firma im Umgang mit den Vorfällen. Nach Bodnegg wurden alle Geräte der fraglichen Baureihen aus der Ferne abgeschaltet und in den Stand-by-Modus versetzt, als „reine Vorsichtsmaßnahme“. Später wurden Batteriemodule ausgetauscht und eine Überwachungssoftware („Smart Guard“) installiert, die selbst „kleinste Abweichungen“ erkennen sollte. Fast alles lief wieder in geregelten Bahnen, als es 2023 zu neuen Fällen kam – unter anderem in Burladingen, wo sich ein Speicher im Keller eines Hauses entzündete. Die Feuerwehr rückte zum Löschen an, ein Bewohner atmete Rauch ein und musste vorsorglich ins Krankenhaus.
Kapazität vorsorglich auf 70 Prozent reduziert
Was genau geschehen ist, trotz der Warntechnik, wird laut EnBW „aktuell noch untersucht“. So lange sind die betroffenen Systeme im sogenannten Konditionierungsbetrieb. Die Speicherkapazität wird dabei per Fernsteuerung übers Internet auf 70 Prozent reduziert, als Ausgleich gibt es 7,50 Euro pro Woche. Von „Kulanz“-Zahlungen spricht das Unternehmen, doch Kunden verweisen auf die Senec-Garantie: Für die ersten zehn Jahren habe man ihnen 100 Prozent Kapazität zugesichert. Wer würde wohl einen Neuwagen akzeptieren, dessen Motorleistung nach dem Kauf auf 70 Prozent gedrosselt wird, fragt ein Betroffener aus Esslingen. Doch bei den Tausende Euro teuren Speichern solle man das schlucken. Andere verweisen darauf, dass sie beim Erwerb auf den Mutterkonzern EnBW vertraut hätten. Doch man habe offenbar ein noch nicht ausgereiftes Produkt erhalten. Auch bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mehren sich Beschwerden und Anfragen.
Längst kümmern sich spezialisierte Anwälte um die Senec-Käufer. Die Stuttgarter Kanzlei SPL etwa vertritt nach eigenen Angaben deutschlandweit mehr als 100 Kunden. Unlängst erstritt sie vor dem Landgericht Münster einen wichtigen Erfolg: Ein Händler wurde zur Erstattung des Kaufpreises von 15 000 Euro verurteilt, zuzüglich Anwaltskosten. Das mache Mut für weitere Verfahren. Auch die aus der Dieselaffäre bekannte Lahrer Kanzlei Dr. Stoll und Sauer lässt sich das Thema nicht entgehen. Bei einem Händler habe man bereits die Rückabwicklung erreicht; vor dem Landgericht Frankfurt habe er sich erst gar nicht gegen die Klage verteidigt. Auch ein direktes Vorgehen gegen Senec sei möglich.
EnBW schweigt zu den Gerichtsverfahren
Von der EnBW gibt es zu den gerichtlichen Verfahren keine Auskünfte. Betont wird nur, der Mutterkonzern sei in keinem Fall beteiligt. Auch zu den wirtschaftlichen Folgen für die Tochterfirma schweigt das Unternehmen, ebenso wie zu den Auswirkungen auf die eigene Reputation. Einen Verlust des Vertrauens in die Technologie insgesamt sehe man aktuell nicht. Doch die Probleme mit Senec, hört man aus Karlsruhe, stünden dort inzwischen ziemlich weit oben auf der Agenda. Auch der Vorstand soll sich eingeschaltet haben.
Defekt nicht auszuschließen
Baureihen
Die Vorsorgemaßnahmen bei Senec-Geräten betreffen laut EnBW zwei Baureihen: Speicher der Generationen V2.1 und V3. Im Vergleich zum Gesamtmarkt komme es bei ihnen aber seltener zu Bränden.
Risiko
Aktuell verkaufte Geräte erfüllen laut EnBW alle gesetzlichen Normen. Zudem würden sie ständig überwacht. Defekte könne man aber nicht völlig ausschließen.